Süddeutsche Zeitung

Hängende Spitze:Hauptstadt Freiburg

Eindeutig: Die Stadt im Schwarzwald ist der neue Nabel des Fußballs. Die Folgen dürften dramatisch sein.

Es klingt so schön: "Die Stadt der Bächle & Gässle, zukunftsweisende Umwelthauptstadt, ein historisches Schmuckstück mitten im Schwarzwald und die sonnigste Großstadt Deutschlands!" So bewirbt Freiburg sich selbst. Aber ist es in diesen Tagen noch zeitgemäß? Ist es nicht leichtsinnig, die Wahrheit zu verschweigen?

Der Sportclub Freiburg hat am Samstag zum Bundesligaauftakt Mainz 05 mit 3:0 geschlagen, war damit fürs Erste Tabellenzweiter, also klar auf Champions-League-Kurs. Ein Tor schoss per Elfmeter der junge Angreifer Luca Waldschmidt, Torschützenkönig der U21-Europameisterschaft und damit Deutschlands Hoffnung im Sturm. Auf der Bank jubelte Trainer Christian Streich, Deutschlands führender Fußball-Intellektueller. Auf der Tribüne freute sich Fritz Keller, der designierte Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Bundestrainer? Ist weiterhin der Freiburger Joachim Löw. Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass Deutschlands sonnigste Großstadt fortan zuvorderst Deutschlands Fußballhauptstadt ist - mit allen in Gänze kaum absehbaren Folgen.

Ja, die Touristen werden kommen. Doch es wird alles anders. Die pittoresken Gässle (und womöglich auch die Bächle) werden von grölenden Fußballfans bevölkert sein, die sich mit badischem Wein betrinken, der demnächst in allen Bundesligastadien ausgeschenkt wird, aus dem Hahn. Natürlich auch in der modernen Arena, die im Westen der Stadt gerade entsteht und das schöne Schwarzwald-Stadion ersetzt. Die Massen werden mit dem Flugzeug in die Fahrradstadt reisen und ihren Müll zurücklassen, nutzlos all die Konzepte für den Umweltschutz, vorbei die Zeit der Betulichkeit. Die historischen Sehenswürdigkeiten werden verblassen in ihrer Bedeutung neben den Pfaden, auf denen Touristen auf den Spuren Jogi Löws zu seinem Fitnessstudio wandeln und dabei seinen Espresso (das Original!) aus Plastiktässchen trinken. Selbst Fritz Keller wird nicht mehr derselbe sein. Warnen die Fans allerorten nicht regelmäßig vor der "Fußballmafia DFB"?

Christian Streich hat am Samstag versucht, gegenzusteuern. "Freiburg ist am Rand, die anderen sind im Zentrum, das soll so bleiben", antwortete er auf die Frage, ob seine Heimatstadt mit Kellers Abschied nun der Nabel der Fußballwelt sei. Doch Streich sagte auch: "Wir müssen schauen, wie es weitergeht." Und: "Ich bin kein Positivist." Er weiß: Es ist für Mahnungen längst zu spät.

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Quelle:
SZ vom 19.08.2019
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