Golfturnier in Eichenried Kuss am 18. Loch 

Der Engländer Lee Westwood mit Caddie Helen Storey.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Es hieß, Lee Westwood sei zu alt, um mit den Jungen noch mithalten zu können. Doch seit seine Partnerin Helen Storey als Caddie auf dem Grün dabei ist, spielt der Engländer wieder regelmäßig um Turniersiege mit.

Von Felix Haselsteiner, München

Es blieb nur Zeit für einen flüchtigen Kuss auf dem 18. Loch, dann musste Lee Westwood sich beeilen, die nächste Gruppe wartete bereits. Während der Engländer sich auf den Weg in die Scoring-Zone machte, wo die Profis bei den BMW International Open in München nach der Runde ihre Scorekarten unterschreiben, steckte Helen Storey die Fahne zurück in das Loch, dann schwang sie sich das Golfbag über die Schulter und folgte ihrem Freund hinterher, gemeinsam mit den anderen Caddies.

Das Duo Westwood/Storey ist eine besondere Geschichte im Golfsport - dass Caddies von den Spielern nach der Runde einen Kuss bekommen statt eines Handschlags sieht man zumindest recht selten. Seit November 2018 begleitet Storey ihren Freund, sie trägt das Bag, putzt die Schläger, hält die Fahnen und unterstützt Westwood auf dem Platz. Eine klassische Caddy-Aufgabe, das Abmessen der Distanz zum Loch, hat der englische Golfer selbst übernommen, Storey jedoch hat auch so genug zu tun, vor allem im Umgang mit ihrem Freund.

Es hieß, er sei zu alt, um noch mithalten zu können

"Es funktioniert einfach sehr gut für uns. Helen ist stark genug, um das Bag zu tragen und ansonsten unterhalten wir uns auf dem Platz über viele Dinge außerhalb des Sports", sagte der 46-Jährige nach seiner Runde am Freitag. Worüber? "Meistens über's Abendessen", lacht Westwood, der gerade einen dritten Frühling erlebt, auch wegen Storey. Im Herbst 2018, als die beiden zum ersten Mal gemeinsam ein Turnier bestritten, gewann der Engländer die Nedbank Golf Challenge in Südafrika, eines der hochdotierten Finalturniere der European Tour. Es war sein erster Sieg seit 2014, viele hatten Westwood zu diesem Zeitpunkt abgeschrieben. Er sei zu alt, um mit den Jungen mithalten zu können, so lautete das Urteil.

"Bei der Nedbank habe ich bewiesen, dass ich noch gewinnen kann", sagt Westwood heute, doch viel wichtiger ist ihm die Entwicklung im letzten halben Jahr: "Mittlerweile fühle ich mich so gut, dass ich wieder jede Woche in diese Position komme." Um Siege zu spielen, das war stets der Anspruch des Engländers, seit er 1993 seine beeindruckende Profikarriere begann. Seitdem gewann Westwood 43 Turniere, 24 davon auf der European Tour, zählte insgesamt 350 Wochen zu den Top-Ten der Weltrangliste und nahm an neun Ausgaben des Ryder Cups teil. 2010 beendete er die Regentschaft von Tiger Woods vorübergehend und wurde zur Nummer Eins der Welt. Allein ein Major-Titel fehlt ihm in seiner Sammlung.

Westwood wollte sebstbestimmter spielen

Die überwiegende Mehrheit seiner Karriere verbrachte Westwood gemeinsam mit Billy Foster am Bag, einem der erfahrensten und besten Caddies im Geschäft. Foster, unter anderem einst für den legendären Severiano Ballesteros tätig, hatte stets eine sehr klassische Auffassung seiner Tätigkeit: Erfahrene Caddies bilden ein Team mit ihren Spielern, nehmen Einfluss auf jeden Schlag, bestimmen den Wind, die Distanz und manchmal auch die Schlägerwahl. Westwood jedoch wollte im Herbst selbstbestimmter spielen, das jedoch war mit Foster "leider nicht möglich", sagte er damals.

Storeys Interpretation des Caddie-Alltags als Taschenträgerin und Partnerin auf der Runde passt daher perfekt in Westwoods neue Philosophie des Golfspielens, die er auch gemeinsam mit einem Sportpsychologen erarbeitet hat: "Ich genieße es im Moment einfach richtig, Golf zu spielen. Ich bin oft vorne dabei und die Zusammenarbeit mit Helen ist perfekt", sagt er. Wie gut die Partnerschaft funktioniert, sieht tatsächlich jeder, der den beiden auf einer Runde folgt: Westwood und Storey besprechen mal ernsthaft den nächsten Schlag, dann lachen sie hinter vorgehaltener Hand über einen Witz. Die "gute Zeit", die die beiden laut Westwood zusammen haben, ist aber nur ein Teil der Wahrheit: In München ist der Engländer nicht nur sichtlich entspannt, sondern auch mit drei Schlägen Rückstand auf den Führenden Jordan Smith vor dem Schlusstag gut im Geschäft.