Saudi-Arabien und der GolfsportAufgewacht aus dem Fiebertraum

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Eine Mischung aus Sport, Spaß und Party: Die LIV Tour wollte immer anders sein, laut und schrill.
Eine Mischung aus Sport, Spaß und Party: Die LIV Tour wollte immer anders sein, laut und schrill. Peter Powell/Action Images via Reuters
  • Saudi-Arabien zieht sich aus der defizitären LIV Golf Tour zurück, nachdem der Staatsfonds PIF seit 2022 geschätzte fünf Milliarden US-Dollar Verluste gemacht hat.
  • PIF-Chef Al-Rumayyan kündigte am 16. April eine strategische Wende zu mehr Effizienz an und evaluiert derzeit alle internationalen Sport-Investments.
  • Die LIV Tour wird noch bis Saisonende fortgeführt, danach droht das Ende des Projekts trotz Millionen-Handgelder für Golfer wie Jon Rahm.
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Saudi-Arabien stellt plötzlich sein Engagement bei der defizitären LIV Tour infrage – und kündigt Rückzüge von anderen Veranstaltungen an. Die Sportwelt steht wieder einmal vor Umwälzungen.

Von Felix Haselsteiner

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Eineinhalb Wochen ist es inzwischen her, dass in Mexiko-Stadt ein Generator kaputtging. So etwas kann vorkommen, die Stromversorgung in Mexikos Hauptstadt ist notorisch störanfällig, was für die Bevölkerung genauso eine Herausforderung ist wie für Veranstalter von Golfturnieren. In diesem Fall hatte der fehlende Strom allerdings eine Wirkung über Mexiko-Stadt hinaus: Die Übertragung von LIV Golf Mexiko wurde wegen des Stromausfalls durch den Generator für mehrere Stunden unterbrochen. Ein schwarzer Bildschirm war zu sehen, sonst nichts. Und das stand durchaus sinnbildlich für die Lage eines der finanzstärksten Start-ups in der Geschichte des Weltsports – und für dessen unsichere Zukunft.

Die LIV Tour war 2022 vom saudi-arabischen Staatsfonds PIF und dessen Beratern erdacht worden, zu denen der einstige Golfer Greg Norman sowie der Beratungskonzern McKinsey zählten. Sie wollten die Hierarchie im internationalen Golfsport aufbrechen und für Saudi-Arabien einen Platz am Tisch erkämpfen: LIV Golf sollte das Vorzeigeprojekt eines modernen Staats in der Wüste werden, der nicht mehr nur als Sponsor auftritt. Sondern als Gestalter, im besten Szenario sogar als Eigentümer einer Sportart.

Etwas mehr als vier Jahre später hat diese Unternehmung sehr viele Menschen sehr reich gemacht. Norman wurde Vorstandsvorsitzender, soll laut unwidersprochener Medienberichte 50 Millionen US-Dollar im Jahr verdient haben – und stieg 2025 mit einem vermutlich entsprechend üppigem Plus aus. McKinsey und andere Konzerne wiederum verdienten an den Beraterverträgen; und dann war da ja noch das Golf-Ökosystem. Eine Reihe von namhaften Spielern lief zur neuen Serie über, die genauen Handgeldsummen sind nicht öffentlich bekannt, wohl aber Schätzungen und Insiderberichte: Mehrere Spitzenspieler sollen dreistellige Millionensummen an Handgeld bekommen haben, etliche andere mussten sich offenbar mit zweistelligen Millionenbeträgen zufriedengeben. Dazu kamen Preisgelder in Höhe von 30 Millionen US-Dollar pro Turnier. Selbst die Schlechtesten verdienten wie Könige: Selbst wenn jemand in jedem der 14 jährlichen Turniere Letzter geworden wäre, hätte er dafür 650 000 US-Dollar Preisgeld bekommen. Die Illusion von einem Paradies, in dem Golfbälle und Privatjets fliegen, wurde dank der LIV Tour wahr.

Auf fünf Milliarden US-Dollar werden die Verluste seit Start des Projektes von Insidern geschätzt

Das entscheidende Thema allerdings, das zurück in die ungewisse Zukunft führt: Der saudi-arabische Staatsfonds bekam in all den Jahren kaum etwas – außer der Rechnung für die enormen Kosten.

