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Leon Goretzka beim FC Bayern:Mit Fleiß und Finesse

Feinarbeit am Ball: Leon Goretzka, verzweifelt verfolgt von Kölner Verteidigern.

(Foto: Kerstin Joensson/AFP)

Der Mittelfeldspieler beweist gegen Köln mit drei Vorlagen seine Bedeutung für das Spiel des FC Bayern. Auch dank ihm fallen die Münchner Defensivprobleme gerade nicht ins Gewicht.

Von Sebastian Fischer

Es gibt im europäischen Fußball eine Art Goldstandard für Spitzenmannschaften beim Herausspielen von Torchancen, den derzeit wohl am prominentesten die Fußballer von Manchester City vorführen. Auf engem Raum gechippte Pässe hinter eine tief stehende Abwehr, anspruchsvoll zu spielen, schwer zu verteidigen und schön anzusehen. Man konnte das unter der Woche beobachten, als die Mannschaft von Pep Guardiola Borussia Mönchengladbach in der Champions League mit zwei solchen Treffern 2:0 schlug. Und man sah es ganz ähnlich am Samstag in München - bei zwei von drei Toren, die Leon Goretzka beim 5:1 des FC Bayern gegen den 1. FC Köln vorlegte.

Einmal, vor dem 1:0, chippte er den Ball in den Lauf des Angreifers Eric Maxim Choupo-Moting, der die Vorlage zu seinem ersten Bundesligator für den FC Bayern nutzte. Beim zweiten Mal, vor dem 5:1, fand Goretzkas Flanke mit viel Effet den Kopf von Serge Gnabry, der so seinen zweiten Treffer des Tages erzielte. Dazwischen legte Goretzka auch noch das Tor zum 2:0 durch Robert Lewandowski vor, dribbelte zunächst Kölns Rafael Czichos aus und spielte den Pass mit dem Außenrist. "Er war für mich heute Spieler des Tages", sagte Bayern-Trainer Hansi Flick.

Eine Rückkehr von Thomas Müller in die Nationalelf schließt nun auch Bundestrainer Löw nicht mehr aus

Nun war das Spiel gegen Köln in seiner Gesamtheit keines für den Goldstandard. Es war eine Partie, in der auch die für die Saison des FC Bayern inzwischen charakteristische Abwehrschwäche zutage trat. Kölns Treffer zum 1:2 kurz nach der Pause, Bayerns 32. Saison-Gegentor, war ein hervorragendes Beispiel für chaotisches Verteidigen. Die Innenverteidiger Jérôme Boateng und David Alaba gingen beide nicht zum Ball, weil sie vermuteten, das würde der jeweils andere tun - Torschütze Ellyes Skhiri traf nahezu ohne Gegenwehr. Danach hatte der eigentlich eher harmlose Gast Gelegenheiten zum Ausgleich.

In dieser Phase der Münchner Konfusion wurden nach einer Stunde der zweimalige Torschütze Gnabry und Thomas Müller in die Partie beordert. "Als Thomas und ich reingekommen sind, war es etwas brenzlig. Wir haben versucht, Wind zu machen", sagte Gnabry. Vor allem Müller, nur zwei Trainingseinheiten nach seiner Corona-Infektion wieder zurück im Kader, sorgte für Ordnung wie ein Verkehrspolizist auf einer vielbefahrenen Kreuzung.

27.02.2021, xemx, Fussball 1.Bundesliga, FC Bayern Muenchen - 1.FC Koeln emspor, v.l. Serge Gnabry (FC Bayern Muenchen)

Doppelt gerutscht trifft besser: Robert Lewandowski (oben) hat den Ball verpasst, aber Serge Gnabry überwindet Kölns Torwart Timo Horn zum zwischenzeitlichen 4:1 für den FC Bayern.

