MastersRahm setzt eine spanische Tradition fort

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Grüße an höhere Gewalten: Augusta-Sieger Jon Rahm schickte nach seinem Erfolg nicht nur einmal ein paar Dankesgrüße gen Himmel.
Grüße an höhere Gewalten: Augusta-Sieger Jon Rahm schickte nach seinem Erfolg nicht nur einmal ein paar Dankesgrüße gen Himmel. Christian Petersen/Getty Images

Mit einer überragenden Schlussrunde gewinnt Jon Rahm das Masters in Augusta. Er knüpft damit an die Erfolge des legendären Severiano Ballesteros an - der Anteil daran hat, dass Rahm überhaupt Golfprofi wurde.

Von Felix Haselsteiner

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Historie liegt stets in der Luft an einem Masters-Sonntag, aber dieses Mal stand sie leibhaft hinter dem 18. Grün. José Maria Olazábal, unhistorische 57 Jahre alt, hat in seiner Karriere so viel Golfgeschichte erlebt, dass er diesen Moment natürlich nicht verpassen konnte. Neben diversen Siegen hat Olazábal in seiner Karriere zweimal das Masters gewonnen, 1994 und 1999, weshalb er sich heute als Hüter einer spanischen Tradition versteht. Die ist eng mit dem grünen Jackett verbunden, dem traditionellen Gewand der Augusta-Sieger - und bekam am Ostersonntag eine weitere Episode hinzugefügt, die von der speziellen Verbindung zwischen einer Kleinstadt im Bundesstaat Georgia und der iberischen Halbinsel erzählt.

Olazábal nämlich wartete auf seinen Nachfolger. Jon Rahm, 28, aus dem kleinen Küstenort Barrika im Baskenland, konnte das finale Grün mit der Gewissheit eines Spielers betreten, der soeben das größte Turnier seiner Karriere gewonnen hatte. Ein kurzer Putt fehlte ihm noch, dann ließ er einen lauten Jubelschrei los, nahm seinen Caddie Adam Hayes in die Arme, bedankte sich bei seinem Konkurrenten Brooks Koepka für dessen Glückwünsche, herzte Frau und Kinder - und fiel schließlich Olazábal in die Arme. Einige Sekunden lang umarmten sich beide innig. Die genauen Worte, die in diesem Moment fielen, konnte Rahm später nicht mehr aufsagen, aber woran beide dachten, war in diesem Moment auch so klar ersichtlich: Sie dachten an jenen Mann, der ihnen den Weg geebnet hat und der an diesem Sonntag seinen 66. Geburtstag gefeiert hätte: Severiano Ballesteros, in der Golfwelt nur "Seve" gerufen.

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Was Rahm, Olazabal, Sergio Garcia - den Masters-Sieger von 2017 - und so gut wie jeden Spanier, der je einen Golfschläger in der Hand gehalten hat, miteinander verbindet, ist die Inspiration, die Severiano Ballesteros hinterlassen hat. Wie Rahm aus dem Baskenland stammend, war es Ballesteros, der in den 1970er- und 1980er-Jahren aus einfachen Verhältnissen heraus die Urdominanz im Golfsport brach und - gemeinsam mit Bernhard Langer - den Sport in Kontinentaleuropa groß machte. 1980 und 1983 (fast auf den Tag genau vor 40 Jahren) gewann er das Masters und wurde zum Anführer jener europäischen Spieler, denen er den Glauben schenkte, gegen die scheinbar übermächtigen Amerikaner gewinnen zu können. Seinem engen Freund und langjährigen Ryder-Cup-Partner Olazábal hinterließ er elf Jahre später eine Notiz in seinem Spind. In dem Schreiben verkündete er, dass er, Ballesteros, das Masters gewinnen werde.

"Hätten wir dort noch ein paar Sekunden länger gestanden, wären wir beide in Tränen ausgebrochen"

Olazábal trägt das Erbe von Ballesteros, der 2011 an einem Tumor verstarb, heute weiter, auf emotionale Art - genauso wie Rahm. "Hätten wir dort noch ein paar Sekunden länger gestanden, wären wir beide in Tränen ausgebrochen", sagte Rahm später. Seit seiner Kindheit liebt Rahm den Golfsport, weil sein Vater beim Ryder Cup 1987 Ballesteros live sah und danach die Familie überzeugte, nun ebenfalls Golf spielen zu müssen. Vor allem aber liebt er die alten Geschichten: Mit dem reflektierten, manchmal gar philosophischen Rahm kann man sich bei Pressekonferenzen über alles Mögliche unterhalten. Am Liebsten aber spricht er über lang vergangene Turniere. Der legendäre Reporter Jim Nantz fühlte sich daher im Gespräch mit Rahm im Klubhaus des Augusta National Golf Club zu einer besonderen Ehrung bewegt, er sagte: "Geschichte ist dir sehr wichtig und sie ist an diesem Ort sehr wichtig - und du bist jetzt Teil davon."

