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Halbfinale der Handball-WM:Gereift und hungrig

In Paris zum Top-Handballer geworden: Sander Sagosen.

(Foto: Jonathan Nackstrand / AFP)

Schnell, auf Konter getrimmt und hart in der Abwehr: Deutschlands Gegner Norwegen hat große Qualitäten - und auch ein Bedürfnis nach Revanche.

Von Carsten Scheele, Hamburg

Der Knickwurf von Kai Häfner - sieben Sekunden vor Schluss, unten rechts ins Tor - hat sich eingebrannt ins Gedächtnis der norwegischen Handballer. Selbst völlig geknickt und körperlich ausgepumpt lagen sie bei der EM 2016 auf dem Parkett der Tauron Arena in Krakau, nach einem der nervenzehrendsten Handball-Krimis der jüngeren Vergangenheit: 33:34 nach Verlängerung (27:27, 13:14) unterlagen die Norweger im Halbfinale dem späteren Europameister, durch den entscheidenden Treffer von Häfner.

Anschließend gab es Proteste, weil die Deutschen im Jubel direkt nach dem Treffer erst mit acht Spielern, dann mit dem gesamten Team auf der Platte gestanden sind, obwohl die Zeit noch nicht abgelaufen war. Doch die Teamleitung zog die Beschwerde zurück. Mancher Norweger hat sich trotzdem geschworen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Drei Jahre später hat die Mannschaft die Chance zur Revanche, und eine Niederlage würde die Deutschen diesmal tatsächlich besonders hart treffen: In Hamburg, bei der Heim-WM des Gegners, mitten rein in die deutsche Handball-Euphorie. Zwar wissen die Norweger, dass das DHB-Team die Kulisse von 13 000 Fans hinter sich hat, rund 7000 Fans weniger als in Köln, aber immer noch genug, um die Mannschaft nach vorne zu brüllen. Die Deutschen wissen wiederum, dass die Norweger seit 2016 nicht schlechter geworden sind.

Im Gegenteil, vor drei Jahren hatten die Skandinavier eine junge, talentierte Mannschaft, in der prägende Akteure wie Rückraumspieler Sander Sagosen, Mittelmann Christian O'Sullivan oder Außenflitzer Magnus Jöndal nun drei Jahre älter und reifer geworden sind. Sagosen, 23, gebürtig aus Trondheim, spielte nach der Europameisterschaft, die für Norwegen auf Platz vier endete, noch ein Jahr in Aalborg in Dänemark - und wechselte im Sommer 2017 zu Paris Saint-Germain, als ihn halb Europa haben wollte, auch etliche Vereine aus der Bundesliga. In Paris entwickelt er sich an der Seite von DHB-Kapitän Uwe Gensheimer und Dänemarks Kraftbündel Mikkel Hansen prächtig: "Er hat alles, er kann alles", sagte der ehemalige deutsche Nationalspieler Stefan Kretzschmar über Sagosen. Für sein Alter sei der Norweger "extrem weit". Sagosen hat sich gesteigert bei dieser WM, beim entscheidenden vorletzten Hauptrundenspiel gegen Schweden schmiss er sieben Tore beim 30:27-Sieg, mit dem die Norweger die Schweden in der Gruppe überholten. Die eigentlich größte Handballnation Skandinaviens hat damit die Gewissheit, dass nicht nur Dänemark an ihr vorbeigezogen ist, sondern auch Norwegen.

Der Respekt der Deutschen ist jedenfalls groß vor dem Halbfinale an diesem Freitag (20.30 Uhr, ARD), nicht nur wegen Sagosen. In einigen Ranglisten haben die Norweger, die mit zehn Bundesligaprofis im Kader antreten, bei dieser WM die Führung übernommen: Die Mannschaft von Trainer Christian Berge, selbst jahrelang Mittelmann und Publikumsliebling bei der SG Flensburg-Handewitt, hat in Esper Christensen nicht nur den Torhüter mit den statistisch besten Werten dieser WM (42 Prozent gehaltene Bälle), sondern auch die meisten Tore geworfen (272), davon 66 nach Tempogegenstößen. Wer nach den Vorzügen der Mannschaft fragt, bekommt meist als Antwort, dass die Norweger "anders" spielen als Deutsche, Dänen oder Franzosen: schneller, besonders auf Konter getrimmt, dabei trotzdem mit einer traditionell harten Abwehr - wie alle skandinavischen Teams. Norwegen spiele wirklich "einen sehr, sehr schnellen Ball", sagte Häfner. Die Würfe von außen seien "echt tricky", ergänzte Torwart Andreas Wolff. Es wird sehr ankommen auf das Rückzugsverhalten der deutschen Abwehr, will sie sich nicht vom Gegner überrennen lassen. Auch Fabian Wiede wollte wenig davon wissen, dass der Gegner das vermutlich machbarste Kaliber unter den verbliebenen Mannschaften ist. Norwegen sei "ein hartes Brett", so Wiede.

Erst ein Spiel haben die Norweger verloren bei der WM - 26:30 in der Vorrunde gegen Dänemark, alle anderen Teams wurden besiegt. Den Halbfinal-Einzug hatten die Spieler dann vom Sofa aus betrachtet, schließlich waren sie nach dem eigenen Erfolg gegen Ungarn (35:26) auf Schützenhilfe von Dänemark angewiesen. Doch die Dänen lieferten. Vom Jubel seiner Spieler schreckte Trainer Berge hoch, der sich zur Ablenkung im Fernsehen für eine Naturdokumentation entschieden hatte: "Wild Planet" von David Attenborough.

In einer kurzfristig einberufenen Presserunde sagte Berge spätabends, dass die Deutschen vor eigenem Publikum die Favoriten seien - das Wort "Rache" verbiete sich zudem grundsätzlich. Zumindest die Lust auf eine Revanche für die Niederlage 2016 sei aber groß. "Wir sind hungrig nach mehr", erklärte Kapitän Bjarte Myrhol, auch ein alter Bekannter aus der Bundesliga, schließlich spielte Myrhol, 36, neun Jahre in Deutschland, sechs davon bei den Rhein-Neckar Löwen. Über die genauen Ziele sei sich die Mannschaft uneins, plauderte Myrhol mit einem Lächeln: Er wolle ja "Edelmetall" gewinnen, das sei das Ziel, die Farbe der Medaille letztlich egal. Sein junger Kollege Sagosen spreche dagegen schon von "Gold".

© SZ vom 25.01.2019
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