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Golf:"Die Ungeduld rechtfertigt keine Selbstjustiz"

So ging es los vor einigen Tagen: Bevor der Präsident der Golfanlage Bergkramerhof seinen Betrieb für die Golfer rechtswidrig öffnete, ließ er Spaziergänger über seinen Platz laufen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Präsident eines Golfclubs hat seine Anlage entgegen der bestehenden Kontakt-Beschränkungen aufgesperrt. Dafür erfährt er scharfe Kritik.

Dass er am Montag Besuch von der Polizei bekommen würde, war Josef Hingerl klar. "Die Ordnungswidrigkeit habe ich begangen, das Bußgeld zahle ich auch", sagt Hingerl am Telefon trotzig. Die Verbindung ist schlecht auf der Golfanlage Bergkramerhof, ein paar Kilometer außerhalb von Wolfratshausen, wo man sich am Montag mit einem merkwürdigen Stolz den Maßnahmen der Landesregierung widersetzt hat. "Mit hoch gehaltenem Daumen empfange ich hier meine Mitglieder", berichtet Hingerl, der Golfclub-Präsident, der wohl meint, er müsse eine Resistance gegen die Beschränkungen der bayerischen Regierung orchestrieren, als wäre er der Häuptling eines kleinen gallischen Dorfes in einem Asterix-Comic.

Eine Ansteckung sei beim Golfen kaum möglich und weniger wahrscheinlich als im Buchladen

Am Freitag wandte Hingerl sich in einem offenen Brief an Markus Söder, forderte eine Wiedereröffnung der Golfplätze und gab seine Widerstandspläne bekannt. Das "bei der Einschränkung der Grundrechte zu beachtende Verhältnismäßigkeitsprinzip" sei "eklatant verletzt". Die Ansteckung mit dem Coronavirus sei auf dem Golfplatz kaum möglich, zumindest aber "seltener als in einer Buchhandlung, im Baumarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln". Hingerl rechnet vor, dass jedem Spieler auf dem Platz etwa 7000 Quadratmeter zur Verfügung stünden und überhaupt: "Meine Grundrechte können nicht durch Ländergrenzen definiert werden", in fünf anderen Bundesländern dürfe man schon wieder spielen. Zwei Klagen reichte der 72-Jährige, der seit 44 Jahren als Rechtsanwalt tätig ist, in der vergangenen Woche ein, am Montag ließ er noch eine Verfassungsklage folgen. Die Mitglieder seien "glücklich, endlich wieder Golfspielen zu können", sagt Hingerl am Telefon.

Nach Auskunft des Klubs waren am Montag rund 160 Golfer auf der Anlage.

Auch die kommenden Tage werde es voll. Allein: Die Golfer in Wolfratshausen sind wohl die einzigen Golfspieler im Freistaat, die Hingerls Vorgehen gutheißen. Arno Malte Uhlig jedenfalls kann mit dem Widerstand gegen das Gesetz wenig anfangen. "Er ruft offen zum Rechtsbruch auf. Wenn jeder so vorgehen würde, hätten wir Anarchie und Chaos", sagt der Präsident des Bayerischen Golfverbands, als langjähriger Notar in München ebenfalls ein Rechtsexperte. Von der Öffnung am Bergkramerhof habe er auch nur aus den Medien erfahren. Hingerl habe sich nicht mit ihm abgesprochen, heißt es in einer Mitteilung des Verbands: "Leider geht es Herrn Hingerl auch nicht um Golf, sondern eben darum, Aufmerksamkeit zu erheischen". Seit Jahren streitet sich der Rechtsanwalt mit dem Bayerischen sowie dem Deutschen Golfverband auf allen möglichen Rechtsebenen, fünfstellige Kosten seien so bereits entstanden, sagt Uhlig. In der Corona-Krise haben sich die Fronten verhärtet. Dabei unterscheiden sich Hingerl und der BGV nicht zwingend in der Haltung zur Wiedereröffnung der Golfplätze, sondern in der Vorgehensweise.

Auch der BGV vertritt die Haltung, dass der Golfsport unter Hygiene-Auflagen ungefährlich und sogar gesundheitsfördernd wirken könne. Seit Wochen ist Uhlig in Verhandlungen mit dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann und Abgeordneten, auch an Ministerpräsident Söder ist er herangetreten. "Die Politik hat Verständnis für unsere Situation", sagt Uhlig als Fazit seiner vielen Gespräche. Er setzt in seiner Kommunikation auf Besonnenheit: "Die Ungeduld da draußen ist groß, rechtfertigt jedoch keine Selbstjustiz". Der Golfsport sorgt sich wieder einmal, dass sich sein Image als Sportart der ungeduldigen Oberschicht in der Krise verstärken könnte, und Uhlig ist durchaus bewusst, dass Alleingänge wie in Wolfratshausen bei der Bevölkerung für Irritationen sorgen.

Bei vielen Golfclubs sieht man das ähnlich. "Es wirft kein gutes Licht auf uns, wenn wir als die dastehen, die Druck machen", sagt Martin Scholtys. Er ist Manager im Golfclub Reit im Winkl, der von sich als "Europas einziger grenzüberschreitender Golfplatz" wirbt - was in Zeiten von Grenzschließungen für Probleme sorgt. Sechs Bahnen auf dem Golfplatz sowie das Clubhaus liegen in Österreich, die anderen zwölf in Deutschland, was zu der kuriosen Situation führt, dass im Moment nur Österreicher auf österreichischen Flächen spielen können, der Rest bleibt geschlossen. "Aktuell führen wir auf dem Platz Grenzkontrollen durch", sagt Scholtys, mit Golfbuggys und Rasenmähern würden die Mitarbeiter darauf achten, dass sich die Spieler an die Regularien halten. "Wenn wir eine Ordnungswidrigkeit begehen würden und deshalb schließen müssten, wäre das für uns eine Katastrophe", sagt der Manager, dem gerade deshalb das Verständnis für die rechtswidrige und "am Ende ja kontraproduktive" Öffnung am Bergkramerhof in Wolfratshausen fehlt. "Die Situation ist sehr schwer für uns alle", sagt er, doch man müsse sich stärker an anderen Sportverbänden orientieren - da würde sich auch niemand widersetzen, sondern mit der Politik zusammenarbeiten.

Das will auch Uhlig mit dem BGV weiterhin versuchen und sich das Recht zur Wiedereröffnung der Golfplätze nicht gerichtlich erstreiten. Die gewerblichen Golfplätze, die sich nicht, wie eingetragene Vereine, allein über Mitgliedsbeiträge finanzieren, arbeiten trotzdem an Klagen, um den Betriebsausfall rückerstattet zu bekommen. "Viele dieser gewerblichen Anlagen sind stark gefährdet", sagt Uhlig dazu, die Klagen seien daher verständlich. Daneben appelliert er sowohl an die Golffunktionäre als auch an die Politik, Vernunft gelten zu lassen - die Lage sei ernst, aber für den Sport bislang verkraftbar: "Wenn es von nun an zügig vorangeht, kommt der Golfsport mit einem blauen Auge davon."

© SZ vom 05.05.2020

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