(Foto: Jan Hübner/imago)

Es passte zu seiner Leistung, dass Bundestrainer Joachim Löw in einem am Sonntag gesendeten "Sportschau"-Interview so wohlwollend wie noch nie über eine mögliche Rückkehr von ihm, Boateng und Mats Hummels in die Nationalelf sprach. "Wir werden nichts außen vorlassen, das kann ich versprechen", sagte Löw. "Besondere Umstände können eine Unterbrechung unseres Umbruchs rechtfertigen", präzisierte Löw zudem im Kicker. Gegen Köln bereitete Müller mit seiner ersten Aktion nach ein paar Sekunden auf dem Platz das wegweisende 3:1 durch Lewandowskis 28. Saisontor vor.

Flick sagte danach zwar: "Wir schauen mit Sicherheit nicht darüber hinweg, was in gewissen Phasen des Spiels passiert ist." In der durch das Aus im DFB-Pokal ungewöhnlich ungestörten bevorstehenden Trainingswoche dürfte das Abwehrverhalten auf dem Plan stehen. Aber Flick betonte vielmehr, dass es wichtig sei, "auch mal zufrieden mit einem 5:1" zu sein. Er lobte die Rückkehrer, Müller und Gnabry, der zuletzt mit einem Muskelfaserriss gefehlt hatte. Er lobte den Torschützen Choupo-Moting, durch dessen Einsatz auf dem linken Flügel Kingsley Coman eine Pause vergönnt war. Und er lobte Goretzka.

Goretzka ist in allen Spielphasen präsent - und nahezu überall auf dem Platz

Am vergangenen Wochenende waren die Münchner noch eine Mannschaft, die zwei Spiele in Serie mit einem ersatzgeschwächten Kader nicht gewonnen hatte, was den Vorsprung auf Verfolger Leipzig in der Tabelle auf zwei Punkte schrumpfen ließ. Nun, eine Woche und zwei Spiele später, steht der FC Bayern nach dem 4:1 im Hinspiel gegen Lazio Rom so gut wie sicher als Viertelfinalist in der Champions League fest - und für die entscheidenden Herausforderungen der kommenden Wochen, beginnend mit der Partie gegen Borussia Dortmund am Samstag, stehen die wichtigsten Spieler wieder zur Verfügung. Dass Goretzka, 26, dazugehört, hat er in den vergangenen Tagen noch mal besonders eindrucksvoll bewiesen.

Schon beim 1:2 in Frankfurt, als er erstmals nach seiner Corona-Infektion Ende Januar wieder zum Einsatz kam, hatte sich der Münchner Auftritt nach seiner Einwechslung zur Halbzeit zum Guten verändert; "positive Energie" bemerkte Flick. In Rom sorgte Goretzka im Duo mit Joshua Kimmich im Mittelfeld dann merklich für Stabilität, hielt dem jungen Müller-Ersatz Jamal Musiala den Rücken frei, bereitete dessen Tor vor. Und gegen Köln zeigte er seine Qualität erneut: aggressiv ohne Ball, mit schnellen Aktionen Richtung Tor nach Ballgewinn, Fleiß und Finesse.

Es ist rund drei Monate her, dass Goretzka vertretungsweise die Chefrolle im Mittelfeld vom damals länger verletzten Kimmich übernehmen musste. War er zuvor stets der offensivere Part im defensiven Mittelfeld, musste er nun öfter im Spielaufbau aktiv werden, defensiv mehr Verantwortung übernehmen. Es gelang ihm nicht immer, dem Münchner Spiel war Kimmichs Fehlen durchaus anzumerken. Doch umso mehr fällt nun, wieder im Duo mit Kimmich, Goretzkas Präsenz in allen Phasen des Spiels auf, nahezu überall auf dem Platz.

Sein Vertrag läuft 2022 aus, der FC Bayern möchte ihn bald verlängern. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte zuletzt beim Sender Sport 1, dass er dabei auf das Verständnis des Spielers für eingeschränkten finanziellen Spielraum in der Pandemie hoffe. Goretzka, der nicht erst in der Corona-Krise mit reflektierten Äußerungen und sozialem Engagement auffiel, dürfte es an diesem Verständnis kaum mangeln. Verringern dürfte sich sein Wert mit solchen Leistungen wie am Wochenende allerdings auch nicht gerade.

© SZ/chge/bkl
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