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Greuther Fürth:Gegen die Riesen

28.04.2021 - Fussball - Saison 2019 2020 - 2. Fussball - Bundesliga - 28. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth ( Kleeblatt )

"Ich wusste, dass wir die Qualität haben": Hans Nunoo Sarpei ahnte schon im vergangenen Sommer, dass es viel Grund zum Jubeln geben würde - und dass die Fürther Saison mit einem Aufstieg in die erste Bundesliga enden könnte.

(Foto: Wolfgang Zink/Sportfoto Zink/imago)

Wer so spielt, steigt auf: Mit dem 3:2 gegen Sandhausen hält das Kleeblatt die Konkurrenz aus Kiel und Hamburg auf Distanz - mit einem der niedrigsten Budgets der zweiten Liga.

Von Christoph Ruf

Schon zehn Minuten vor dem Abpfiff rannte Stefan Leitl auf den Platz und bedankte sich beim Torschützen zum 3:2 und dessen Kollegen. Nun gibt es Trainer, bei denen das eine halbwegs normale Verhaltensweise bei einem späten Siegtreffer ist. Für Leitl, diesen sehr höflichen, sehr kontrollierten Menschen, ist es das nicht. Aber normal war eben auch nicht viel an jenem Mittwochabend, seit dem Fürth als heißester Kandidat für den Aufstieg neben dem Tabellenführer aus Bochum gelten darf.

Nach dem Fürther Sieg im Nachholspiel gegen Sandhausen könnten die corona-gebeutelten Kieler Fürth noch von Platz zwei verdrängen, dazu bräuchten sie indes zwei hohe Siege und ein Remis, oder aber drei Siege. Der HSV hingegen hat es gar nicht mehr in der eigenen Hand, an Fürth vorbeizuziehen. Selbst wenn man nun also in Rechnung stellt, dass die kommenden drei Gegner - Karlsruhe, Paderborn und Düsseldorf - allesamt in der oberen Tabellenhälfte angesiedelt sind, müsste es schon ganz dumm laufen, damit Fürth im Endklassement nicht zumindest den Relegationsplatz belegt.

Sandhausen läuft sich mit und ohne Ball die Füße wund

Zumal es ja auch noch die ganz einfachen Wahrheiten des Fußballs gibt: Wer so spielt wie Fürth am Mittwoch, der steigt auf. Nicht weil es diesmal eine überragende Partie gewesen wäre, davon hat Fürth aber auch schon genügend in dieser Saison gezeigt. Sondern weil es dem Team gelang, ein Spiel zu gewinnen, in dem so ziemlich alles gegen es lief und bei dem es in den ersten zehn Minuten heilfroh sein konnte, gegen die überfallartig angreifenden Sandhäuser nicht schon 0:2 zurückzuliegen. "Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass wir Spiele zu einem späten Zeitpunkt drehen können", sagte Leitl unter Berufung auf das 2:2 in Darmstadt oder das 1:0 in Heidenheim. "Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass wir sehr fit sind."

Fitness war auch vonnöten, denn beim Versuch, die spiel- und kombinationssicheren Fürther auszubremsen, nahmen die Gäste einfach alle gegnerischen Mittelfeld- und Angriffsspieler in sture Manndeckung. Sandhausen lief sich mit und ohne Ball die Füße wund und dürfte in dieser Form die Klasse halten. "Ich glaube, die hatten sieben Spieler auf dem Feld, die 1,90 Meter groß waren", sagte Fürths Trainer Leitl (1,78 Meter) nach dem Schlusspfiff andächtig. Gewonnen hat Fürth trotzdem.

Und das trotz allerlei Widrigkeiten, deren größte noch nach dem Spiel mit Zornesröte und lauter Stimme auf dem Platz verhandelt wurde. Auch bei der Pressekonferenz ging es um das Tor zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich der Gäste. Ein Tor, das bei der epischen Diskussion um den Videobeweis künftig als Fallbeispiel ganz oben stehen dürfte. Nach einem Kopfball von Tim Kister, der an der Latte landete, drückte der in vollem Lauf ebenso unabsichtlich wie konsequent Fürths Keeper Sascha Burchert gegen den Pfosten und bekam den Ball auch noch an die Hand. Kurz darauf landete das Spielgerät bei Daniel Keita-Ruel, der seinen ersten von zwei Treffern erzielte (36./52. Minute). Schiedsrichter Markus Schmidt gab den Treffer, was weit weniger kurios war als die Tatsache, dass der VAR ihn nicht kassierte. Leitls Votum ("dann brauchen wir diesen Videoschiedsrichter auch nicht") war ebenso nachvollziehbar wie die Verzweiflung von Sportdirektor Rachid Azzouzi: "Was ist denn das? Ich verstehe das nicht mehr."

Hrgota zeigt, dass er in der Bundesliga keine Akklimatisierungsschwierigkeiten bekommen dürfte

Nicht auszudenken, welche Wucht der Fürther Ärger erst entfacht hätte, wenn das umstrittene Tor das Spiel entscheiden hätte. Doch es kam anders, weil Hans Nunoo Sarpei (6.) und Aleksandr Zhirov (77./Eigentor) für Fürth trafen. Und weil dann noch das 3:2 durch Branimir Hrgota fiel (86.) Das Ganze bewerkstelligte dieser in Bedrängnis, in vollem Lauf und von der Strafraumkante aus und wies so mal wieder nach, dass zumindest er in Liga eins keine Akklimatisierungsschwierigkeiten bekommen dürfte.

Inwiefern das für größere Teile der Mannschaft gelten würde, wird sich weisen. Schließlich ist es fast schon eine Sensation, dass sich Fürth mit der jüngsten Mannschaft und einem der niedrigsten Budgets in der Zweiten Liga so gut schlägt. Das findet auch Azzouzi, dem man nach dem Schlusspfiff anmerkte, dass auch er am liebsten schon während der Partie auf den Platz gestürmt wäre, um die Spieler zu umarmen: "Egal wie die Saison ausgeht. Die Mannschaft kann Null Komma Null mehr enttäuschen. Wir sind stolz auf die Jungs."

© SZ/lein/and
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