Golf:"Ich mag diesen Sound nicht"

Lesezeit: 4 min

Eine neue Tour-Serie, finanziert offenbar auch durch saudi-arabische Gelder, spaltet die Branche.

Von Gerald Kleffmann

Die Ausgangslage war ideal. In der Spitzengruppe nach Runde drei, nur zwei Schläge Rückstand auf den Führenden, den Engländer Tyrrell Hatton. Rory McIlroy war bei den Buchmachern, auch wenn das Feld eng beieinander lag, der Favorit auf den Titel bei dieser Arnold Palmer Invitational, dem US-PGA-Turnier in Orlando, das die inzwischen verstorbene Golf-Legende ins Leben rief. McIlroy ist wieder die Nummer eins der Weltrangliste, er spielt so konstant auf hohem Niveau wie kein anderer seit einem Jahr, wenngleich er einen Makel hat: Sein letzter seiner vier Major-Siege liegt auch schon wieder sechs Jahre zurück. Sein zweiter Makel: Zu oft zertrümmert er seine Siegchancen am letzten Spieltag, auf vierten Runden. Was natürlich auch daran liegt, dass sich keiner so oft in die Lage bringt, überhaupt am Ende um den Sieg mitzukämpfen. In Orlando, einem normalen Turnier der US-Tour, erging es McIlroy wieder so.

Zwischen den Bahnen fünf und neun büßte er fünf Schläge ein. Der Nordire wurde Fünfter, mit vier Schlägen hinter dem herzhaft spielenden Hatton, 28. Und doch war es wieder McIlroy, der den größten Nachhall dieser Tage erzeugte.

Von allen Spitzenkräften ist der 30-Jährige wahrscheinlich derjenige, der am konsequentesten frei seine Meinungen äußert - und dazu steht. Im Weltgolf ist das deshalb bemerkenswert, weil so viel Geld im Spiel ist und stets auf irgendeinen Sponsor oder Veranstalter Rücksicht genommen wird. 2016 verzichtete McIlroy auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio, womit er sich viel Kritik einhandelte. Golf war damals für ihn einfach kein Sport, der zum Olympiakosmos gehört. Das hat sich geändert; in Tokio - sofern die Spiele im Sommer stattfinden aufgrund der Corona-Krise - plant er abzuschlagen. Und nun positioniert sich McIlroy wieder in eigener Sache, in einer sportpolitischen Angelegenheit: Er sprach sich klar wie kein anderer Profi gegen die "Premier Golf League" aus.

Hinter dieser Revolution stecken nach Lage der Dinge vor allem Finanziers aus Saudi-Arabien, das dortige Regime nimmt bekanntlich nicht ganz unerhebliche Petro-Millionen in die Hand, um sich über das sogenannte "Sportswashing" ein besseres Image zu verschaffen. Verschiedene Events wurden in jüngster Zeit in dem Land am Golf aufgezogen, bei der "Saudi International" spielten Ende Januar zahlreiche Golfgrößen, etwa Phil Mickelson, in King Abdullah Economic City.

Das Herausfordernde für die bislang etablierten weltweiten Golftouren: Die Premier Golf League (offiziell mit Sitz in London) wirft mit Geld um sich, und sie will einen Turnierkalender sowie einen Modus bieten, der kurzweiliger, spannender sein soll. Gewisse Adaptionen aus der Formel-1-Welt sind nicht zu übersehen. Die Saison soll neun Monate dauern, zwischen Januar und September buhlen dabei 48 Spieler bei 18 Turnieren (zehn in den USA, der Rest verstreut in der Welt) um die Millionen. Es soll Teams geben wie beim Motorsport, aber auch Einzelwertungen, wobei nur über 54 und nicht über 72 Bahnen gespielt werden soll. Also über drei statt vier Runden (ohne Cut im Feld). Möglicher Start: 2022. Zehn Millionen Dollar beträgt offenbar das jeweilige Preisgeld pro Turnier, zwei Millionen kassiert der Sieger. Boni sollen am Ende auch fließen, etwa zehn Millionen extra für den Gesamtsieger und 40 Millionen für das Siegerteam. 240 Millionen Dollar soll das gesamte Preisgeld-Paket laut ESPN beinhalten.

