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Gruppengegner Portugal:Wembley im Visier

Spain v Portugal - International Friendly

Daumen hoch: Cristiano Ronaldo soll einmal mehr Portugals Anführer sein.

(Foto: David Ramos/Getty Images)

Altmeister Cristiano Ronaldo führt wieder die Portugiesen an. Doch in seinem Schatten sind so viele Hochbegabte gediehen, dass im westlichen Land Europas die Frage auftaucht: Ist der EM-Titelverteidiger gar stärker als beim Finalsieg von 2016?

Von Javier Cáceres, München

Der portugiesische Nationaltrainer Fernando Santos, 66, ist sowohl ein gläubiger wie auch ein abergläubischer Mensch; in seiner Heimat ist seine Verehrung für die Jungfrau von Fatima ebenso berühmt wie eine Versicherung, die er vor jedem Beginn eines Turniers zum Besten gibt. Schon seit der EM 2016 erklärt er stets, dass er die Rückreise vom Turnier lange vorher einplant - für den Tag nach dem Finale. Im Sommer 2016 schaffte es sein Team tatsächlich, bis zum Endspiel dabeizubleiben und dieses auch noch gegen Gastgeber Frankreich in Paris zu gewinnen, mit 1:0 nach Verlängerung. Trotz der frühen Verletzung von Kapitän Cristiano Ronaldo. Auch wenn man bei der WM in Russland 2018 den angepeilten Sieg deutlich verfehlte (Achtelfinal-K.-o. gegen Uruguay), so hämmert Santos auch jetzt wieder Spielern, Medien und dem Land als Ganzem ein, dass es nur ein Ziel geben kann: das Flugzeug in die portugiesische Heimat erst nach dem Endspiel in Wembley (11. Juli) zu besteigen. Was keinen Siegzwang beinhaltet. "Ich habe noch nie zu meinen Spielern gesagt, dass wir einen Titel holen werden. Ich habe ihnen immer nur gesagt, dass dies das Ziel ist", sagt der Trainer.

Eine Relativierung des eigenen Anspruchs? Mitnichten. Der Sieg von Paris hat die Psyche der Portugiesen verändert, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten bestärkt. "Portugal nimmt an Turnieren schon seit Langem nicht mehr nur um der Teilnahme wegen an Turnieren teil, sondern: um sie zu gewinnen!", sagt Santos. Portugal hat nicht mal zehn Prozent der jüngsten 50 Spiele verloren, und der Coach wird nicht müde, daran zu erinnern, dass seine Mannschaft ein Turnier gewonnen hat, das sich noch nicht in das kollektive Bewusstsein der Fans des Kontinents gebrannt hat, die Nations League von 2019, im Finale gegen die Niederlande. Die Debatten im westlichsten Land Europas kreisen hauptsächlich um die Frage, ob dieser Kader stärker ist als der, der vor einem Jahrfünft die EM in Frankreich gewann.

"Seine wichtigsten Werte sind sein enormer Wille, seine Bereitschaft, seine Schärfe, seine Arbeit, sein Torinstinkt."

Klar: Ronaldo ist in die Jahre gekommen. Aber es dürfte nicht von Nachteil sein, dass er einen dieser persönlichen Rekorde verfolgt, die ihm so behagen und sein Treibstoff sind: Er ist nur sechs Treffer vom ehemaligen Bundesliga-Profi Ali Daei entfernt, der zwischen 1993 und 2006 für den Iran auf 109 Länderspieltore kam. "Seine wichtigsten Werte sind sein enormer Wille, seine Bereitschaft, seine Schärfe, seine Arbeit, sein Torinstinkt. Das müssen wir nützen", sagte Santos der spanischen Zeitung El País. "Wie? Ich glaube, je näher er am gegnerischen Strafraum spielt, desto besser wird er sein."

Ronaldo für entscheidende Missionen zu reservieren, ist ein Luxus, den sich die Portugiesen ohne Frage leisten können. Hinter dem fünfmaligen Weltfußballer sind hochbegabte Offensivkräfte gediehen, die längst für sich stehen. Bernardo Silva (Manchester City), Bruno Fernandes (Manchester United), João Félix (Atlético Madrid) und Diogo Jota (FC Liverpool) haben sich in einigen der besten Ligen der Welt stählen können; ebenso Stürmer André Silva, der bei Eintracht Frankfurt auf herausragende 28 Tore gekommen ist. Doch auch die hinteren Reihen können sich sehen lassen.

Renato Sanches, der 2016 als 18-Jähriger im Finale stand, hat nach seinem gescheiterten Ausflug zum FC Bayern in Frankreich zu sich gefunden, er ist mit dem OSC Lille Meister geworden. Pepe (FC Porto) und Rúben Dias (Manchester City) repräsentieren Vergangenheit und Zukunft der portugiesischen Innenverteidigung; Dias wurde auf der Insel gar zum besten Defensivspezialisten der vergangenen Premier-League-Saison gekürt, der bestens beleumundete José Fonte (OSC Lille) hat es schwer, einen Startelfplatz zu ergattern. Und auf den Außenbahnen kann Santos auf Spieler wie João Cancelo (City) oder Borussia Dortmunds Raphaël Guerreiro zurückgreifen. Gemessen an solchen Namen ist es kaum verwunderlich, dass Trainer Santos sagt: "Wir nehmen die Rolle als Titelkandidat an." Eher schon, dass er im gleichen Atemzug behauptete, es gebe gleich sieben oder acht Mannschaften, die besser sind. Dennoch: Es ändert nichts daran, dass Santos das Finale von London anpeilt.

© SZ/lib/mp
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