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Champions-League-Aus von City:Guardiola verzettelt sich in seinen Kniffen

FOOTBALL : Manchester City vs Olympique Lyonnais - 1/4 - Phase finale - UEFA Ligue des Champions - Final 8 - Lisbonne -; Pep

Man sah ihm in jeder Sekunde an, wie er litt: Pep Guardiola nach dem Aus in der Champions League.

(Foto: Panoramic / POOL / UEFA)

Eine seltsame Taktik und ein unerklärlicher Fehlschuss von Raheem Sterling bringen ManCity um das Halbfinale der Champions League. Die Kritik in England an Pep Guardiola wird lauter.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Später, da lieferte eine Zeitlupe aus dem Estádio José Alvalade zu Lissabon ein Bild, das wie eine Zeitreise aussah. Die Last der Geschehnisse, die Manchester City dazu verdammen sollten, erneut bei einem Champions-League-Halbfinale bloß noch von außen zuzuschauen, ließen Pep Guardiola zu Boden sinken. Er sah nicht mehr aus wie ein Trainer. Sondern kurz wie ein verzweifelter Balljunge im Camp Nou des FC Barcelona, der er einst gewesen war, ehe er dort Profi und einer der besten Trainer der Fußballgeschichte wurde.

Die Szene trug sich rund um die 85. Minute zu, beim Stand von 2:1 für Lyon: Gabriel Jesús hatte seinem Angreiferkollegen Raheem Sterling einen Pass quer durch den Strafraum zugeschoben. Sterling stand allein vor dem Tor, der Keeper von Olympique war schon geschlagen, und Sterling hätte genug Zeit gehabt, sich schnell noch eine Zigarette zu drehen, derlei kann der Comic-Held Lucky Luke sogar im Reiten. Doch Sterling, der in dieser Saison 31 Tore erzielt hatte, sah wohl die Schlagzeilen des nächsten Tages zu deutlich vor Augen. Denn anders lässt sich kaum erklären, wie es dazu kam, dass er den Ball über das Tor setzte. Aus fünf Metern. Fast wie einst Mario Gomez bei der EM 2008 in Wien gegen Österreich.

Champions League Quarter Final - Manchester City v Olympique Lyonnais

Das Tor ist leer - der Ball fliegt drüber: Raheem Sterling vergibt die Riesenchance zum Ausgleich.

(Foto: REUTERS)

Lyons Torwart Anthony Lopes tröstete Sterling; und Guardiola sah, als er wieder aufgestanden war, wie die Franzosen seiner in Verzweiflung gelähmten Mannschaft den Todesstoß versetzten. Denn im Gegenzug staubte Moussa Dembélé ab, nachdem City-Torwart Ederson einen eher harmlosen Distanzschuss hatte abprallen lassen. Es war der 3:1-Endstand, der dem FC Bayern am Mittwoch in Lissabon einen unangenehmen Halbfinalgegner beschert. Und Guardiola um das erhoffte Wiedersehen mit seinem einstigen Arbeitgeber brachte, für den er von 2013 bis 2016 tägig war. Guardiola trauerte der verpassten Begegnung nach: "Wir haben davon geträumt, auf sie treffen zu können. Aber es sollte nicht sein ..."

Die Kritik brach am Tag danach über ihn herein. Dreimal in Serie ist Guardiola im Viertelfinale der Champions League gescheitert, seine beiden Siege in der Königsklasse waren jene mit Barcelona 2009 und 2011. Er steht seitdem besonders auf der Insel im Verdacht des "overthinking", also Gefahr zu laufen, in ein Duell zu viel hineinzuinterpretieren. Zu Deutsch: sich in einem Wust aus taktischen Kniffen zu verzetteln. "Die Statistiken zeigen, dass wir gut waren. Wir haben in allem mehr getan als die anderen. Aber es war nicht genug", verteidigte sich Guardiola. Doch die Niederlage wird nun als Beleg für eine unnötige Systemumstellung gelten. "Wir haben die taktische Schlacht gewonnen", bilanzierte Lyons Trainer Rudi Garcia.

