Hagen Boßdorf "Ein Jagdverein gegen Ostdeutsche"

Journalist Hagen Boßdorf über die Birthler-Behörde, seine Stasi-Kontakte und Jugendfreundinnen aus dem Westen.

Von Hans Leyendecker

SZ: Waren Sie Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Auslandsnachrichtendienstes HVA? Hagen Boßdorf: Nein. Ich habe keine Verpflichtungserklärung unterschrieben, auch habe ich keine Berichte für die Stasi geliefert.

Wehrt sich gegen die Vorwürfe: Hagen Boßdorf.

(Foto: Foto: AP)

SZ: Die Stasi sah das damals offenkundig anders. Auch die Birthler-Behörde geht nach neuem Aktenstudium davon aus, dass Sie Ende der achtziger Jahre inoffiziell für die Stasi tätig waren und als so genannter Werber für westdeutsche Spitzel aufgebaut werden sollten. Boßdorf: Ich habe nie einen Auftrag erhalten, Kontakt zu irgendwelchen Personen aufzunehmen. Um diesen Vorwurf, ich hätte Göttinger Studenten ausspioniert, klarzustellen: Es gab Anfang 1988 ein Treffen von circa 40 Leipziger und Göttinger Studenten. Am Nachmittag fand ein gemeinsames Seminar statt, am Abend ein Treffen im Leipziger Studentenclub Moritzbastei. Nachts haben wir den Göttingern dann noch unsere Trabis gezeigt. Das war der einzige persönliche Kontakt, den ich hatte. Dafür gab es keinerlei Aufforderung von der Stasi, irgendwelche Personen gezielt kennen zu lernen.

SZ: Wie war Ihr Verhältnis zur Stasi? Boßdorf: Ich fand die Stasi geheimnisvoll, mit einer beängstigenden und auch einer spannenden Seite. Sie gehörte eben zur DDR. Man sollte auch heute respektieren, dass ich in diesem Land Ende der Achtziger gerne gelebt habe. Meine Talente wurden dort gefördert. Ich war Leistungssportler, dann wollte ich Sportreporter werden. Durch Gorbatschows Perestroika erhoffte ich mir auch für die DDR frischen Wind. Deshalb sah ich dieses Land damals grundsätzlich positiv.

SZ: Sie trafen sich mit den Führungsoffizieren Major Benndorf und Oberleutnant Richter in der konspirativen Wohnung "KW Funke". Was wurde bei dieser Gelegenheit besprochen? Boßdorf: Wir trafen uns in einem Café und auch in einer ganz normalen Wohnung. Aus heutiger Sicht ist es natürlich leicht, Begriffe wie "konspirativ" zu benutzen. Heute scheint ja auch jeder die Strukturen und Arbeitsweise der Stasi schon immer genau gekannt zu haben. Ich gehörte 1988 leider nicht dazu. Ich wusste gar nicht, was eine konspirative Wohnung ist. Am Klingelschild konnte man es nicht erkennen.

SZ: Selbst über die Gestaltung Ihrer Hochzeitsreise sollen Sie mit der Stasi kommuniziert haben. Der MfS-Oberleutnant Richter hat über Sie geschrieben, dass Sie eine Schweigepflicht gegenüber Ihrer Ehefrau hätten. Was sollten Sie Ihrer Frau nicht berichten? Boßdorf: Ich habe mit der Stasi nicht über die Gestaltung meiner Hochzeitsreise gesprochen. Das ist wirklich Unfug. Ich habe schon vor vier Jahren erklärt, dass ich 150 DDR-Mark in ungarischer Währung für diese Reise nach Budapest erhielt. Das sind nach damaligem Umtauschsatz 7,50 Euro. Wir erinnern uns nicht mehr genau, vielleicht haben wir sogar schwarz getauscht, weil man nur 30 DDR-Mark pro Tag in Ungarn tauschen konnte. Für dieses Geld gibt es bisher in den Akten keine Belege. Dennoch habe ich offen gelegt, dass es so war.

SZ: Laut Birthler-Behörde haben Sie mindestens drei Studenten aus Göttingen ausspioniert. Was sollten Sie über diese Studenten in Erfahrung bringen? Boßdorf: Ich habe keine Studenten ausspioniert. Was soll man denn bitte von zwei Studentinnen erfahren, was irgendeine Bedeutung für die DDR gehabt hätte? Aus diesem Studententreffen entstanden zwei private Briefwechsel. Außerdem hatte ich einen Artikel in der Göttinger Studentenzeitung geschrieben. Beides - Briefe und Artikel - kannte die Stasi. Aber nicht durch mich. Sie hatten diese Briefe abgefangen.

