Grand Prix in SilverstoneMcLaren bekämpft den Fehlerteufel

Lesezeit: 3 Min.

Dank Lewis Hamilton und Jenson Button ist McLaren das britischste aller Formel-1-Teams. Vor dem Heim-Grand-Prix in Silverstone ist der Rennstall enormen Erwartungen ausgesetzt. Grund ist eine ungewöhnliche Pannenserie - der Ärger fängt meist an, wenn eines der Autos zum Boxenstopp muss.

Elmar Brümmer, Silverstone

SZ bei Google bevorzugen

Was in Wimbledon auf den Schultern des Tennisspielers Andy Murray laste, befindet der Daily Telegraph, sei nichts gegenüber dem Druck, dem Martin Whitmarsh ausgesetzt sei: Die gesamte Sportnation erwartet vom Teamchef des McLaren-Rennstalls einen Erfolg beim Großen Preis von Großbritannien, dem Heiligen Gral des Motorsports. Dank Lewis Hamilton und Jenson Button ist McLaren das britischste aller Formel-1-Teams, ungeachtet der Tradition von Williams oder dem Namen von Lotus.

Opfer einer Pannenserie: Lewis Hamilton.
Opfer einer Pannenserie: Lewis Hamilton. Getty Images

Whitmarsh, 54, ist gelernter Luftfahrtingenieur und hat das Team 2009 von Ron Dennis übernommen. Seitdem hat der Rennstall keinen WM-Titel mehr gewonnen. Zum Prestige-Grand-Prix reist McLaren mit dem wenig schmeichelhaften Ruf, zuverlässig unzuverlässig zu sein. Und das als Team, in dem die Perfektion bis zum Äußersten getrieben wird. Ein verlorenes Rad am Auto von Jenson Button oder der Verlust von Lewis Hamiltons Pole-Position in Barcelona wegen eines Betankungsfehlers sind nur zwei Beispiele für die ebenso ungewöhnliche wie unheimliche Pannenserie.

Dabei gilt der MP 4/27 nicht nur als der ästhetischste Rennwagen der Saison, sondern auch als einer der konstant schnellsten. Auch an diesem Wochenende - sollten nicht die angekündigten Unwetter alle Prognosen zunichte machen. Doch die größte Gefahr droht McLaren von innen heraus: Ein ungekannter Mix aus persönlichen, strategischen und technischen Fehlern raubt wichtige Punkte und sorgt für Unruhe.

Der Ärger fängt meist an, wenn das Auto zum Boxenstopp muss. Vorletztes Wochenende in Valencia gelang der Boxencrew zunächst ein Grand-Prix-Rekord: Vier Räder tauschen in 2,6 Sekunden. Bei der zweiten Vorfahrt von Lewis Hamilton dauerte die Angelegenheit dagegen 14,2 Sekunden, ein Wagenheber hatte sich verklemmt. Dieses Extrem ist bei McLaren ein Spiegelbild dieser Saison.

An mangelnder Vorbereitung kann es kaum liegen. Nach den Patzern vor der Garage hat McLaren nicht nur neue Felgen mit integrierten Radmuttern entworfen, sondern auch gleich das sündhaft teure Spezialwerkzeug mitgebaut. Also können es nur die Nerven sein, die McLaren auf Platz acht der Boxenstopp-Rangliste zurückwerfen. Ausgerechnet ein Team, das gern damit kokettiert, cleverer als alle anderen zu sein. Inzwischen ist das englische Institut des Sports in die Problemlösung einbezogen, die Mechanikertruppe wird jetzt ganzheitlich betreut.

Zehn Zylinder der Formel 1
:"Wievielter bin ich überhaupt?"

Michael Schumacher verwirrt sein dritter Platz, Sieger Fernando Alonso zeigt Gefühle. Und Sebastian Vettel? Scheidet zwar aus, lässt bei David Letterman im US-TV aber den großen Max raushängen. Eine Zusammenfassung des Wochenendes in der Formel-1-Kolumne Zehn Zylinder.

Elmar Brümmer

Der hart kritisierte Sportdirektor Sam Michael sagt: "Wir haben an der Fitness und an der Choreografie gearbeitet, und müssen dafür sorgen, dass die richtigen Menschen am richtigen Platz sind. Wer heute in der Formel 1 Erfolg haben will, der darf die technischen Abläufe nicht nur auf die Motoren beschränken." Irgendwie beruhigend, dass sich die Formel-1-Realität dann doch nicht einfach so technokratisch beherrschen lässt.

Zehn Zylinder der Formel 1
:"Wievielter bin ich überhaupt?"

Michael Schumacher verwirrt sein dritter Platz, Sieger Fernando Alonso zeigt Gefühle. Und Sebastian Vettel? Scheidet zwar aus, lässt bei David Letterman im US-TV aber den großen Max raushängen. Eine Zusammenfassung des Wochenendes in der Formel-1-Kolumne Zehn Zylinder.

Elmar Brümmer

Das sieht Ron Dennis, 65, der im Hintergrund immer noch die Strippen zieht, anders. Weshalb die neben der Siegfrage wichtigste Angelegenheit im Team - die Vertragsverhandlung mit Lewis Hamilton - auch zu einer persönlichen Angelegenheit geworden ist. Hamilton steht nicht im Ruf, besonders sentimental zu sein. Sonst würde er auch kaum 25 Millionen Euro Jahresgage fordern.

Aber es habe ihm weh getan, als er 2008 beim Sieg in Silverstone, McLarens 13. Formel-1-Erfolg in der Heimat, den Pokal abliefern musste: "Das war die schönste Trophäe, die ich je gesehen habe, aber Ron behält sie alle. Das wird es nicht mehr geben, ich will meine Pokale behalten." Neue Zeiten des Aufruhrs, selbst Ayrton Senna und Alain Prost hatten sich einst der Dennis-Direktive gebeugt.

Lewis Hamilton ist als WM-Dritter in diesem Jahr die größere Hoffnung auf ein Ende der Titel-Ebbe, Kollege Jenson Button dümpelt mit 62 Punkten Rückstand auf WM-Spitzenreiter Fernando Alonso auf Rang acht dahin. Hamilton, 27, kontert seinen Frust mit der gewohnten Aggressivität, die kurz vor Schluss in Valencia in einen Crash mit Pastor Maldonado mündete. Von Whitmarsh gab es dafür später Schelte, Hamilton hätte besser auf Platz drei verzichten sollen - und ein paar Punkte anstatt am Ende gar keine mitnehmen.

Doch der Pilot will auch in dieser Angelegenheit nicht klein beigeben. Als "großartig" bezeichnet Hamilton mit mildem Zynismus die nachträgliche Bewertung des Managements - für was er sich dann das ganze Rennen den Hintern abgearbeitet habe? Die Angelegenheit ist ein hyper-sensibles Thema. "Wir dürfen in Silverstone vom Moment des Ankommens an der Rennstrecke bis zum Fallen der karierten Flagge keinen Fehler machen", sagt Whitmarsh.

© SZ vom 07.07.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: