Golf:Wisconsin statt Tokio

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"Die Restriktionen lassen einfach keine Spiele zu, so wie ich sie 2016 erleben konnte": Martin Kaymer wird diesen Sommer nicht nach Tokio fliegen. (Foto: Ezra Shaw/AFP)

Golfprofi Martin Kaymer sagt seinen Start für Olympia ab, doch darf sich auf eine neue Aufgabe freuen: Der 36-Jährige fungiert beim kommenden Ryder Cup als Vizekapitän.

Von Felix Haselsteiner, Eichenried

Eigentlich war es ein ganz normaler Mittwoch für Martin Kaymer. Einen Tag vor Beginn der BMW International Open spielte er eine Runde mit drei ihm zugelosten Amateurgolfern auf dem Kurs in Eichenried nördlich von München. Im Anschluss daran gab er eine Pressekonferenz, auf der er über den Platz sprach - lobend, natürlich - und darüber, dass er am Vorabend die zweite Halbzeit des EM-Spiels nicht mehr hatte anschauen können, weil der Jetlag ihn eingeholt hatte: Auch Kaymer war erst am Montag aus Kalifornien angekommen, wo er bei den US Open 26. geworden war.

Dann kam Kaymer auf die wichtigen Themen zu sprechen. Die, die die nahe Zukunft seiner Karriere betrafen.

Am Vortag hatte Kaymer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa bereits bekannt gegeben, auf einen Start bei den Olympischen Spielen zu verzichten, nun erklärte er seine Entscheidung noch einmal ausführlich. "Es ist eine Kombination aus Kleinigkeiten: Die Restriktionen lassen einfach keine Spiele zu, so wie ich sie 2016 erleben konnte", sagte Kaymer. Die Entscheidung habe er "schweren Herzens" getroffen, doch "der Hauptgrund, warum ich zu Olympia fahren würde, ist einfach nicht gegeben". Wenn man sich auf das große Ganze konzentriere, müsse man die Frage stellen, "ob es in diesem Jahr richtig sei, diese Veranstaltung durchzuführen". Kaymers Antwort auf diese Frage sei ein deutliches Nein.

Um zu verstehen, warum Deutschlands bester Golfspieler in diesem Jahr nicht nach Tokio reisen wird, muss man die Vorgeschichte kennen, denn Kaymers Beweggründe hängen auch mit den Erfahrungen zusammen, die er 2016 machte. Golf und Olympia, das war damals eine Diskussion gewesen, als die Sportart zum ersten Mal seit 1904 wieder in den Kreis der Bewerbe zurückgekehrt war. Viele der besten Spieler hatten auf einen Antritt verzichtet, als Ausrede musste das Zika-Virus herhalten, das eine in Brasilien ansässige Mücke übertrug. In Wahrheit taten sich die Golfer schwer damit, sich mit Olympia zu identifizieren, einige gaben das im Nachhinein zu. Eine Medaille zählte schlicht und ergreifend nicht so viel wie ein Pokal bei einem der vier Major-Turniere.

"Ich habe größten Respekt vor seinen Leistungen", sagt Graeme McDowell über Martin Kaymer

Kaymer profilierte sich damals als einer der lautesten Fürsprecher des olympischen Golfturniers. Im August 2016 sagte er in der ARD, es sei für ihn "schwer nachvollziehbar, wie man so ein Riesenevent absagen beziehungsweise erst gar nicht zusagen kann". Kaymer gefiel an Olympia vor allem das, was in diesem Jahr mit Sicherheit nicht möglich sein wird. Am Mittwoch erzählte er in Eichenried eine Episode von einem Essen mit Turner Fabian Hambüchen, am Vorabend des Wettstreits, bei dem Hambüchen die Goldmedaille gewann. Man habe sich über Wettkampfvorbereitung ausgetauscht, Kaymer berichtete mit ehrlicher Begeisterung.

Dass er diese Passion nun, fünf Jahre später, im Kontext einer Pandemie, die ohne Zweifel auch das Erlebnis der Olympischen Spiele bestimmen wird, nicht verspürt, ist nachvollziehbar. Kaymer gilt als reflektierter Sportler, als einer, der Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus trifft. "Ich finde, man sollte nicht alles auf Corona schieben", sagte er. Die Angst, sich anzustecken, wollte er nicht als Ausrede benutzen, so wie es viele seiner Kollegen 2016 taten. "Sicher", sagte Kaymer, "eine Medaille kann man auch dieses Jahr gewinnen." Aber das allein war eben nicht Ansporn genug. Kaymer ist 36, es wird noch weitere Gelegenheiten für eine Reise zu Olympia geben, 2024 etwa nach Los Angeles. Der Deutsche Golf-Verband will nun den Düsseldorfer Maximilian Kieffer, 30, und Hurly Long, 25, aus Mannheim für Tokio nominieren.

Zudem gibt es in diesem Jahr weitere besondere Aufgaben, auf die Kaymer sich fokussieren möchte. Am späteren Mittwochnachmittag kam er noch einmal in das Pressezelt des Turniers, diesmal in einer für ihn neuen Rolle: An der Seite von Padraig Harrington setzte sich Kaymer auf das Podium, um sich als Vizekapitän des europäischen Ryder-Cup-Teams vorzustellen. Kaymer sprach von einer "großen Ehre", die ihm damit zuteil werde. Harrington habe ihm bei der PGA Championship vor einigen Wochen das Amt angeboten, Kaymer habe darüber erst nachdenken müssen, er berichtete von einer schlaflosen Nacht. "Wenn ich etwas machen will, dann will ich es gut machen", sagte er. Der Ire Harrington sagte, er sehe Kaymer als ein Teammitglied, das Gelassenheit mitbringe und enorme Erfahrung: "Er weiß, wie man in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt."

Kaymer hat sich mit seinen vier Teilnahmen am Ryder Cup von 2010 bis 2016 einen hohen Stellenwert im europäischen Golf erarbeitet, sein Sieges-Putt von 2012 in Medinah ist unvergessen. "Ich habe größten Respekt vor seinen Leistungen", sagte der Nordire Graeme McDowell, der zweite Vizekapitän neben Kaymer. Die Chance, auch als Spieler am Ryder Cup teilzunehmen, besteht für den Deutschen freilich weiterhin. "Ich würde mich freuen, wenn Martin in den kommenden Monaten so herausragend spielt, dass er sich noch empfiehlt", sagte Harrington. Aktuell ist Kaymer außerhalb der Qualifikationsränge, doch mit einem guten Ergebnis im GC München Eichenried könnte er sich weiter verbessern. Der Platz liegt ihm: 2008 gewann er hier.

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