Golf:Der Mann mit dem Dutt

The 149th Open - Day Three

"Ich bin sehr, sehr stolz auf mich": Marcel Siem genoss sichtlich seine Teilnahme bei der British Open.

(Foto: Andrew Redington/Getty)

Marcel Siem, 41, zeigt bei der British Open, welch gutes Golfspiel in ihm steckt - und begeistert mit seiner aufregenden Art die englischen Fans.

Von Gerald Kleffmann, Sandwich/München

Marcel Siem stand am Ball, mit dieser eigentümlichen Haltung: Wie einen Besenstiel hält er den Schläger, die wenigsten putten so wie er. Er holte aus, der Ball rollte los und - fiel ins Loch. Oben auf einem Hügel johlten die Fans, insgesamt sind bei dieser British Open 32 000 Besucher pro Tag erlaubt gewesen, sie verteilten sich entlang den 18 Bahnen im Royal St. George's Golf Club. Wie kundig das Publikum dieses Major-Turniers ist, zeigte sich regelmäßig auch in jenen Situationen, in denen Spieler mit nicht ganz so großer Prominenz unterstützt wurden. Spieler wie dieser Deutsche "with a man bun", wie es in der englischen Presse hieß.

Im Internet, bei Twitter, wurde Siem zunehmend gefeiert, wegen seines Dutts, klar, vor allem aber wegen seines hervorragendes Golfens. Das Fernsehen wurde irgendwann ebenfalls auf ihn aufmerksam, fing ihn ein - oft waren es Bilder wie am Samstag nach diesem schönen Birdie (eins unter Par) auf der 16. Bahn, einem Par 3 über 150 Meter: Seine Faust schnellte hoch, er schrie auf, blickte zu den Menschen, die sich von seiner Euphorie anstecken ließen - sie jubelten mit ihm.

Ein 41-jähriger Rheinländer aus Ratingen, Vater zweier Kinder und Träger eines prächtigen Haarknotens, mit dem Golfprofis eher selten vorstellig werden, begeistert also das Publikum bei der British Open - diese Geschichte sah keiner wirklich kommen. Er selbst schon gar nicht. Kein Wunder, dass sich Marcel Siem in einem "kleinen Traum" wähnte, wie er sagte.

Auch der frühere Ryder-Cup-Kapitän Thomas Björn schwärmt von Marcel Siem

Mit Runden von 67, 67, 70 und 71 Schlägen (insgesamt fünf unter Par) auf dem Par-70-Kurs landete Siem am Ende auf dem 15. Rang, was nicht so schlecht ist für jemanden, der vor einer Woche nicht einmal wusste, dass er überhaupt beim ältesten Golfturnier der Welt, das seit 1860 ausgetragen wird, würde mitwirken können. Dann gewann er auf der Challenge Tour, der Serie unterhalb der European Tour, in Le Vaudreuil ein Turnier. Einen "riesigen Boost" hätte ihm dieser Erfolg gegeben, auch weil er somit überraschend noch ins Feld des großen Wettbewerbs im Südosten England gerutscht war.

Als er in Sandwich anreiste, wo der Royal St. George's GC liegt, habe er sich zwar müde gefühlt, weil er nun 14 Wochen hintereinander spielt. Aber den Schwung, den konnte er tatsächlich auf die Insel mitnehmen, was ihm viel Respekt einbrachte. "Brillant zu sehen, dass Marcel Siem zurück zu seinem aufregenden Selbst gefunden hat", twitterte der Däne Thomas Björn, im europäischen Golf eine der wichtigsten Führungspersönlichkeiten und 2018 Kapitän der siegreichen Kontinental-Auswahl im Ryder-Cup-Duell mit den USA.

