Für einen Augenblick scheint alles zu gefrieren. Felix Klaus war nicht alleine, als er ein paar Minuten zuvor die Tür zum Besprechungszimmer aufgestoßen hat. Mit Klaus kam die Sonne. Sie lugte durch die Wolkendecke und fiel durchs Fenster herein. Selbst an diesem grauen und regnerischen Herbsttag im Trainingszentrum der SpVgg Greuther Fürth erstrahlte der Raum für ein paar Sekunden, als Klaus ihn betrat – aber jetzt gefriert es plötzlich. Zwar nur für einen Moment, doch dieser Moment verfehlt seine Wirkung nicht.
„Ja“, sagt Klaus – dann sagt er nichts mehr. Nur Ja, sonst nichts. Es ist der Augenblick, in dem alles erstarrt. Schon vor drei Tagen, nach dem Fürther 1:4 gegen den Karlsruher SC, hat Klaus Alarm geschlagen: Wenn die Mannschaft so weitermache, werde sie „in der zweiten Liga nicht überleben“. Das Team müsse „aufwachen und endlich anfangen, mit allen Mann zu verteidigen“. Was Klaus losließ, war drastisch – ein Weckruf, ausgesprochen in der Emotionalität unmittelbar nach einem Spiel. Jetzt, im Besprechungsraum, könnte er zurückrudern, um etwas Schärfe rauszunehmen, aber Klaus wollte am Freitag ein Zeichen setzen. Und das will er auch jetzt, drei Tage später. Deshalb sagt Fürths Außenbahnspieler auf die Frage, ob er dieselben Worte heute wieder wählen würde, einfach nur: „Ja.“ Das ist alles.
Klaus lässt die Antwort kurz stehen, damit sie wirkt. Dann erklärt er: „Ich will es nicht nochmal auf den letzten Spieltag ankommen lassen, deswegen habe ich es jetzt angesprochen, damit sich jetzt was ändert.“
Nach zehn Spielen hat Fürth erst zehn Punkte, aber schon 28 Tore kassiert. Zahlen, die einen aufschrecken lassen. Doch mitten in dieser Krise, die der Klub schon wieder durchmacht, erlebt Klaus gerade seinen zweiten Frühling. Er hat bereits fünf Tore erzielt und ebenso viele vorbereitet. Zehn Scorerpunkte, das ist mehr, als jeder andere bislang in der zweiten Fußball-Bundesliga zustande gebracht hat.
Klaus, 33, ist dieser Tage also der Gegenentwurf zu seinem eigenen Team. „Für mich persönlich läuft es so gut wie seit Langem nicht mehr“, sagt er, „aber für uns als Mannschaft nicht. Wenn wir jetzt auch noch als Team erfolgreich spielen würden, wäre es ein Traum gerade.“ So aber ist es eher ein Albtraum, schließlich setzte es vor dem 1:4 gegen Karlsruhe bereits ein 0:6 in Elversberg – noch so ein Tag des offenen Tores, wie ihn Fürth auch schon beim 5:4 Ende August in Magdeburg erlebt hat. Damals ging es noch gut, weil das Kleeblatt gewann. Aber mittlerweile hat es sich gedreht.
Das Pokalspiel gegen Kaiserslautern an diesem Mittwoch dürfte ein Endspiel im doppelten Sinne sein
„Wenn du 28 Dinger frisst“, sagt Klaus, „ist das nicht tragbar.“ Thomas Kleine, Fürths Trainer, war früher selbst Verteidiger, doch jetzt krankt es ausgerechnet an diesem Mannschaftsteil besonders. „Ich will gar nicht in ihn reinschauen, was er sich da manchmal denkt“, sagt Klaus und grinst. Dann gehen die Mundwinkel gleich wieder nach unten. Klaus wird ernst: „Ich bin davon überzeugt, dass Thommy das mit uns schafft. Jetzt müssen wir halt mal für ihn liefern.“
An diesem Mittwoch treffen die Fürther in der zweiten Runde des DFB-Pokals auf den 1. FC Kaiserslautern, gegen den sie schon Mitte September 0:3 verloren haben. Nun dürfte es ein Endspiel im doppelten Sinne sein. Eine Niederlage würde das Pokal-Aus bedeuten und könnte obendrein auch noch die Trennung von Kleine nach sich ziehen.
Geht es nach Klaus, wird es Fürth aber nicht so weit kommen lassen. Am Tag nach dem 1:4 gegen Karlsruhe habe sich die Mannschaft mit Kleine, verrät Klaus, zu einer Krisensitzung getroffen. Er selbst nennt es zwar „Austausch“, macht aber kein Geheimnis daraus, dass deutliche Worte gefallen sind: „Es ist ja Profifußball und kein Kindergeburtstag.“

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Pfiffe von der Tribüne, Zoff mit dem Gegner, Tadel vom Trainer: Beim 1:2 des FC Barcelona gegen Real Madrid wird deutlich, dass Lamine Yamals jugendliche Unbedarftheit Anlass zur Sorge bietet.
Der sogenannte „Austausch“ habe durchaus reinigende Wirkung entfaltet, versichert Klaus – jetzt könne es die Mannschaft gar nicht erwarten, auf den Platz zu gehen und Kaiserslautern zu bekämpfen. Und da will er, Klaus, wieder vorangehen und vor allem das zeigen, was er einst bei Christian Streich in Freiburg gelernt hat. Denn darauf kommt es jetzt in Fürth mehr denn je an: Streich, erzählt Klaus, habe ihm damals, als er noch am Anfang seiner Karriere stand, „klargemacht, dass es egal ist, ob du triffst oder Tore vorlegst – Hauptsache, du rennst und lässt dein Leben auf dem Platz“. Wenn man bei Streich alles aus sich heraushole, „feiert er dich mehr, als wenn du ein Tor machst“, sagt Klaus. Kurze Pause: „Und das muss hier rein!“
Leben lassen: Das war die oberste Christian-Streich-Lehre, die erste Lektion, die Klaus lernte, nachdem er Fürth im Sommer 2013 als großes Talent verlassen hatte. Im Januar 2025, nach fast zwölf Jahren in Freiburg, Hannover, Wolfsburg und Düsseldorf, kehrte Klaus als gestandener und weit gereister Spieler nach Fürth zurück. Und jetzt ist er mit alledem wieder zu Hause, was er in der Ferne mitgenommen hat.
Auch das ist es, was Felix Klaus gerade so stark macht. Jetzt muss sich nur noch sein Team ein Beispiel an ihm nehmen.