In den offiziellen Bilanzen, die die Tour im Vereinigten Königreich einreichen muss, war für die ersten dreieinhalb Jahre ein Verlust von 1,4 Milliarden US-Dollar verbucht, geschätzt dürfte es dabei gewiss nicht bleiben. Und nicht nur das: Selbst mit inzwischen verbesserten Fernsehverträgen (in Deutschland etwa mit dem Sender Sky) erreichte Saudi-Arabien sein Ziel offenkundig nicht. Das Sports Business Journal präsentierte jedenfalls gerade wieder Zahlen: Die finale Runde des Turniers in Mexiko sahen auf Fox Sports durchschnittlich 49 000 Zuschauer. Parallel schalteten bei der Finalrunde des Turniers in Hilton Head auf der PGA Tour durchschnittlich 4,35 Millionen Zuschauer ein. Fast hundertmal so viele.

Unter Golfgrößen: PIF-Chef Yasir Al-Rumayyan mit Phil Mickelson (links) und Lee Westwood.
Unter Golfgrößen: PIF-Chef Yasir Al-Rumayyan mit Phil Mickelson (links) und Lee Westwood. Paul Childs/Action Images via Reuters

Als dann auch noch das Bild ausfiel, setzten in der Golfszene die Häme ein: Der schwarze Bildschirm habe die höchsten Einschaltquoten in der LIV-Geschichte erzielt, hieß es unter Beobachtern – das sei die Wirkung des Katastrophentourismus. Als nämlich in Mexiko die LIV-Golfer über den Platz liefen, hatte der Tag der Abrechnung schon stattgefunden.

Am 16. April hatte in einem unscheinbaren Saal in Riad eine Pressekonferenz stattgefunden, bei der nicht nur die Golf-, sondern die gesamte Sportwelt präzise zugehört haben dürfte. Yasir Al-Rumayyan, der Gouverneur des Staatsfonds PIF, sprach dort sinngemäß über den Untergang des Paradieses. Al-Rumayyan ist nicht nur der Architekt von LIV Golf, sondern unter anderem auch der Vorsitzende des Fußballklubs Newcastle United sowie der einflussreichste Finanzier der saudischen Liga. Auch ist er kraft seiner Funktion an der Spitze des PIF eine einflussreiche Figur im Tennis, Snooker, Kampf- und E-Sport.

Ohne exakt auf eine dieser Sportarten einzugehen und ohne eine konkrete, bindende Aussage zu treffen, kündigte Al-Rumayyan eine bemerkenswerte strategische Wende an: Eine Dekade nach der Vorstellung der „Vision 2030“, dem wahnwitzigen Zukunftsplan Saudi-Arabiens, ging es diesmal um einen pragmatischeren, nüchternen Ausblick. In unsicheren Zeiten (Krieg in Iran!) könne selbst der saudi-arabische Staatsfonds mit etwa einer Billion US-Dollar an Anlagevolumen nicht auf ewig Verluste hinnehmen. „Effizienz“, sagte Al-Rumayyan, sei der neue Schwerpunkt für die Jahre 2026 bis 2030.

Momentan herrscht intern eine wilde Mischung aus Unsicherheit und aufkommender Panik

Heißt übersetzt: mehr Fokus auf realistische Infrastrukturprojekte im eigenen Land sowie den Tourismus, unter anderem Golf für Reisende an den Golf. Dafür dürfte bei den internationalen Sport-Investments ein Einschnitt erfolgen. Der PIF evaluiere derzeit, was ein „must-have“  und was „nett zu haben“ sei, hieß es. Mit anderen Worten: Einer der größten Geldgeber im internationalen Sport hat eingesehen, dass wildes Geldaushändigen im Sport nicht funktioniert.

Die mittelfristige Umsetzung der Strategie ist abzuwarten, aber schon kurzfristig sind die Folgen erkennbar: Es trifft zum Beispiel den Fußball in Saudi-Arabien. Kurz nach der Pressekonferenz kündigte der PIF an, den erfolgreichsten seiner fünf Vereine aus der heimischen Liga zu verkaufen: Al-Hilal, wo unter anderem der Franzose Karim Benzema spielt. Es trifft auch Tennis, das PIF noch als einer der größten Sponsoren stützt. Das Finalturnier der Frauen wird nach 2026 nicht mehr in Riad stattfinden, das ATP-NextGen-Turnier der besten Jungprofis soll offenbar schon in diesem Jahr von Dschidda zurück nach Italien wandern. Noch fehlt die offizielle Bestätigung. Auch im Snooker sollen sich zwei Major-Turniere wieder aus Saudi-Arabien verabschieden.