Siem ist zweifellos beliebt in der Branche, sein Schicksal kennen ja alle. Er durchlebt seit längerem eine jener Geschichten, die viele ebenso treffen kann, die viele fürchten, die zu diesem komplexen Sport dazugehört. Weil es nie eine Garantie für einen sicheren, funktionierenden Schwung gibt. Siem fiel aus der obersten Liga heraus. Und nun ist er auf dem besten Weg, wieder aufzustehen. Das gefällt den Leuten, diese Mentalität. Noch vor Martin Kaymer war Siem auf der European Tour unterwegs, er war seitdem etabliert, auch wenn er dann stets im Schatten seines nun 36-jährigen Kollegen aus Mettmann stand, der zwei Majors gewonnen hat und die Nummer eins der Welt gewesen ist. Und doch ist Siem einer der profiliertesten deutschen Golfer seit zwei Jahrzehnten. Vier Turniere gewann er. Als er jedoch die Tourkarte vor zwei Jahren verlor (auch aufgrund der Folgen eines Nierensteins), musste er mit einer neuen Situation klarkommen. Es war wie: alles zurück auf Null.

"Ich kann nicht die ganze Zeit jammern"

Dass der Kampf zurück vor allem ein innerer, ein mentaler ist, das schilderte Siem in England. "Ich kann nicht die ganze Zeit darüber jammern, dass ich auf der European Tour sein will. Ich muss akzeptieren, wo ich bin", sagte er. Und das war und ist nun mal die Challenge Tour. Wo die Maßstäbe in allem kleiner sind. Sich auf diese einzulassen, war ein Prozess für Siem, der weiter befand: "Wenn du nicht akzeptierst, dass du die Tourkarte verloren hast und du immer noch denkst, ein European-Tour-Spieler zu sein und dass du einen Caddie haben und um zwei Millionen Euro spielen solltest, dann kannst du auf der Challenge Tour nicht bestehen."

Im Rückblick, dies erzählte er in einem SZ-Interview, hätte er sich einige Trainerwechsel sparen können. Mitte 2020 plagten ihn auch generelle Zweifel, er fragte sich, weshalb sein Spiel früher "so einfach von der Hand" ging. Im vergangenen März sagte er unter anderem: "Um Weltklassegolf spielen zu können, muss man gefestigt sein." Er wusste immer, dass es für ihn, den so leidenschaftlichen, expressiven Gefühlsgolfer, stets die größte Aufgabe war, seine Emotionen richtig zu lenken. Am Samstag hatte Siem wunderbar begonnen, alle Fairways bei den Abschlägen bis zur 13. Bahn getroffen, ehe ihm ein Schlag mit dem Eisen 2 missglückte: Slice, out of bounds, im Aus. Am Ende notierte er ein Triple Bogey, verlor drei Schläge. Früher wäre er ausgeflippt und hätte die Fassung verloren. Diesmal sagte er zu Recht: "Ich bin sehr, sehr stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, das zu vergessen, und dass ich noch zwei Birdies spielte. Darüber bin ich sehr glücklich." Am Sonntag wurde er, nach seinem ersten und einzigen Birdie der Runde auf Bahn 18, noch einmal mit Applaus gefeiert.

Golf British Open

Ehrenvolle Auszeichnung: Matthias Schmid erhielt die "Silver Medal" als bester Amateur im Feld der British Open.

(Foto: David Davies/dpa)

Ein Erfolg anderer Art gelang dem 23 Jahre alten Matthias Schmid, der als nur zweiter Deutscher den Cut geschafft hatte (Martin Kaymer und Marcel Schneider waren gescheitert) - und am Sonntag gar die "Silver Medal" als bester Amateur erhielt, nach Runden von 74, 65, 71 und 72 Schlägen; acht waren angetreten. Der Regensburger, der 59. wurde, hatte sich mit seinem zweiten EM-Titel für die British Open qualifiziert. Am Schlusstag spielte er im Zweier-Flight mit den gestandenen englischen Profi Lee Westwood und fabrizierte an der siebten Bahn sogar ein Eagle (zwei unter Par). Schmid, der sein Studium am College in Louisville kürzlich beendet hat, wird schon in der kommenden Woche sein Profi-Debüt geben, für das European-Tour-Turnier in Wales hat er eine Einladung erhalten.

© SZ/bkl/jkn
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