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Masters in Augusta:Der Star ist der Platz

The Masters - Preview Day 2

Der Japaner Hideki Matsuyama steht im Bunker am 12. Loch.

(Foto: Mike Ehrmann/AFP)

Im mystisch verklärten Augusta National Golf Club zeigt sich, wie wenig modern dieser Sport stellenweise noch sein kann. Faszinierend ist das Masters dennoch - wegen seines harmonischen und hoch anspruchsvollen Geländes.

Von Felix Haselsteiner

Der Weg an einen der heiligen Orte der Golfwelt führt vorbei an einer Reihe von Einkaufszentren. Washington Road im nördlichen Teil der Stadt Augusta im Bundesstaat Georgia ist objektiv betrachtet eine viel befahrene, vierspurige Straße, die in Georgia nicht anders aussieht als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten: Ausufernde, betonierte Parkplätze, Lebensmittelläden, Tankstellen, etwas abseits ein Restaurant einer Fast-Food-Kette. Washington Avenue ist - genauso wie Augusta mit seinen knapp 200 000 Einwohnern - ein Stück Normalität in den Südstaaten, ohne allzu großen Wiedererkennungswert. Wäre da nicht die Enklave gleich nebenan.

Biegt man von der Washington Avenue nämlich an einer gut bewachten, aber unauffälligen Einfahrtsstraße rechts ab, taucht man ein in "Magnolia Lane", eine Allee, die von dicht gewachsenen, riesigen Magnolien-Bäumen, gesäumt wird, die so tief hängen, dass sie erst nach einigen hundert Metern den Blick freigeben auf das weiße Klubhaus des Augusta National Golf Club. Die Fahrt unter den Magnolien ist nur wenigen Menschen erlaubt: Den Mitgliedern und ihren Gästen sowie den besten Golfspielern der Welt, wenn sie eine Einladung zum Masters bekommen haben. In Augusta bucht man keine Startzeiten für eine Runde, man kann sich auch nicht um eine Mitgliedschaft bewerben. Der Legende nach erhält man einfach irgendwann einen Scheck in Höhe einer sechsstelligen Summe - wer ihn bezahlt, ist danach eines von etwa 300 Mitgliedern. Nicht bezahlt hat, ebenso der Legende nach, noch niemand.

Die Mitglieder, der Club, die Exklusivität, die strikte Abgeschiedenheit von der Außenwelt in der pedantisch gepflegten Enklave, das alles hat seit der Gründung im Jahr 1932 zu einer Mystifizierung von Augusta National beigetragen. Die meisten historischen Geschichten über Augusta fangen mit dem Wort "angeblich" an, es sind Geschichten, die in der Frühzeit des Clubs auch einiges über südstaatliche Diskriminierung erzählen: Ausschließlich weiße Mitglieder und nur schwarze Caddies gab es bis ins Jahr 1976, als Lee Elder den ersten Abschlag eines nicht-kaukasischen Mannes durchführte. Erst seit 2012 gibt es auch weibliche Mitglieder, die jedoch weiterhin in der eindeutigen Minderheit sind. Augusta National, das schrieb der amerikanische Autor Shane Ryan einmal in seinem Bestseller "Slaying the Tiger", repräsentiere "so ziemlich alles am Golfsport, was archaisch und exklusiv" sei. Tradition und das korrekte Benehmen ist an keinem anderen Ort der Golfwelt weiterhin so wichtig - und wird so oft betont. Die Anweisungen richten sich an zahlende Zuschauer, die beim Masters Patrons heißen, genauso wie an eingeladene Journalisten: Ryan berichtet, dass eine falsche Frage an den Chairman des Clubs manchen Journalisten umgehend seine Akkreditierung gekostet habe.

Sogar die Spieler nehmen in der Masters-Woche nur eine Nebenrolle ein

Dass es also ausgerechnet an diesem geschichtsträchtigen Ort auch ein wenig Geschichtsblindheit braucht, um die Faszination zu verstehen, ist ein Paradoxon des ANGC. Denn auch wenn sich der Club in den vergangenen Jahren, vor allem unter dem amtierenden Chairman Fred Ridley (seit 2017) wesentlich modernisiert und begonnen hat, seine Geschichte aufzuarbeiten: Der Golfsport in seiner Breite ist heute wesentlich moderner als eines seiner Heiligtümer.