Gegen Olympique hatte Guardiola auf den offensiven Mittelfeldspieler Phil Foden, 20, verzichtet, der sich Tage zuvor im Achtelfinale gegen Real Madrid in fantastischer Form präsentiert hatte. Stattdessen spielte Defensivkraft Eric García. City wollte den Kontern, die Lyon gerne mit drei Frontstürmern ansetzt, mit drei Innenverteidigern begegnen. Guardiolas Überlegungen gingen ins Leere und Lyon in Führung - doch das hatte weniger mit dem System zu tun als damit, dass Kyle Walker in der 24. Minute indisponiert war. Erst hob Walker durch einen Stellungsfehler die Abseitsstellung von Karl Toko Ekambi auf, dann kam er nicht dem Torschützen Maxwel Cornet hinterher, der Citys Torwart Ederson aus 18 Metern mit einem herrlich angeschnittenen Schlenzer überwand.

Folgen hatte die Neuausrichtung des City-Spiels aber vor allem dahingehend, dass besonders Kevin De Bruyne lange in der Luft hing. Der Belgier musste viel zu weite Wege gehen, weil im Mittelfeld ein Mann fehlte, der die Zwischenräume bespielte. Erst in der 69. Minute - und nachdem Guardiola Riyad Mahrez für Kapitän Fernandinho gebracht hatte, also auf Offensive setzte - kam De Bruyne zu stärkeren Aktionen und dem zwischenzeitlichen, brillant herausgespielten Ausgleichstreffer. Sterling setzte sich nach einem Mahrez-Zuspiel an der Grundlinie durch und passte in den Rücken der Abwehr, De Bruyne schob überlegt und cool ein. Dann aber leistete sich Manchester City die entscheidenden Schnitzer. Oder verteilte "Geschenke", wie De Bruyne später sagen sollte.

Guardiola wird nun seine Champions-League-Bilanz vorgerechnet

Er dachte dabei nicht nur an diesen Slapstick-Doppelpack: an jene atemraubende Szene von Stürmer Sterling vor dem leeren Tor sowie den Schnitzer von Torwart Ederson. Sondern auch an den Treffer zuvor zum 1:2. Citys Verteidiger Aymeric Laporte hatte durch einen Fehlpass im Mittelfeld einen Lyon-Konter eingeleitet (79.), der vom Videoschiedsrichter zu Unrecht für korrekt befunden wurde. Angreifer Ekambi hatte den Ball durch die Beine laufen lassen und dadurch nur im passiven Abseits gestanden. Aber: Dembélé konnte nur deshalb allein aufs Tor zustürmen und einschießen, weil er Laporte beim Antritt regelwidrig ins Stolpern brachte. Auf eine Anklage aber verzichtete Guardiola: "Ich will über die Umstände nicht reden, denn das würde klingen, als ob ich mich beschweren oder nach Ausreden suchen wollte."

Er wusste da schon, was ihm nun vorgehalten werden würde. Dass er seit seinem Abschied vom FC Barcelona (und von Lionel Messi) sowohl mit dem FC Bayern wie auch mit City den Einzug ins Finale Jahr für Jahr verfehlt. Es sei "grimmig ironisch, dass der Sieg vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas, der eine zweijährige Sperre für europäische Wettbewerbe (wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay) aufhob, im Rückblick als das Highlight einer enttäuschenden Kampagne erscheint", schrieb The Sunday Telegraph. Das soll so nicht bleiben. "Eines Tages werden wir die Lücke zum Halbfinale schließen", sagte Guardiola. Vielleicht schon im kommenden Jahr, sein Vertrag bei Manchester City läuft bis 2021: "Wir werden es wieder versuchen."

© SZ vom 17.08.2020/schm
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