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Leon Goretzka:Ein Schlaks setzt Muskeln an

FC Barcelona - Bayern München

Jongleur mit gestähltem Oberkörper: Leon Goretzka.

(Foto: Manu Fernandez/dpa)

Leon Goretzka gehörte in beiden Spielen von Lissabon zu den besten Bayern. Dass er einmal im Champions-League-Finale stehen würde, ahnten manche schon zu seiner Zeit beim VfL Bochum.

Von Philipp Selldorf, Lissabon

Als der 17-jährige Leon Goretzka das Alice-Salomon-Kolleg in Bochum besuchte und seine Karriere als Champions-League-Spieler noch in weiter Ferne lag, widmete ihm eine führende Zeitung in seiner Heimatstadt bereits die Seite-Eins-Geschichte: "Leon, der Profi", titelte (in Anspielung auf den gleichnamigen Kinofilm) das Magazin des VfL Bochum, für den Goretzka in der zweiten Liga die ersten Spiele im Berufsfußball bestritt. Die VfL-Reporter griffen für die Story auf Insider-Informationen zurück: Die halbe Bundesliga und Spitzenklubs aus dem Ausland interessierten sich schon für den jugendlichen Mittelfeldspieler, über den Ralf Rangnick gerade im Kicker sagte, er sei im Moment "der beste Box-to-Box-Spieler der Welt".

Die Welt wird Rangnick nach den Eindrücken dieses Turniers womöglich zustimmen, Goretzka gehörte in beiden Spielen zu den besten Bayern und dürfte nicht zur Disposition stehen, falls Trainer Hansi Flick fürs Finale die Einberufung des von seiner Verletzung genesenen Stammverteidigers Benjamin Pavard und Joshua Kimmichs Rückversetzung ins Mittelfeld planen sollte. Dann müsste sich wohl Thiago auf die Ersatzbank setzen.

Im August 2020 ist Goretzka nicht nur acht Jahre älter und achtmal erfahrener als damals beim VfL, er ist auch etwa achtmal so stark wie Leon, der schmächtige Profi von früher. Auf den Fotos dieses Sommers sieht sein ehedem schlaksiger Körper aus wie der von Peter Parker, dem superstarken Marvel-Helden "Spider-Man". Die ungewohnte, geschenkte Freizeit während der Corona-Spielpause habe er zum Muskeltraining genutzt, aber nicht zum Zweck attraktiver Instagram-Bilder, "sondern, um die Muskelleistung zu erhöhen", wie er dem DFB-Magazin erzählte: "Wer sich ein 100-Meter-Finale bei den Leichtathleten anschaut, sieht, dass sich ein muskulöser Oberkörper und Schnellkraft eher bedingen als ausschließen."

Seine Werte zu den Themen Schnelligkeit und Ausdauer würden die positive Entwicklung belegen, sagt er, dazu kommt ein neues Selbstbewusstsein auf hohem FC-Bayern-Niveau. Letzteres sei allerdings ein Merkmal fürs gesamte Team: "Mit den guten Leistungen kamen die Siege, mit den Siegen kam noch mehr Selbstvertrauen, mit dem Selbstvertrauen kamen noch mehr Siege - wie ein Teufelskreis, nur umgekehrt."

Horst Heldt nennt Goretzka "unauffällig wichtig"

So pointiert sprach er als 17-Jähriger zwar noch nicht, aber Schalkes Manager Horst Heldt, heute beim 1. FC Köln tätig, war bereits beeindruckt von ihm, bevor Goretzka 2013 aus Bochum nach Gelsenkirchen wechselte: "Höflich, nett, respektvoll, schlau, dankbar für Ratschläge, aber selbständig. Er hatte einen fest umrissenen Karriereplan, aber das hatte nichts Tagträumerisches. Er war noch etwas schüchtern und trotzdem schon ganz erwachsen." Die Schalker hatten sich unter den vielen Bewerbern durchgesetzt, indem sie Goretzka ihr Interesse erklärten - und ihn dann wie gewünscht in Frieden ließen. Anders als etwa der Sportdirektor eines Münchner Weltvereins, der angeblich jeden Tag bei der Familie in Bochum anrief. Nach dem Vertragsabschluss erklärte Heldt hochoffiziell, der FC Schalke freue sich, Goretzka auf seinem Karriereweg "ein Stück begleiten zu dürfen". Ergebene Worte gegenüber einem knapp 18-Jährigen - doch "das war ernst gemeint", wie Heldt sagt: "Es war klar, dass er seine Laufbahn nicht auf Schalke beenden würde."

Die ersten Jahre vergingen schleppend, Verletzungen warfen Goretzka zurück, und die neuen Größenverhältnisse beeindruckten ihn. Mit Bochum hatte er zwar schon wilde Dinge erlebt, etwa ein 1:6 im vereisten Erzgebirge, bei dem ihn die Fans mit Schneebällen bewarfen - die eigenen Fans. Aber 60 000 Schalker im Stadion, zumal 60 000 Schalker mit schlechter Laune - das ist eine andere Dimension. "Für Leon war es ein großer Schritt aus Bochum nach Schalke - größer als der aus Schalke nach München", meint Heldt.

Wenn er Goretzka heute sieht, dann erkennt Horst Heldt "einen Meilensprung, einen Satz nach vorn hoch zehn". Aber er sieht denselben Spieler von früher: Einen Spieler, der - obwohl er regelmäßig vor dem Tor auftaucht - dadurch auffalle, dass er "unauffällig wichtig" sei: "Man sieht ihn nicht immer, aber er ist immer da." Mit 25 ist Leon Goretzka also dort, wo ihn damals schon alle sahen - aber noch nicht am Ziel, wie er sagt: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine beste Zeit gerade erst anfängt."

© SZ vom 22.08.2020/chge
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