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Grigorij Rodtschenkow:Der geniale Verrückte, der Russland anklagt

Grigori Rodschenkow

Tratt jahrelang als Russlands oberster Doping-Bekämpfer auf: Grigorij Rodschenkow.

(Foto: dpa)

Von den USA aus lässt Grigorij Rodtschenkow das angebliche russische Dopingsystem in Sotschi auffliegen. Dabei hat er selbst ordentlich manipuliert.

Von Julian Hans, Moskau

"Strombalein, meine Liebe!", so soll Grigorij Rodtschenkow einmal in einem vertraulichen Gespräch ausgerufen und dazu mit der Zunge geschnalzt haben. Zumindest behauptete das ein Journalist des russischen Sportportals Championat.com am Freitag. Stromba war ein Handelsname des Steroids Stanozolol, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren von Sportlern auf der ganzen Welt eingesetzt wurde, heute aber leicht nachgewiesen werden kann. Rodtschenkow, so glaubt der Journalist, könnte der Mann sein, mit dem der ganze russische Sport zum Teufel geht.

Der Mann mit dem zärtlichen Verhältnis zu illegalen Leistungssteigerern trat fast zehn Jahre lang als Russlands oberster Doping-Bekämpfer auf. Erst nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) im November einen Bericht über haarsträubende Vorgänge in Rodtschenkows Doping-Labor vorlegte, war er auch für Moskau nicht länger zu halten. 1417 Urinproben waren vernichtet worden, bevor sie analysiert werden konnten. Der Geheimdienst FSB soll seine Finger mit im Spiel gehabt haben. Im Januar floh Rodtschenkow in die USA, im Februar starben zwei seiner engen Mitarbeiter überraschend.

Im Exil in Los Angeles hat der 57-Jährige jetzt ausgepackt: Regierung, Geheimdienst, Athleten und Doping-Spezialisten - alle hätten Hand in Hand gearbeitet, um das Kontrollsystem zu umgehen und Russland Siege bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 zu sichern: 33 Medaillen, davon 13 goldene. Mindestens 15 Gewinner seien gedopt gewesen, sagte Rodtschenkow der New York Times.

Nacht für Nacht im getarnten Labor

Seine Aussagen sind Stoff für einen Thriller: Im Herbst 2013 hätten die Sportler sauberen Urin gesammelt, bevor die Behandlung mit einem von Rodtschenkow eigens zusammengestellten Anabolika-Cocktail begann - für die Männer gelöst in Whisky, für die Frauen in Martini. Der Alkohol sollte helfen, dass die Wirkstoffe schneller ins Blut übergehen.

Während der Spiele habe dann jeden Abend ein Vertreter des russischen Sportministeriums eine Liste mit Proben ins Labor gebracht, die ausgewechselt werden mussten. Um die anonymisierten Proben zuordnen zu können, hätten die Athleten bei der Abgabe heimlich die siebenstellige Kennnummer fotografiert und an das Ministerium geschickt, sagt Rodtschenkow. Der Geheimdienst hätte eine Methode entwickelt, um die versiegelten Behälter unbemerkt zu öffnen. Nacht für Nacht saßen Rodtschenkow und seine Mitstreiter dann in einem als Abstellkammer getarnten Nebenraum des Doping-Labors, gossen die belasteten Proben in die Toilette und füllten die Behälter mit dem sauberen Urin, den sie Monate zuvor gesammelt hatten.

Noch immer klingt eine Spur Enthusiasmus mit, wenn Rodtschenko von dem Betrug berichtet: "Wir waren bestens ausgestattet, sachkundig, erfahren und perfekt vorbereitet." Das System habe funktioniert "wie eine Schweizer Uhr".

Ein Opfer des Systems?

Rodtschenkow hat in der Sowjetunion in Chemie promoviert und als Leichtathlet den Ehrentitel Meister des Sports erworben. 1985 bekam er eine Stelle im Moskauer Anti-Doping-Zentrum. Rodtschenkow sei "zu 100 Prozent ein Produkt des sowjetischen Systems", urteilt der Vize-Chefredakteur von Championat.com, Jewgenij Sljusarenko. Ein "genialer Verrückter mit wirrem Haar", einer der besten Spezialisten weltweit, aber "im Grunde seiner Seele hat er nie verstanden, wozu diese Doping-Kontrollen gut sein sollen."

Jetzt versucht sich der dopende Doping-Bekämpfer als Opfer des Systems darzustellen, in dem er selbst eine Schlüsselrolle spielte. Vor fünf Jahren leitete die russische Justiz Ermittlungen wegen Handels mit Doping-Präparaten gegen ihn ein. Seine Schwester, die Läuferin Marina Rodtschenkowa, wurde in der gleichen Sache zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. Mit dem Erfolg in Sotschi habe er sich freigekauft, sagt er.

© SZ vom 14.05.2016/ebc
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