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Golf:Talent in Käfighaltung

Thomas Rosenmüller, 23, vom GC Eichenried befand sich im Aufwind, ehe die Corona-Krise kam. Sein Ziel bleibt der Aufstieg in die zweitklassige Challenge Tour - nur ist unklar, wie dieser in diesem Jahr geregelt wird.

Den Großteil seiner Zeit verbringt Thomas Rosenmüller aktuell in einem Käfig. In Zeiten der Ausgangsbeschränkungen mag sich das Zuhause für die meisten Menschen im Freistaat früher oder später ein wenig käfigartig anfühlen, in Rosenmüllers Fall jedoch handelt es sich ganz buchstäblich um ein Gehege, ein paar Meter lang und hoch, mit einer Holzumrandung und einem grünen Netz. Das Trainingsgerät sieht aus wie ein überdimensionierter Hamsterstall, ist aber immerhin zu einer Seite hin offen. Von dort aus schlägt der 23-jährige Golfprofi Bälle in den Käfig, nach ein paar Hundertstelsekunden Flugzeit landen sie dann im Netz auf der anderen Seite. Kurz bevor die bayerische Regierung die Ausgangsbeschränkungen verhängte, sei er noch mit seinem Vater in den Baumarkt gefahren, erzählt Rosenmüller: "Da haben wir uns die Materialien für den Käfig zusammengekauft und ihn im Garten aufgebaut." Und, funktioniert das Konzept? "Ich kann da eigentlich ganz gut trainieren", sagt Rosenmüller: "Es ist halt eher technikfokussiert."

Nichts ist wichtiger, als den Ball nach dem Schlag durch die Luft fliegen zu sehen

Bis mindestens zum 19. April sind alle Golfanlagen in Bayern geschlossen, das gilt für Profis genauso wie für Hobbygolfer. Und während manch anderer Sportler seinen Alltag eben auf Fitness- und Ausdauertraining fokussieren kann, trifft es die Golfer etwas härter: Auch Rosenmüller erzählt, er habe im Keller Trainingsgeräte für Fitnessübungen; allein, nichts ist für einen Golfprofi wichtiger, als den Ball nach dem Schlag durch die Luft fliegen zu sehen - daran ist immer noch am besten ablesbar, woran man arbeiten muss. "Im Moment fühlt es sich eben wieder nach Off-Season an", sagt Rosenmüller, der als Spieler des GC Eichenried im Münchner Norden die Phase im Winter, in der Golf spielen draußen nicht möglich ist, eigentlich gerade hinter sich gelassen hatte.

Im Februar, zum Saisonstart der Pro Golf Tour, der dritthöchsten europäischen Golftour, hatte Rosenmüller einen optimalen Start in die Saison hingelegt. Die Turnierserie in Marokko dominierte er mit drei Top-10-Platzierungen und seinem ersten Sieg als Golfprofi, bei der Open Palmeraie Country Club Mitte Februar. "Ich war auf einem richtig guten Weg und hatte das Gefühl, mein Spiel ist richtig auf der Höhe", sagt Rosenmüller. Doch anstatt weiterspielen zu können, erfolgte Anfang März die Absage aller weiteren Turniere und eine hektische Rückreise. "Ich bin gerade noch rausgekommen, zwei Tage bevor die Grenze in Marokko zugemacht wurde", berichtet Rosenmüller.

Wann, ob und wie die Pro Golf Tour fortgesetzt wird, ist derzeit unklar. Die Turnierserie ist vorerst mindestens bis Mai unterbrochen; als Satellitentour der European Tour wird die Spielzeit vermutlich erst dann fortgesetzt werden, wenn es auf den oberen Ebenen auch weitergeht. "Die sportliche Situation ist schon sehr ungewiss", sagt Rosenmüller. Wie jeder junge Profi will auch er möglichst schnell den nächsten Schritt machen: "Mein Plan ist, mich möglichst schnell von der Pro Golf Tour hochzuarbeiten, am liebsten über drei Siege." Drei Siege berechtigen zum sofortigen Wechsel in die zweite Liga, auf die Challenge Tour, zwei Siege garantieren dort immerhin einen Startplatz zum Beginn der neuen Saison im Herbst - normalerweise. Aktuell liegt er auf Platz zwei der Pro-Golf-Tour-Rangliste und bekäme so den gewünschten Aufstieg, doch ist völlig unklar, ob die Aufstiegsregelungen in dieser Saison dieselben bleiben werden. "Wie da das Prozedere sein wird, kann man jetzt noch nicht sagen", meint Rosenmüller.

Für den Moment ist der 23-Jährige vor allem froh, nicht in finanzielle Nöte zu geraten. "Wir sind ja im Moment alle quasi arbeitslos", sagt er, auch wenn ihm seine sichere Lage bewusst ist: "Ich habe das Glück, zuhause bei meiner Familie zu wohnen und dadurch nicht auf allzu großen Kosten sitzen zu bleiben", sagt Rosenmüller. Aktuell finanziert sich der junge Profi aus eigener Tasche, "da kommt zwar im Moment nichts rein durch Preisgelder, aber immerhin sind meine Ausgaben auch gering." Unterstützt wird er vom Deutschen Golfverband und vom Golfclub Eichenried, aber nicht finanziell: Der DGV stellt Fitnessberatung parat, der GC den Trainer Ken Williams, der auch die anderen Spieler der ersten Mannschaft betreut

Für die Unterstützung ist Rosenmüller überaus dankbar, doch für die Herausforderung des Profidaseins sieht er sich vorbereitet: "Die College-Ausbildung in den USA hat mir sehr geholfen, man wird dort zu sehr viel Selbstständigkeit erzogen", sagt Rosenmüller. Die harte Gangart der Coaches, die nicht nur sportlich auf ihre Studenten einwirken, haben Rosenmüller geprägt: "Die Ausbildung ist ein wenig militärähnlich, man steht immer unter Leistungsdruck mit viel Konkurrenz." Was in der Collegezeit jedoch zu kurz kam, war die Zeit zu Hause bei der Familie in Bayern. Neben all den Einschränkungen und Unsicherheiten, mit denen sich Rosenmüller derzeit herumschlagen muss, sieht er daher zumindest das positiv: "Nach vier Jahren in den USA wieder mal länger daheim zu sein, ist immerhin ein kleiner Vorteil in der aktuellen Situation."

© SZ vom 07.04.2020

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