Wegbereiter: Severiano Ballesteros schenkte vielen Europäern in den 1970er- und 1980er-Jahren den Glauben, gegen die übermächtigen Amerikaner gewinnen zu können.
Wegbereiter: Severiano Ballesteros schenkte vielen Europäern in den 1970er- und 1980er-Jahren den Glauben, gegen die übermächtigen Amerikaner gewinnen zu können. Kolvenbach/Imago

Es waren vier ereignisreiche Tage, Tage voller Widrigkeiten, die Rahm zu bewältigen hatte, ehe er am Sonntag sein grünes Jackett anlegte. Eine Kaltwetterfront hatte das Turnier am Freitag erwischt, was dazu führte, dass Rahm am Samstag und Sonntag zweimal früh starten musste, um die Runden des Vortages zu Ende zu bringen. Sein größter Konkurrent um den Sieg war der Amerikaner Koepka, seines Zeichens viermaliger Major-Sieger, der am Schlusstag aber nicht das Niveau erreichte, um mit Rahm mitzuhalten: Koepka verlor früh Schläge, Rahm machte seinen leichten Rückstand rasch wett und sicherte sich mit Gewinnen auf den Löchern 13 und 14 einen angenehmen Vorsprung - auch vor dem 52-jährigen Phil Mickelson, der mit einer sensationellen Runde vorgelegt hatte und letztendlich Zweiter wurde - auch das war beeindruckend.

Die Emotionalität, die ihn normalerweise ausmacht, tauschte Rahm am Schlusstag gegen eine eiskalte Ruhe ein. Keine Faust war zu sehen nach guten Schlägen, keine Verärgerung nach Fehlern. Rahm orientierte sich an Tiger Woods, mit dem er im vergangenen Jahr in der Finalrunde in Augusta zusammengespielt hatte und damals erkannte: Woods, der in diesem Jahr verletzungsbedingt nach drei Runden aufgeben musste, zeigte Rahm, wie man das Masters in der vierten Runde spielt: Er hatte für jedes Loch einen klaren Plan, von dem er sich nicht abbringen ließ, egal was um ihn herum geschah - wie nun Rahm. "Ich hatte nie das Gefühl, dass irgendetwas außer Kontrolle ist", sagte Rahm später: "Nervös war ich natürlich trotzdem."

"Er wird noch über viele Jahre hinweg solche Titel gewinnen"

Allein: Man sah davon kaum etwas. Rahms Dominanz der vergangenen Jahre, die mit seinem Sieg bei der US Open 2021 begann und ihn an die Spitze der Weltrangliste führte, gipfelte an diesem besonderen Sonntag, an dem die Zuschauer ihm stundenlang immer wieder zuriefen, er solle es "für Seve gewinnen". Er kenne Rahm, seit dieser ihm als 14-Jähriger zum ersten Mal in Spanien über den Weg gelaufen war, sagte der alte Meister Olazábal. Seitdem habe er vermutet, dass solche Erfolge möglich sind, auch auch in Zukunft: "Er wird noch über viele Jahre hinweg solche Titel gewinnen."

Und Rahm? Natürlich träume er vom Karriere-Grand-Slam und vor allem davon, noch die British Open zu gewinnen, wie Ballesteros, sagte er. Zugleich ist er keiner, der sein Selbstbewusstsein zu Arroganz werden lässt: In seiner Rede bedankte er sich zuallererst bei den nimmermüden Platzarbeitern, dann neben seiner Frau auch beim Kindermädchen, das auf seinen Sohn und seine Tochter aufpasste und ihm damit erst dieses "einzigartige Dasein als Profigolfer" ermögliche. Auf spanisch widmete er seinem Vater Edorta intime Worte. Und ganz zum Schluss blickte er gen Himmel, für einen finalen Dank an "Seve".

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