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Golf:Gieriges Gras, schiefe Grüns

U.S. Open - Preview Day 2

Entspannt die US Open beginnen? Geht nicht. Bahn eins namens „Genesis“ ist gleich 412 Meter lang.

(Foto: Jamie Squire/AFP)

Der Platz der US Open im Winged Foot GC nördlich von New York ist diesmal der Star - selbst die Allerbesten wissen: Nur wer diesen schweren Kurs besiegt, gewinnt.

Von Gerald Kleffmann, Mamaroneck/München

42 Sekunden. So lange rollt der Ball. Sekunde 1: Er springt auf, auf dem ersten Grün, und der Caddie Billy Foster filmt den Verlauf. Der Ball hoppelt hoch, bis zum Rand, wo das Gras höher wird. Kurzer Stopp. Er rollt zurück. Langsam. Schneller. Eine Linksbiegung. Am Loch vorbei. Sekunde 17. Auf eine Welle zu. Neuer Schwung, runter die Welle. Eine S-Linie. Sekunde 28. Geradeaus. Foster, der diese Sequenz ins Netz gestellt hat, sagt im Off: "Das Grün ist 40 Yards lang." 36 Meter. Bei Sekunde 42 kommt der Ball tatsächlich zum Stillstand. Foster lacht das Lachen eines Verzweifelten. Er ahnt, was auf seinen Spieler, den Engländer Matt Fitzpatrick, von Donnerstag an zukommt auf dem West Course im Winged Foot Golf Club, dem Austragungsort der 120. US Open.

Jack Nicklaus, der weise alte Mann dieses Sports und mit 18 Major-Titeln unerreicht, sagte einmal zu diesem optisch im Grunde hübschen Platz nördlich von New York: "Der Golfkurs ist schwer am ersten Abschlag und wird nicht mehr leichter." So ist es auch diesmal für die 144 Teilnehmer, unter denen sich Martin Kaymer und Stephan Jäger als einzige Deutsche befinden.

Natürlich stehen beim zweiten Major der Saison, das wegen der Corona-Pandemie verschoben worden war, die üblichen Größen im Fokus. Von den Top 20 fehlt nur Brooks Koepka (Knie-Verletzung). Titelverteidiger Gary Woodland ist am Start, der Weltranglisten-Erste Dustin Johnson, der beste Amateur, der Japaner Takumi Kanaya. Bei der Nennung des schwersten Gegners, den es zu besiegen gilt, sind sich die Profis aber einig: Es ist der 6836 Meter lange Par-70-Kurs. Er ist der Star.

Gemeinhin gilt das Masters (das im November folgt) als äußerst schwer mit seinen eisglatten Grüns und tückischen Bodenwellen. Winged Foot? "Es ist so, als würdest du versuchen, Augusta National mit Rough zu spielen", sagt Tiger Woods zum Platz mit dem dschungelhaft dichten, hohen Grasbewuchs entlang der Fairways. Er weiß, wovon er spricht. Von 1997 an hatte der damalige Dominator bei 37 Majors in Serie die Cuts geschafft. Dann kam 2006, es kam Winged Foot - und Woods verpasste mit dem Ergebnis von zwölf über Par um drei Schläge erstmals als Profi in seiner Karriere die Qualifikation für die beiden Schlussrunden (wobei es auch sein erstes Major nach dem Tod seines Vaters war).

Der Winged Foot GC wurde 1921 von Mitgliedern des New York Athletic Clubs gegründet; der Golfplatz-Architekt A. W. Tillinghast, der viele renommierte und anspruchsvolle Plätze entworfen hat, hatte auch an New Yorks Ostküste kein Erbarmen. Der Anspruch, insbesondere bei der US Open es den Akteuren so schwer wie möglich zu machen, führte 1974 zu einem selten schlechten Siegerergebnis von sieben über Par für Hale Irwin. Der Journalist Dick Schaap verfasste daraufhin das Buch "Massacre at Winged Foot", in dem er minutiös schilderte, wie sich die Profis gequält hatten; das Buch kostet heute unter Sammlern 300 Euro. Sam Snead konnte nicht mal mitspielen - er zog sich auf der Proberunde einen Rippenbruch zu. Unvergessen war die Rechtfertigungsrede des amerikanischen Golfverbandes, dessen Funktionär Sandy Tatum sagte: "Wir versuchen nicht, die besten Spieler der Welt zu blamieren. Wir versuchen, den besten von ihnen zu identifizieren."

2015 überarbeitete Gil Hanse, der auch den Olympia-Kurs 2016 in Rio entwarf, den Platz - leichter wurde er nicht. Dafür fallenreicher. Die sechste Bahn ist typisch für die Hinterhältigkeit Winged Foots: Mit 293 Metern Länge ist es die kürzeste Par- 4-Bahn. "Ein kurzes, aber gefährliches Par 4", sagte Hanse dem Magazin Golf Digest trocken dazu. Die Profis haben zwei Optionen: das Grün direkt anzugreifen, auf die Gefahr hin, dass der Ball zwischen Bäumen liegt, im Bunker, der wie eine Schlange das halbe (überall schiefe) Grün umkringelt, oder im Rough, das die Bälle gierig verschluckt. Den Ball vorzulegen mit einem Eisen, gilt als sicherere zweite Variante - doch die Landezone des Fairways ist zu einem dünnen Streifen verengt. Letztlich müssen die Spieler Nadelöhre anvisieren, egal welche Taktik sie wählen. Ansonsten sind sie sofort in einer Stresssituation und kämpfen ums Par, gegen den Schlagverlust. Woods ahnt, wie es werden wird: "brutal".

© SZ vom 17.09.2020

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