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Hängende Spitze:Goethe hilft Todibo jetzt auch nicht mehr

Jean-Clair Todibo hat die zwei kapitalen Fehler des Trash-Talkings begangen: Er verlor mit seiner Mannschaft - und er zog die Familie mit in die Sache rein. So wird aus ihm kein ernstzunehmender Pöbler.

Es heißt ja, Erling Haaland sei ein Glückskind. Aber jetzt hat er doch mal kurz Pech gehabt. Dortmunds Stürmer wurde Opfer einer Trash-Talk-Attacke. Für all jene, die dieses Stilmittel nicht kennen (Münchner Autofahrer können zum nächsten Absatz springen): Trash-Talking ist nicht das, was Mario Basler macht. Der muss so reden. Trash-Talking ist das, was sich bei Muhammad Ali so anhörte: "Ich schwebe wie ein Schmetterling und steche wie eine Biene." Oder wie bei Larry Bird, der nach einem Drei-Punkte-Wurfwettbewerb auf die Frage, warum er vorher so lange alle angeschaut hat, sagte: "Ich wollte sehen, wer Zweiter wird." Müßig zu erwähnen, dass Ali seine Kämpfe gewann und Bird seine. Womit man bei Jean-Clair Todibo wäre. Der zeigte nun, wie Trash-Talk nicht geht.

Der Schalker Profi beging die zwei kapitalen Fehler dieser Kunstform: Zunächst mal verlor er. Kann passieren. Aber nach dem Rumpöbeln steht man dann trotzdem doppelt blöd da, zumal nach einem Revierderby, der Mutter aller Trash-Talk-Derbys. Sein Team verlor gar so hoch, dass Lukas Podolski für ein paar Lacher die leichte Nummer wählte: "Schalke 0:4". Ein Trash-Twitterer-Profi! Bis Sonntag erhielt sein fein gesetzter Doppelpunkt 158 000 Likes.

Auch Regel zwei missachtete Todibo: Lass die Familie raus! Aus Altersschutzgründen sei zu Todibos Stichelei gegen Haaland nur skizziert: Es ging offenbar um ein F-Wort und eine Großmutter. Dass es krachte, weiß man so schön, weil nunmehr Richtmikrofone ohne Fan-Gesang alles hörbar machen. Geisterspiele haben auch ihr Gutes. Todibo freilich wird damit leben müssen, dass er es kaum in die Liste der besten Trash-Talker schaffen wird. Da ist sogar Basler origineller. Also manchmal.

Aber was soll's, Trash-Talking ist eben etwas, das im angelsächsischen Raum geschliffener beherrscht wird. Immerhin hält es die DFL mit Christian Drosten und versichert ja nun stets: Man lernt täglich dazu. Todibo indes ist in einer vertrackten Lage. Wenn er demnächst Robert Lewandowski mit Goethe-Gedichten bedrängt, glaubt ihm das auch keiner mehr. Er hat jeden Trash-Talker-Kredit verspielt. Diese Flasche.

© SZ vom 18.05.2020

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