SZ: Nach den Unterlagen brachten Sie zu Treffen mit der Stasi Briefe der Studenten mit und sprachen mit dem Führungsoffizier die Antworten ab. Warum sind Sie so konspirativ vorgegangen? Boßdorf: Da war nichts konspirativ. Der Briefwechsel soll ja anscheinend in den Akten der Birthler-Behörde liegen. Ich habe ihn selbst nicht mehr, bin mir aber ganz sicher, dass in diesen Briefen erkennbar ist, dass es sich ausschließlich um private Dinge handelte.

SZ: Sie waren Handballer und wurden von der Stasi als "Florian Werfer" geführt. Wer hat sich den Decknamen ausgedacht, waren Sie es selbst? Boßdorf: Ich habe mir keinen Decknamen ausgedacht. Der Name "Florian" wurde mir einmal für den Fall genannt, dass ich selbst Kontakt zu den beiden Herren aufnehmen wollte. Was nie geschah. "Florian Werfer" habe ich erstmals 2002 auf einer Karteikarte gelesen, die von Bild publiziert wurde.

SZ: Angeblich haben Sie für den Kanzlerspion Guillaume Hochachtung empfunden, wie ein HVA-Mann über Sie geschrieben hat. Stimmte diese Beobachtung des DDR-Geheimdienstlers? Boßdorf: Sie fragen mich immer nach Aufzeichnungen, die nicht von mir, sondern von Stasi-Mitarbeitern angefertigt wurden. Ich habe Günter Guillaume ein einziges Mal auf einer öffentlichen Veranstaltung erlebt, kannte ihn also nicht persönlich. Man muss doch die Zeit und das Land beachten, wir reden über die DDR in den Achtzigern: Da war dieser Mann ein Held.

SZ: In den letzten Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass Sie wie in Salami-Taktik immer nur das einräumen, was zum jeweiligen Zeitpunkt bekannt ist. Haben Sie etwas zu verbergen? Boßdorf: Ihren Eindruck kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe mich bemüht, offen mit diesem für mich schwierigen Thema umzugehen. Zum Beispiel das Treffen mit Göttinger Studenten: Am 3. März 1993 habe ich meinen damaligen Intendanten beim ORB, Hansjürgen Rosenbauer, schriftlich über Gespräche mit der Stasi informiert, in denen auch mein Briefwechsel mit einer Göttinger Studentin Thema war. Am 20.Januar 2002 habe ich in einem Brief an mehrere Intendanten und den Programmdirektor der ARD wieder auf diese Studentengeschichte hingewiesen. Bei meinen Gesprächen mit dem NDR im Oktober 2005 habe ich wieder ausdrücklich zugestimmt, dass es eine neue Anfrage bei der Birthler-Behörde gibt. Ich habe mich auch dem Verwaltungsrat des NDR zum offenen Gespräch gestellt.

SZ: Auffällig ist auch, dass immer dann neue Unterlagen über Ihre Vergangenheit auftauchen, wenn Sie einen Wechsel in Ihrer Karriere vor sich haben. Fühlen Sie sich als Opfer? Boßdorf: Es gibt eine Koalition von Journalisten, die dieses Thema bearbeiten, und der Birthler-Behörde, die sich bei der neuen Bundesregierung für die Zukunft empfehlen muss. Ich fühle mich dennoch nicht als Opfer. Aber dass Jugendbriefe an eine Studentin für die Beurteilung eines Menschen wichtiger sein sollen als die 13 Jahre, in denen ich in aller Öffentlichkeit bei der ARD gearbeitet habe, ist nicht besonders angenehm.

SZ: Wie sehen Sie die Rolle der Birthler-Behörde? Boßdorf: Als die Vorwürfe vor vier Jahren laut wurden, hat jeder Journalist innerhalb kürzester Zeit von der Birthler-Behörde meine Akte bekommen. Ich erhielt nach 14 Tagen einen Brief, dass die Behörde leider überlastet sei und mir diese Akte noch nicht zur Verfügung stellen könne. Auch jetzt wurden Journalisten gezielt mit Unterlagen versorgt, die ich nicht kenne. Diese Behörde war zu Beginn der Neunziger sehr wichtig für die Aufarbeitung der Stasi-Strukturen und für die Rehabilitierung der Opfer. Inzwischen ist sie in meinen Augen ein Jagdverein gegen Ostdeutsche geworden.

SZ: Gehen Sie derzeit noch davon aus, dass Sie im nächsten Jahr neuer Sportchef des NDR werden? Boßdorf: Ja. Und ich freue mich sehr auf diese interessante Aufgabe.