Der Club, das Drumherum, selbst die Spieler nehmen in der Masters-Woche jedoch nur eine Nebenrolle ein. Das, was Augusta in Wahrheit zu einem mystischen Ort und das Masters zu einem so sportlich brillanten Turnier macht, ist der Platz. Die 18 Löcher, die jedes Jahr im April in so leuchtendem Grün erstrahlen, dass man meinen könnte, es läge ein permanenter Fotofilter über den Fernsehbildern, sind eine der beachtenswertesten und stilprägendsten Leistungen der Golfarchitektur. Ursprünglich vom Schotten Alister MacKenzie im sogenannten Goldenen Zeitalter der Golfplatzarchitektur Anfang des 20. Jahrhunderts designt, haben eine Vielzahl von Architekten und ehemaligen Spielern den Platz in Augusta über die Jahrzehnte weiterentwickelt.

Konstant geblieben ist dabei der Perfektionismus und eine Anmut, die sich fast schon als Augusta-Farblehre beschreiben lässt. Das Fairway (mittelgrün) gibt den Weg zum Grün (hellgrün) vor und wird umrandet vom "Second Cut" (dunkelgrün) sowie ausgestreuten Piniennadeln (hellbraun), von denen allerdings täglich die von den Pinien fallenden Zapfen händisch entfernt werden. Dazu gibt es Sandbunker (weiß) und Wasser (schwarz). Nicht einmal Eichhörnchen sind auf dem Gelände zu finden. Um die Frage, wie das möglich sei, ranken sich Legenden, die allesamt mit dem Wort "angeblich" beginnen. Nichts in Augusta wird dem Zufall überlassen, erst recht nicht die makellosen Blumenbeete, die den Löchern ihre Namen geben und deshalb so gut wachsen, weil das Gelände früher mal eine Baumschule war.

Erfahrene Golfer profitieren davon, dass sie die Grüns kennen

Augusta lebt von der Perfektion - würde man nicht im Hintergrund Autos auf der Washington Avenue hören, könnte man glauben, man sei auf einem anderen Planet. Und es lebt von Merkmalen, die kein Fernsehzuschauer jemals wahrnehmen kann: Von den großen Höhenunterschieden etwa, die dazu führen, dass kaum ein Schlag von einer wirklich ebenen Fläche ausgeführt wird, sondern es ständig bergauf, bergab und seitwärts geht. Auch die Grüns sind dabei keine Ausnahme: Sie sind so gebaut, dass teilweise Putts notwendig sind, die den Ball erst vom Loch wegführen, bevor das Gelände ihn dann wieder in Richtung Loch rollen lässt. Die Grüns in Augusta zu beherrschen, ist nicht möglich. Aber ihre Tücken zu kennen, genau zu wissen, wo der Ball hin rollen wird, wenn man ihn antippt, das ist der große Vorteil der erfahrenen Spieler wie Bernhard Langer, die in Augusta deshalb mehr als anderswo von ihren vielen gespielten Runden profitieren und nicht so stark von der Länge der Schläge, die in Augusta eine untergeordnete Rolle spielt.

Die ersten neun Löcher sind, gemessen am gesamten Platz, die unspektakulären, wenngleich oft herausfordernden Bahnen. Erst auf der zweiten Hälfte des Platzes zeigt sich, warum das Masters Jahr für Jahr das sportlich interessanteste Turnier ist: Die angriffslustigen Spieler können hier Schläge aufholen, oder auch alles verlieren. Es ist möglich, dass auf den letzten neun Löchern eines 72-Loch-Turniers der eine Spieler eine Vielzahl an Schlägen einbüßt, während der andere sie gut macht. So wie Jordan Spieth, der im Jahr 2016 neun Löcher vor Schluss in Führung lag. Dann kam er nach Amen Corner, wo innerhalb von etwa 300 Metern Luftlinie die Löcher elf, zwölf und 13 ineinander übergehen. Spieth schlug an Loch 12 zwei Bälle ins Wasser und weil sein Konkurrent, der Engländer Danny Willett, die Löcher schadlos überstand, lag der plötzlich in Führung und gewann am Ende.

In solchen Momenten zeigt sich der Unterschied zwischen Augusta National und jedem anderen Ort auf der Welt, an dem Golf gespielt wird. Wo aber der Golfplatz für die Spieler existiert - und nicht andersherum, wie in Augusta. Die Faszination der finalen zwei Stunden an einem Masters-Sonntag nämlich liegt darin, dass der Club mitsamt seiner Geschichte und dem Platz für diesen kurzen Zeitraum seinen Status aufgibt und den Spielern, die um den Sieg spielen, dadurch eine umso größere Ehre erweist, weil er zur reinen Bühne wird für ihren Sport.

© SZ/schm
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