Der Golfsport ist oft ein Spiel der Langsamkeit, das gilt für Royal Birkdale genauso wie für den Rest der Golfwelt. Schleppend bewegte sich das Feld auch am Sonntag bei der Open Championship über das trockene, braune Gras in Southport an der Nordwestküste Englands. Bei großen Turnieren verhalten sich die besten Golfspieler der Welt zwischen ihren Schlägen besonders vorsichtig: Sie überlegen, taktieren, versuchen Strategien zu entwickeln und den Verlauf der Grüns zu lesen. Manchmal vergehen in solchen Fällen mehrere Minuten, gefühlte Ewigkeiten. Im Fall von Ryan Fox und dem bedeutendsten Putt seiner Karriere hingegen waren es nur 20 Sekunden.
„Ich habe mein Leben lang schnell gespielt und habe mir diese Routine auch in dieser Situation behalten“, sagte Fox dazu später. Den finalen Putt zum Sieg hatte sich der Neuseeländer über vier Tage erarbeitet. Sein Mitspieler, der US-Amerikaner Sam Burns, überließ ihm die große Bühne vor etwa 20 000 Zuschauern, die traditionell auf den errichteten Tribünen rund um das 18. Grün Platz genommen hatten. Fox schaute einmal kurz von beiden Seiten, trat an, schob den Ball ins Loch und riss die Arme in die Luft.
Der Champion Golfer of the Year, so der offizielle Ehrentitel, kommt in diesem Jahr also aus Neuseeland. Einem Land, das gerne betont, die größte Pro-Kopf-Dichte an Golfplätzen weltweit zu haben und den Sport mit viel Leidenschaft betreibt. Wer sich auf Neuseelands schönen Plätzen bewegt, bekommt immer wieder mal ähnliche Phrasen zu hören: „Foxy hat von hier aus eingelocht“ heißt es dann, oder: „Foxy hat hier mit dem Abschlag das Grün getroffen“. Der mystische „Foxy“ hält mehrere Platzrekorde auf den besten Anlagen in seiner Heimat, allerdings längst nicht mehr nur dort: Am Samstag benötigte er in Royal Birkdale lediglich 62 Schläge, das war ein geteilter Rekord in der Geschichte der Major-Turniere im Golf. Einer, auf den Fox lange hinarbeiten musste. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wer von der Schönheit des Golfsports erzählen will, kommt an Ryan Fox und seinem Schwung gut vorbei. Minutenlang müssen Analysten in seinem Fall erklären, wie genau er es schafft, mit einer so ungelenken Bewegung so viel Kraft zu erzeugen – aber genau das gelingt ihm: Auch im für Sportler hohen Alter von 39 Jahren ist Fox einer der Spieler mit den weitesten Schlägen, was technisch schwer erklärbar ist. Seine Familie allerdings gibt Aufschluss über seine natürlichen Fähigkeiten: Sein Großvater war ein ausgezeichneter Cricket-Spieler, sein Vater Grant ist in Neuseeland noch bekannter als Sohn Ryan. Als Rugbyspieler gewann Grant Fox den WM-Titel 1987 und lief 189 Mal für die All Blacks auf. Und später rettete er die Karriere des Sohnes.
Sein Vater gab Fox den Rat, Golf nicht vom Ergebnis her zu denken – sondern von der ursprünglichen Freude am Spiel
25 Jahre alt war Fox, erst kurz zuvor Profi geworden, als er sich in den Niederungen der ozeanischen Mini-Touren wiederfand. Schon damals war er ein Spätstarter, die meisten Golfprofis beginnen ihre Karriere etwa zehn Jahre früher. In Australien aber, im Bemühen irgendwie finanziell über die Runden zu kommen, hätte er beinahe den Spaß verloren. Sein Vater flog damals ein, begleitete ihn als Caddie bei einem wichtigen Turnier und gab ihm den Ratschlag, Sport nicht vom Ergebnis her zu denken, sondern von der ursprünglichen Freude, die man bei der Ausübung empfindet.
Als eine Art Neubeginn der Karriere wird diese Episode im Leben des Ryan Fox heute erzählt. Langsam folgte der Aufstieg, über die europäische Tour in die USA, Schritt für Schritt, immer mit harter Arbeit verbunden. Bis zu dem Turnier, das er „zu Hause immer mitten in der Nacht im Fernsehen“ verfolgt hatte: „Es war für mich immer nur ein Turnier, bei dem es in erster Linie darum ging, überhaupt mitzuspielen – und jetzt bin ich (…) Champion Golfer of the Year. Das ist unglaublich, surreal, verrückt. Ehrlich gesagt, mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben“, sagte Fox am Sonntag. Da hatte er das Spiel der Geschwindigkeiten gewonnen, mit seiner unprätentiösen, schnellen Spielweise, die ihn von den meisten anderen unterscheidet.
Auch diese „anderen“ waren die Geschichte dieser 154. Open Championship. Am Freitagabend nämlich drehte sich noch alles um den Anti-Fox, den sehr prätentiösen Bryson DeChambeau: Der hatte vor einem Schlag ein Stück hochgewachsenes Gras hinter seinem Ball platt getreten und konnte dadurch besser schlagen – was im Golfsport verboten ist, unabhängig ob Absicht vorliegt oder nicht. DeChambeau bekam zwei Strafschläge aufgebürdet und blieb daraufhin trotzig bis nach Einbruch der Dunkelheit auf der Übungsanlage, weshalb der Golftag als „nicht beendet“ zählte und der Rest des Feldes bis Mitternacht auf die Mitteilung mit den Startzeiten am kommenden Tag warten musste.
DeChambeau habe das Turnier „in Geiselhaft“ genommen, sagte am Samstag Rory McIlroy und nutzte die Gelegenheit für eine Klarstellung: „Ich mag ihn nicht besonders gerne. Bei ihm wirkt alles sehr performativ“, urteilte McIlroy über DeChambeau, es ist das nächste Kapitel in einer zunehmend intimen Feindschaft zweier Spieler mit vielen Titeln und großen Egos. Die sich in Southport allerdings früh aus dem Rennen um den Titel verabschiedeten und schon abgereist waren – wie üblich in ihren Privatjets.
Den Triumph des Neuseeländers bestimmten andere Bilder. Am Sonntag hatte er noch Schwierigkeiten beim Champagner-Spritzen gestanden („Das habe ich noch nie gemacht“), am Montag dann fand sich die berühmte Trophäe, die Claret Jug, im Gepäckfach eines Linienfliegers wieder: Dort hatte Fox sie untergebracht, auf dem Heimweg zu seiner Familie. Die war nicht einmal nach Southport gereist, so bemerkenswert unwahrscheinlich war dieser Sieg einer einzigartigen Figur im Golfsport gewesen.