Vor allem aber sind die Golfer betroffen.

Die LIV Tour, berichten US-Medien übereinstimmend, wird noch bis zum Ende der Saison fortgeführt, danach soll sich der PIF wohl weitgehend aus dem Projekt zurückziehen. Momentan herrscht daher intern eine wilde Mischung aus Unsicherheit, aufkommender Panik und dem Versuch, die Nachrichtenlage zu kontrollieren. LIV-CEO Scott O’Neil schien von der Wucht der Al-Rumayyan-Pressekonferenz ebenso überrascht gewesen zu sein wie der Rest der Golfwelt: Einem Bericht von The Athletic zufolge habe es Notfall-Meetings gebraucht, um einen sofortigen Rückzug der Geldgeber zu verhindern. „Die Realität ist, dass wir während der Saison finanziell abgesichert sind, und dann arbeiten wir als Unternehmen wie verrückt daran, (...) einen Geschäftsplan auf die Beine zu stellen, damit wir weitermachen können“, sagte O’Neil in einem Interview mit dem TV-Sender TNT, das kurz danach wieder gelöscht wurde.

Ohne die gigantische Unterstützung aus Saudi-Arabien habe die Tour keine Zukunft, sagen Branchenexperten. Zwar gäbe es die Möglichkeit, dass sich einzelne andere Sponsoren etwa in eines der 13 LIV-Teams einkaufen. Allerdings könne das die jährlichen operativen Verluste wohl nicht ausgleichen. Genauso wenig wie die Zahlungen, die noch anstehen.

Das LIV-Turnier in New Orleans im Sommer findet nicht statt – Begründung: finanzielle Engpässe

Der wichtigste LIV-Spieler ist der US-Amerikaner Bryson DeChambeau, der mit seiner großen Gemeinschaft in den sozialen Medien und seinem Rockstar-Auftreten viel Aufmerksamkeit erzeugt. Sein Vertrag mit der LIV Tour läuft Ende des Jahres aus, Berichten zufolge forderten er und sein Management vom PIF eine erneute Handgeldzahlung in dreistelliger Millionenhöhe, um zu bleiben. Kaum vorstellbar, dass diese Summen noch finanzierbar sind in dem finanziellen Klima, das sich derzeit im Golfsport ausbreitet. Auch die PGA Tour, das amerikanische Pendant zu LIV, gerät zunehmend unter Zugzwang. Dort wurden vergangene Woche 56 Mitarbeiter entlassen. Die Devise lautet: Effizienter werden, um die finanziellen Forderungen der Private-Equity-Investoren zu erfüllen, die 2024 mehrere Milliarden in die US-Golf-Tour pumpten.

Das prominenteste Gesicht von LIV Golf: US-Profi Bryson DeChambeau.
Das prominenteste Gesicht von LIV Golf: US-Profi Bryson DeChambeau. Hector Vivas/Getty Images via AFP

Der nahende Abschied Saudi-Arabiens aus dem Golfsport fühlt sich wie das plötzliche Erwachen aus einem Fiebertraum an, wohl auch für die Spieler. Der deutsche Spitzengolfer Martin Kaymer, weiterhin Kapitän eines eigenen LIV-Teams, berichtete noch vor einigen Wochen in einem Interview, er sei bestrebt, die saudi-arabische Tour „innerhalb von zwei bis drei Jahren“ auch mit einem Turnier nach Deutschland zu bringen. Von einer solchen Zukunft ist derzeit aber nur schwerlich auszugehen. Am Montagnachmittag vermeldete The Athletic, dass selbst eines der LIV-Turniere in New Orleans in diesem Sommer aufgrund finanzieller Engpässe abgesagt werden müsse.

Dem Golfsport steht mit dem potenziellen Ende von LIV Golf eine weitere Zäsur bevor. Wobei manche die Phase seit 2022 schon jetzt in der Sportgeschichte als eine Art fatalen Ausreißer nach oben einordnen: „Es war eine Sonnen- und Mondfinsternis gleichzeitig“, sagte der Nahost-und Golfexperte Thomas Friedman in einem Interview mit dem Portal Golf Digest über das Projekt LIV Golf: „Die falschen Leute zur falschen Zeit – mit zu viel Geld, zu wenigen von den richtigen Werten und zu wenig gesundem Menschenverstand. Möge es in Frieden ruhen.“

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