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DFB-Spieler Ilkay Gündogan:Stammspieler ohne Stammplatz

Ilkay Gündogan ist für Joachim Löws Mannschaft inzwischen unverzichtbar - einerseits. Andererseits ist der Konkurrenzkampf auf seiner Position verdammt groß.

Von Christof Kneer

War das wirklich Ilkay Gündogan, der dort unten vor dem Mikrofon stand? Einiges sprach dafür, zum Beispiel, dass der Interviewte diesem Gündogan bemerkenswert ähnlich sah, auch Tonfall und Stimmfarbe waren so nahezu identisch, dass ein Imitator bestimmt jahrelang üben müsste. Und welcher Imitator sollte jahrelang üben, um ausgerechnet Ilkay Gündogan nachahmen zu können?

Es war also wohl doch Ilkay Gündogan, der da im September nach einem DFB-Länderspiel gegen die Schweiz seine Aussage machte. Aber was für eine Aussage war das: "Ich bin angepisst. Das geht mir auf den Sack", grantelte Gündogan nach einem Spiel, das 1:1 endete, nach Ansicht des Schimpfenden aber eher 2:0 oder 3:0 für Deutschland hätte enden müssen. "Das beim Gegentor darf nicht passieren auf dem Niveau", brummte Gündogan weiter, "wir hätten es eiskalt durchspielen müssen. Ich weiß nicht, ob es eine Qualitätsfrage ist, aber daran müssen wir arbeiten."

Gündogan weiß schon, was er tut

Ilkay Gündogan spricht normalerweise eher so, wie er auch Fußball spielt: smart und kultiviert, auf versierte Weise unauffällig. Angepisst und auf den Sack? Nicht sein Wortschatz eigentlich, zumindest nicht der, den er vor den Kameras pflegt.

Aber Gündogan weiß schon, was er tut, und an diesem Abend wusste er: Es gab keinen Grund, sich zurückzuhalten. Er hatte gut gespielt und das einzige Tor erzielt, er war, wie das auf Fußballdeutsch heißt, ein Führungsspieler. Und laut Fußballdeutsch ist es auch vorgesehen, dass Führungsspieler manchmal kraftvolle Sachen sagen.

Im Grunde war dieses kleine Interview eine Nachricht, sie lautete: Gündogan darf das jetzt. Er hat sich in der Nationalmannschaft inzwischen eine Stellung erspielt, die ihn berechtigt, angepisst zu sein.

Zum Nations-League-Spiel nach Spanien an diesem Dienstag ist Gündogan als Leistungsträger vom Manchester City des großen Pep Guardiola angereist, und er ist auf dem besten Wege, das jetzt auch bei der anderen Mannschaft zu werden, für die er spielt: bei der deutschen Nationalmannschaft. Wer Gündogans Geschichte beim DFB verfolgt hat, wird das nicht für selbstverständlich halten: Jahrelang war er zu oft verletzt, um ein etablierter Nationalspieler sein zu können, Weltmeister wurden die Kollegen ohne ihn, auf seiner Position stieg Toni Kroos zum Welt- und Filmstar auf. Und wenn Gündogan es mal zu einem Turnier schaffte, dann schied Deutschland entweder auf groteske Weise im Halbfinale (2012) oder auf blamable Weise in der Vorrunde aus (2018). Wobei man nichts davon Gündogan zur Last legen sollte: 2012 spielte er gar nicht, 2018 nur eine Halbzeit - da war er ohnehin umstritten, nachdem er zuvor mit Mesut Özil und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Bild gestanden hatte.

Ilkay Gündogan ist gerade 30 geworden, und in diesem doch schon reifen Fußballalter hat er sich in Jogi Löws Elf immerhin einen interessanten Status erworben: Er ist jetzt Stammspieler ohne Stammplatz. Vor einem Jahr hat er in einem SZ-Interview noch vorsichtig darauf hingewiesen, dass er sich in Deutschland "ein wenig unterschätzt" fühle, aber angesichts der Konkurrenten Toni Kroos und Joshua Kimmich hatte er auch Verständnis dafür geäußert, dass ihn der Bundestrainer in seiner Elf oft nur als zwölften Mann besetzte.

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