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Bergamo-Profi Gosens:Spiel eins nach Spiel null

Erst sieben Monate her – und doch wie aus einer anderen Ära: Spieler von Atalanta Bergamo (mit der 8: Robin Gosens) freuen sich eng an eng über das Erreichen der K.o.-Runden in der Champions League. Auch das Achtelfinale, zu Beginn der Corona-Pandemie, wurde gemeistert – zu einem hohen Preis.

(Foto: Sergei Supinsky/AFP)

Bergamo war Italiens Hotspot in der Pandemie und ist längst nicht gesund, sagt der Deutsch-Holländer Robin Gosens. Sein Klub Atalanta hat eine Menge durchgemacht.

Wenn Robin Gosens erklärt, warum er an diesem Sonntag wieder Fußball spielen will, dann erzählt er von einer Begegnung mit einem Fan. Er habe ihn neulich auf der Straße getroffen, im Zentrum von Bergamo: Dino, geschätzte 60 Jahre alt. Dino, sagt Gosens, habe ihm erzählt, dass er seine Frau an das Virus verloren habe. Und dass er sich ein kleines bisschen Ablenkung wünsche, durch Spiele seines Lieblingsvereins.

Überall in Europa, wo jetzt nach der Corona-Pause wieder gespielt wird, sind der Sport und seine Bedeutung als Vergnügen der entwöhnten Menschen überhöht worden. Nirgends war die Rolle des Fußballs tatsächlich so dramatisch wie in Bergamo, auf verhängnisvolle Weise.

Der Klub der Provinzstadt im Norden Italiens, in der später so viele starben, dass Särge mit Armeelastern fortgefahren werden mussten, spielte am 19. Februar das größte Spiel seiner Geschichte. 4:1 gewann Atalanta im Achtelfinale der Champions League das Hinspiel gegen den FC Valencia im 50 Kilometer entfernten Stadion San Siro in Mailand, wo die Begegnung ausgetragen wurde. Mehr als 40 000 Fans reisten aus Bergamo und Umgebung an, sie lagen sich in den Armen und feierten.

Drei Wochen später, nach dem 4:3 im Rückspiel vor leeren Rängen in Valencia, schickte die Mannschaft bereits Trost in die Heimat, die gegen das Virus kämpfte. "Bergamo, das ist für dich. Gib nicht auf", stand auf einem Leibchen, das die Spieler in die Kameras hielten.

Noch mal zwei Wochen später, als niemand mehr spielte, galt das 4:1 als "Partita zero", Spiel null. Als Ereignis, das die Ansteckungen beschleunigt haben dürfte.

Gosens, 25, aus Emmerich am Rhein, hatte bis März eine märchenhafte Saison gespielt. War er vor einem Jahr wie viele seiner Mannschaftskollegen noch ein relativ unbekannter Fußballer, einer zudem, der es über den Umweg Niederlande und ohne ein Spiel für einen deutschen Profiverein, geschweige denn für eine Auswahl des DFB in die Serie A geschafft hatte, war er nun ein wichtiger Teil von Europas Überraschungsteam. Als linker Außenverteidiger und Flügelspieler trieb er mit langen Schritten und scharfen Pässen das wirbelnde Offensivspiel der "Dea" an, Göttin, so wird der Klub genannt. Acht Tore und fünf Vorlagen gelangen ihm in 30 Spielen.

Dann, im März, begann für Gosens eine Zeit, die auch ihn veränderte. Er erzählt davon am Telefon, während er im Auto vom Training nach Hause fährt, durch eine Stadt, "die noch nicht gesund ist", so fühle es sich an. Die Menschen in Bergamo tragen auch auf der Straße Schutzmasken, manche Gummihandschuhe. Es ist Donnerstag, der Tag nach dem Pokalsieg des SSC Neapel gegen Juventus Turin. In Italien wird schon seit Tagen wieder Fußball gespielt, an diesem Wochenende geht die Serie A weiter, vor leeren Rängen und mit strengem Sicherheitskonzept, klar. Aber in Neapel feierten die Fans den Triumph mit Autokorso. Corona war wie vergessen.

Atalanta spielt am Sonntsag gegen Sassuolo

In Bergamo, wo Atalanta mehr als vier Monate nach dem bislang letzten Heimspiel am Sonntag gegen Sassuolo antritt, gebe es zwei Lager, sagt Gosens. "Das eine sagt, wir haben Bock, dass es losgeht. Das andere sagt: Seid ihr eigentlich bescheuert? Beide Seiten versteht man irgendwie."

Während der acht Wochen Lockdown, als die Zahlen der Opfer stiegen und stiegen, er kaum vor die Tür ging und draußen ständig die Sirenen der Krankentransporte hörte, dachte auch Gosens nur mit Mühe an Fußball. Er lebt mit seiner Freundin zusammen, sie motivierten sich gegenseitig, erzählt er: Badminton, Fußballtennis, Dribbeln durch einen Parcours im Innenhof. Als er wieder auf dem Trainingsplatz stand, dachte er trotzdem, seine Form komplett verloren zu haben.

Doch das ist es eher nicht, was er meint, wenn er von Veränderungen spricht, sein Fitnesslevel sei inzwischen wieder gut. Er meint, dass er sich mit anderen Themen beschäftigte als sonst. Er hatte viel nachzuholen in seinem Psychologie-Fernstudium, er habe Dokumentarfilme geschaut und gelesen, Biografien von Überlebenden des Holocaust zum Beispiel. "Mir ist aufgefallen, dass ich kein breites Wissen darüber habe. Ich habe die Zeit genutzt, das ein bisschen aufzuarbeiten."

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