Es gab ein realistisches Szenario, in dem Rosie und Gerry McIlroy nie wieder das Masters live vor Ort erleben würden. Die Eltern des besten Golfspielers seiner Generation, des nun sechsmaligen Major-Siegers Rory McIlroy, haben ihr ganzes Leben dem Erfolg ihres Sohnes verschrieben: In dem kleinen nordirischen Ort Holywood erzählt man sich heute noch die Geschichten von den vielen Nebenjobs, die Rosie und Gerry sich aufhalsten, um ihrem talentierten Sohn neue Ausrüstung oder eine Reise zu einem Jugendturnier zu spendieren. „Ich verdanke euch alles“, hat McIlroy bei der Zeremonie am Sonntagabend gesagt, seine Eltern saßen diesmal in der ersten Reihe im Licht der untergehenden Sonne. Und nicht zu Hause vor dem Fernseher wie im vergangenen Jahr.
„Ich musste sie überzeugen, diesmal zu kommen“, sagte McIlroy. Seine Mutter hatte erst abgelehnt, im Glauben, dass sie und ihr Ehemann der Fluch ihres Sohnes waren. Gerade nämlich als sie 2025 das Masters verpasst hatten, gelang Rory McIlroy der Karriere-Grand-Slam: der Sieg beim kompletten Quartett aller vier Major-Turniere. Er hatte sich elf Jahre lang, von 2014 bis 2025, vergeblich um einen weiteren Major-Titel bemüht. Also, dachte sich Rosie McIlroy daher, fahren wir nie wieder nach Augusta – damit der Fluch nur nicht zurückkehrt. „Bin ich froh, dass wir das nun geklärt haben und ihr weiterhin kommt“, sagte McIlroy, als er das berühmte grüne Jackett des Masters-Siegers ein zweites Mal anziehen durfte.
Sein erneuter Triumph beim Masters hat nicht nur den Aberglauben seiner Eltern widerlegt. Er brachte dem 36-Jährigen zahlreiche weitere Ehren ein: Nur Jack Nicklaus, Nick Faldo und Tiger Woods gelang es in der Masters-Geschichte, ihren Titel im darauffolgenden Jahr zu verteidigen, überhaupt haben nur noch ein Dutzend Spieler mehr große Titel gewonnen als McIlroy. Und was Golfspieler aus Europa angeht, darf jetzt auch diese Debatte für beendet erklärt werden: Der Nordire gehört zu den bedeutendsten Profis, die der Golfsport jemals außerhalb der USA gesehen hat.
Sechs Schläge Vorsprung erspielte McIlroy sich an den ersten beiden Tagen – doch es wurde noch einmal ganz knapp
Sein Sieg am Sonntag verschaffte McIlroy vor allem, wie er selbst sagte, den Anspruch auf eine „Legacy“, auf ein Vermächtnis im Sport, das er nun mit Sicherheit hinterlassen wird. Auch wenn der Weg zu diesem Vermächtnis am Sonntag – wie die meisten großen Heldensagen – davon handelt, dass Scheitern ebenfalls immer eine Option ist.
Nach den Ereignissen aus dem vergangenen Jahr hatte die Vermutung nahegelegen, dass McIlroy, der damals ein Getriebener war, das Schlimmste hinter sich hatte. Eine bemerkenswerte Vollkommenheit hatte dieser Masters-Sieg von 2025. Endlich hatte McIlroy die Erwartungen erfüllt, die die Sportwelt und auch er selbst an sich formuliert hatten. Als er im Herbst auch noch das europäische Ryder-Cup-Team zum Sieg in den USA geführt hatte, lag eine Art Aura um ihn. Den Dämonen, so wirkte es damals, werde er fortan wohl nicht mehr begegnen müssen. Doch das hielt nur so lange an, bis ihm der Sport mit all seinen Tücken im Augusta National Golf Club erneut eine Lektion erteilte: „Ich dachte, es sei letztes Jahr so schwer gewesen zu gewinnen, weil ich versucht habe, das Masters und den Grand Slam zu gewinnen“, sagte McIlroy: „Dann habe ich dieses Jahr gemerkt, dass es einfach wirklich schwer ist, das Masters zu gewinnen.“

Sechs Schläge Vorsprung erspielte McIlroy sich an den ersten beiden Tagen, ein Ausdruck seiner Überlegenheit. Doch bei genauerem Hinsehen ergab sich am Freitagabend eine interessante Situation: Der Mann, der alles gewonnen hatte, hatte nämlich auf einmal wieder etwas zu verlieren. Fast wäre es genau so gekommen.
Auf der Schlussrunde treibt die Weltelite den Nordiren vor sich her
Am Samstag lud McIlroy die Konkurrenz mit einfachen Fehlern tatsächlich zu einer Aufholjagd ein. Die Schlussrunde begann er nicht mehr mit Vorsprung, sondern schlaggleich mit dem US-Amerikaner Cameron Young. Eine Gruppe aus der Weltelite trieb den Nordiren nun vor sich her, der erst fehlerhaft und dann doch wieder immer besser spielte, aber nie sensationell. Am Ende kam ihm Scottie Scheffler am nächsten, McIlroy stand der Schweiß auf dem 72. Loch des Turniers noch immer ins Gesicht geschrieben, als er sich erneut gerade so rettete. „Ich mache es mir nicht einfach“, sagte er später, als er sich an die Zeit als junger Spieler erinnerte: „Damals habe ich solche Turniere noch öfter mit vielen Schlägen Vorsprung gewonnen.“
Was an diesem umkämpften Sonntag in Augusta einmal mehr zu erkennen war, war der wahre Ausnahmefaktor dieses Golfspielers. Die Offenheit, mit der McIlroy dem Schicksal des Sportlers begegnet, sich über die Dauer einer Karriere immer zwischen Höhen und Tiefen zu bewegen, ist bemerkenswert. Sie macht ihn zu einem emotional nahbaren Menschen, der akzeptiert, dass er nur einen großen Sieg erringen kann, wenn er gleichzeitig etwas zu verlieren hat. Der in dem Jahr zwischen seinem ersten und zweiten Sieg in Augusta von einer wichtigen Lehre berichtete.
Er habe gedacht, dass der Karriere-Grand-Slam „das Ziel“ sei, an dem er ankommen müsse, um glücklich und befreit zu sein. Das habe sich als Trugschluss erwiesen. Alles, auch der Sieg vom Sonntag, sei Teil „einer Reise“, wie McIlroy sagte: „Das ist nur ein Zwischenhalt.“
Im vergangenen Jahr flossen bei McIlroy Tränen der Erleichterung, als er in Augusta auf dem Boden des 18. Grüns niedersank. Diesmal traten ihm nur bei der Widmung an seine Eltern die Tränen kurz in die Augen, er sprach ruhiger und reifer. Und: hungriger. Rory McIlroy wirkte wie jemand, der verstanden hat, dass es sich lohnt, immer noch nach mehr zu streben.


