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Erling Haaland beim BVB:Naturgewalt mit der Seele eines Vielfraßes

Bundesliga - Hertha BSC v Borussia Dortmund

Unaufhaltsam in Berlin: Erling Haaland.

(Foto: REUTERS)

Alle schauen auf Moukoko, doch Haaland zeigt in Berlin mit vier Toren das Highlight des Spieltages. Der Norweger entwickelt sich zum Phänomen - und vergibt einen Titel dennoch an den Teamkollegen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Lucien Favre ist ein Mann, der in Strukturen denkt und sich eher nicht mit Nebensächlichem aufhält. Tore etwa: lässlich irgendwie. "Ich schaue nicht auf die Tore, ich schaue auf die Pässe und die Flanken!", sagte Borussia Dortmunds Trainer. Wozu einiges anzumerken wäre. Zum Beispiel, erstens, dass Favre Recht hat: Der Weg ist das Ziel! Zweitens, dass Favre zurecht behaupten kann, längst zu wissen, dass Erling Haaland Tore schießen kann. Und drittens, dass man bei der Zahl an Toren, die in der zweiten Halbzeit der Partie von Hertha BSC gegen den BVB fielen, schon mal durcheinander kommen kann.

So erklärt sich auch, was nach der Partie geschah: Aug' in Aug' standen sich Favre und Haaland gegenüber, lächelnd, und die Zeichensprache, mit der sie ihre Kommunikation unterstützten, war so eindeutig, dass es jener Bestätigung des Dialogs gar nicht bedurfte, die Haaland später liefern sollte. Der Trainer habe ihn gefragt, wie viele Tore er denn nun geschossen habe, berichtete Haaland: "Drei?", fragte Favre. "Vier!", antwortete Haaland wahrheitsgemäß und zeigte Favre eine Hand mit einem nach innen geknickten kleinen Finger. "Nur vier, weil Sie mich ausgewechselt haben. Ich bin jetzt wirklich sauer", habe er Favre gesagt. Das war wohl augenzwinkernd gemeint. Obwohl: Weiß man's?

Dass der BVB den 0:1-Halbzeitrückstand in ein sattes 5:2 drehen konnte und die zunächst mehr als passable Hertha nach der Pause atomisierte, war im Grunde Leistung genug für einen Abend. Aber en passant riss Haaland mit seinen vier Toren aus der 47., 49., 62. und 80. Minute wieder mal ein paar Rekorde an sich. Der Norweger hat nun in seinen ersten 22 Bundesligaspielen 23 Tore erzielt. Der bisherige Rekordhalter hatte 20 Tore in 22 Spielen geschafft: Uwe Seeler; es war in der Gründungssaison der Bundesliga, und Seeler war längst ein etablierter Nationalspieler.

Haaland, 20, ist nun auch der jüngste Spieler, der in der Bundesliga-Historie vier Tore in einem Spiel schoss. Perspektivisch aber war etwas ganz anderes wichtig: Haalands Viererpack war die perfekte Vorbereitung für Youssoufa Moukokos Einstand. Sie machten das Dortmunder Toptalent auf eine Art und Weise gesellschaftsfähig, wie die Kadetten der Budapester Offiziersschule nach antiquierter Sitte die Debütantinnen zu den Bällen führen. Haalands Tore waren der rote Teppich, über den Moukoko am Tag nach seinem 16. Geburtstag die Bundesligabühne betrat - als Einwechselspieler für Haaland. Moukoko stellte damit, wie erwartet, einen Rekord auf: als jüngster Fußballer der deutschen Geschichte, der je erstklassig gespielt hat.

Favre sah die Gelegenheit zum gefahrlosen Einstand

Er habe "instinktiv" entschieden, Moukoko einzuwechseln, erklärte Favre nach der Partie, "das war nicht geplant". Man darf ihm das glauben. Favre hatte zuletzt immer wieder darauf verwiesen, dass der Bub erst eine überschaubare Menge an Lebensjahren vollendet hat. So einem bürdet man weder die mögliche Rolle als Held auf, noch setzt man ihn der Gefahr aus, bei einer Pleite zu reüssieren. Im Lichte des Hypes aber, der um den deutschen U20-Nationalspieler herrscht, dürfte Favre gehofft haben, dass bereits die Visite in Berlin die Gelegenheit bietet, Moukoko zum Einstand zu verhelfen. Auf dass sich die Frage, wann Moukoko denn endlich debütiere, ein für alle Mal erledige. Insofern durfte sich Favre bei Haaland bedanken, dass er vier Tore beisteuerte. Das zwischenzeitliche 4:1 schoss Raphael Guerreiro (70.). Und diesen Torreigen konnte auch Herthas Brasilianer Mateus Cunha nicht aufwiegen, obwohl sein erster Treffer zur Berliner Halbzeitführung (33.) von erstaunlicher Gewalt und Schönheit war.

Erling Haalands Full House an Toren war eine Geschichte für sich. Es war die Fortschreibung einer immer noch frappierenden, verheißungsvollen Geschichte. Gerade erst wurde Haaland von der italienischen Zeitung Tuttosport als bester Nachwuchsspieler 2020 ausgezeichnet. Der Titel "Golden Boy" wirkt aber schon jetzt zu klein. Die Naturgewalt, die der Stürmer verströmt, erinnert an brasilianische Phänomene wie den jungen Ronaldo Nazário de Lima oder Adriano. Wie diese ist Haaland - im übertragenen Sinne - eine Art Raubtier, genauer: eine Fusion aller Raubtiere, die in der rauen, feindlichen Umwelt seiner Heimat Norwegen überlebt haben.

"Erling will immer Tore schießen"

Nie weiß man, ob er im Wolfsgewand daherkommt, im Fell eines Bären oder mit der Klugheit des Luchses, der sich anschickt, seine Beute zu zerpflücken. Haaland hat das Privileg der Linksfüßer, und er ist technisch so beschlagen, dass man nicht merkt, wie groß er ist (1,94 Meter). Nur eins ist gewiss: Er hat die Seele eines Gulo Gulo, auch Vielfraß genannt - aber eines Exemplares, das sich in jedem Habitat zurechtfindet: In der Hitze eines vollbesetzten Dortmunder Stadions - oder vor dem kalten Beton des leeren Berliner Olympiastadions. "Erling will immer Tore schießen", sagt Favre. Seine Wucht ist so erschlagend, dass man fast übersieht, wie gut Dortmund Fußball spielt. "Er ist uns momentan eine verdammt große Hilfe", sagte Julian Brandt, der den BVB nach der Pause zusammen mit Marco Reus lautlos wie ein Elektromotor antrieb - und das 2:1 mit einem famosen Tiefenpass vorbereitete.

Und dennoch: Haaland sagt, es gebe einen, der noch besser sei als er: Youssoufa Moukoko. "Er ist im Moment das größte Talent im Weltfußball", behauptet der Norweger. Man sollte das nicht geringschätzen; die Aussage zeigt, dass wahre Fußballer einander erkennen. Schon deshalb darf man gespannt sein, wozu dieser Moukoko imstande ist, wenn er mal länger spielen darf als fünf Minuten plus Nachspielzeit. Es dürfte bald so weit sein.

© SZ vom 23.11.2020/schm
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