Die Golfszene ist gespalten, und die große Frage lautet: Auf welcher Seite steht Tiger Woods?

Die Informationen sind noch nicht vollends verbürgt, weil Details eher bruchstückhaft nach außen gegeben werden. Nicht nur sportlich sind das ja sensible Themen, auch politisch. Das hat McIlroy nun deutlich gemacht. Er möge es "wirklich nicht, wo das Geld herkommt, und ich wollte der Erste sein, der das auch ausspricht", sagte er in Orlando beim Turnierstart und bezog sich auf seine ersten Bedenken, die er zuvor beim Turnier der WGC-Serie in Mexiko geäußert hatte. Wie Golfchannel.com berichtete, habe der CEO der Premier Golf League, Andy Gardener, ein Bankdirektor, in einem Podcast verraten, dass 60 Teilhaber an dem Projekt finanziell beteiligt seien - darunter auch der Saudi Public Investment Fund, der zu den größten Staatsfonds der Erde zählt.

Außerdem missfiel McIlroy eine Art Knebelpassus, den die neue Liga offenbar von ihren Spielern unterschrieben haben will. So zumindest war seine Kritik zu verstehen. Auf den normalen Touren hätten alle Spieler "die Autonomie über ihren Kalender, und sie können Turniere aussuchen und wählen, wann und wo sie spielen", sagte McIlroy. Bei der Premier Golf League "ist das nicht der Fall. Du musst vertraglich zusagen, 18 Events zu spielen, und sie sagen dir, wo und wann du sein musst". Für McIlroy steht fest: "Als Golfer und unabhängiger Unternehmer mag ich diesen Sound nicht."

In sozialen Medien erhielt er prompt Unterstützung von Kollegen, und auch von Funktionärsseite gab es eine Festlegung, die zeigt, wie ernst die mögliche neue Konkurrenz gesehen wird. Offiziell lehnen die Tour-Chefs in den USA und Europa zwar Kommentare zu "möglichen oder hypothetischen Touren" ab, inoffiziell aber, so ESPN weiter, hätten Jay Monahan und Keith Pelley, die Chefs der US PGA Tour und der European Tour, "Memos" an die Spieler versandt - angeblich versehen mit dem Hinweis, eine Teilnahme an der Premier Golf League gefährde ihre Mitgliedschaft auf ihren bisherigen Touren. Da werden offenbar bereits Drohkulissen aufbaut, so tief reicht die interne Auseinandersetzung schon.

Ohne dass etwas vollends feststeht, ist die Golfszene hörbar gespalten, und jeder versucht Pflöcke zu setzen für den Fall der Fälle. Einer wie Mickelson, immer schon dem Zocken zuneigt, ist von der Idee dieser neuen Liga gar "fasziniert", wie er kürzlich betonte. Mickelson ist einer der einflussreichsten Spieler im Weltgolf. Er hatte sich bereits mit den Strippenziehern dieses Projekts getroffen und ausgetauscht. Auch andere Profis sollen offen dafür sein, der Schwede Henrik Stenson etwa oder Dustin Johnson aus den USA, beide Major-Sieger. Tiger Woods, das womöglich größte Pfand in diesem Millionen-Spiel, hat sich noch nicht positioniert, im Hintergrund dürften die Drähte glühen, um ihn auf die jeweilige Seite zu ziehen. Es passt auch ins Bild, dass just jetzt der Liga-Chef Monahan den Abschluss neuer TV-Verträge für die US PGA Tour über neun Jahre bekannt gibt, mit dem Verweis, die Spielereinnahmen würden "signifikant steigen". Das liest sich wie eine Kampfansage. Wobei es nicht nur um Geld geht: Auch moralische Aspekte, wie es McIlroy zu verstehen gab, werden jetzt zum Test für die US PGA sowie European Tour und die Standhaftigkeit der Spieler.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB