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Hängende Spitze:Die Verschmähte

Die Meisterschale hat nun wieder ihren Stammplatz beim FC Bayern, und doch ist auch für sie so manches nicht leicht am Ende dieser Geister-Saison. Ein paar Erinnerungen an die ausgelasseneren Festivitäten von 2019 lindern immerhin den Schmerz.

Von Nico  Fried

Ob die Meisterschale überhaupt versteht, was ihr widerfahren ist? Bayern-Kapitän Manuel Neuer musste sich die Trophäe in Wolfsburg selbst nehmen. Dann wurde sie von Spieler zu Spieler gereicht, immer wieder hoch in die Luft gehalten - nur geküsst wurde sie nicht, zumindest nicht sichtbar, vielleicht verstohlen, aber gewiss nicht so demonstrativ wie im Sommer 2019 von Niko Kovac mit seinem Frontalschmatzer. Auch die Torjäger-Kanone, die Robert Lewandowski erhielt, bekam von ihm allenfalls die Andeutung einer Liebkosung.

Das Küssen von Sport-Trophäen hat Tradition, mal abgesehen von olympischen Medaillen, die gebissen werden, wohl um zu beweisen, dass es keine Schoko-Münzen sind. Fußballer aber drücken ihre Lippen auf das Sterling-Silber mit den 21 Turmalinen. Fußballerinnen tun es übrigens auch, seit 2009 gibt's für ihre Meisterschaft ebenfalls eine Schale.

Die Corona-Pandemie hat diesen Zärtlichkeiten nun ein vorläufiges Ende gesetzt. Die Gefahr einer sogenannten Schmierinfektion wäre schon durch die händische Weitergabe gegeben und nur auszuschließen gewesen, wenn man die Meisterschale wie die Griffe von Einkaufswägen vor jeder neuen Berührung desinfiziert hätte. Aber die Übertragung von Speichelresten erschien den Bayern dann doch als zu risikobehaftet. Die Meisterschale wird nun wieder an ihren Stammplatz bei den Bayern zurückkehren und sinnieren, dass es über den Trainer Niko Kovac ja manches Schlechte zu sagen geben mag. Aber Küssen, seufz, das konnte er.

© SZ vom 29.06.2020

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