Golf:Angst, abgehängt zu werden

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Golf: "Auf der Challenge Tour macht man Minus im Jahr": Alexander Knappe, 33, aus Brilon kennt die Schattenseiten des Profi-Daseins.

"Auf der Challenge Tour macht man Minus im Jahr": Alexander Knappe, 33, aus Brilon kennt die Schattenseiten des Profi-Daseins.

(Foto: Johannes Simon/Getty Images)

Während die Topspieler auf der PGA- und Saudi-Tour Millionen verdienen, ist das Leben der Profis auf der Challenge Tour nicht einfacher geworden. Ein Besuch an der Basis in Neuburg an der Donau.

Von Gerald Kleffmann

Neulich griff Korbinian Kofler zum Laubbläser. "Ich bin heute um sechs Uhr auf die Anlage gekommen", erzählt der Geschäftsführer des Wittelsbacher Golfclubs, "ich gehe immer erst den Gang des Kunden." Bis zu diesem Sonntag ist das der Weg vom Parkplatz zum Klubhaus und zu den Abschlägen. Um aufgewirbelte Blätter zu entfernen, warf Kofler am Donnerstag die kleine handliche Windmaschine an und zuckte, als er an zwei VW-Bussen vorbeischritt, zusammen: "Ach, Mann, jetzt hast du die aufgeweckt!", sagte er sich. In den Campingautos schliefen zwei Profis. So ist das hier, bei dem Turnier namens Big Green Egg German Challenge in Neuburg an der Donau.

Die Golfveranstaltung zählt zur Challenge Tour. Diese Profiserie dient als Sprungbrett auf dem Weg zur DP World Tour, wie die frühere European Tour nun sperrig heißt. Das große Geld freilich wird woanders verdient. 250 000 Euro Preisgeld werden in Neuburg ausgeschüttet, diese Summe in etwa kassierte Martin Kaymer kürzlich für einen belanglosen 15. Platz bei einem Turnier der umstrittenen Saudi-Tour. Da klaffen zwei Welten aus derselben Sportart völlig auseinander.

Luxussuiten, Shuttle-Service, Anreise per Jet, solche Annehmlichkeiten wirken hier weit weg, wobei Kofler zu Recht darauf verweist: "Wir wollen schon ein gewisses Flair bieten." Lässige Liegestühle sind für die Zuschauer an Grüns aufgebaut, es gibt eine nette sogenannte Public Area mit Ausstellern, frisch gezapftes Bier, leckere Spareribs. Alles sehr familiär. Man fühlt sich, wenn auch ein paar Nummern kleiner, an die BMW International Open erinnert, die Kofler bestens kennt. Er war viele Jahre Geschäftsführer im GC München-Eichenried und Gastgeber des Turniers der höchsten europäischen Serie.

Die German Challenge ist das einzige Turnier der Challenge Tour in Deutschland, seit vergangenem Jahr richtet der Deutsche Golf-Verband über seine Tochterfirma DGS das Event aus. "Es ist keine Tour, die dazu gemacht ist, um hier als Pro langfristig zu verbleiben", erklärt Turnierdirektor Christian Schunck. Am liebsten sind dem früheren Nationalspieler Fälle wie Matti Schmid. "Wir freuen uns, wenn Spieler wie er nur einmal kommen und nie wieder", sagt Schunck und lächelt. Der 24-jährige Schmid aus Maxhütte-Haidhof hatte vor einem Jahr Platzrekord gespielt, landete in den Top Ten und marschierte durch auf die großen Touren. Sein Fernbleiben in Neuburg ist ein gutes Zeichen. Nun starteten bereits die nächsten Hoffnungen des DGV, Tim Wiedemeyer, 17, aus München, Freddy Schott, 21, aus Düsseldorf, Nick Bachem, 22, aus Köln und Mark Hammer, 23, aus Karlsruhe .

Alexander Knappe, 33, aus Brilon im Sauerland kennt die European Tour ebenfalls gut, nun kämpft er eine Etage tiefer mal wieder um den Anschluss, nicht nur sportlich. "Auf der Challenge Tour macht man Minus im Jahr", sagt er und verrät, dass er 2021 rund 30 000 Euro draufgezahlt habe. Nur die besten 20 einer Saison verbuchen einen Gewinn abzüglich aller Steuern, und die Sorgen, es nicht zurück auf die European Tour zu schaffen, sind durch die Saudi-Tour nicht geringer geworden. "Ich habe Angst, dass eine Bubble entsteht", sagt Knappe und verweist auch auf die US PGA Tour, die den Fehdehandschuh der neuen Konkurrenztour, finanziert aus einem saudi-arabischen Staatsfonds, aufgegriffen hat und in der kommenden Saison ebenfalls acht Turniere der Superlative aufbieten will, mit jeweils mehr als 20 Millionen Dollar Preisgeld. "Wenn sich das jetzt so hochschaukelt, kann eine Blase entstehen", befürchtet Knappe, der auch weiß: "Für uns bleibt's gleich."

Golf: Bester Deutscher nach zwei Runden: Max Schmitt, 24, überzeugte bislang bei der German Challenge in Neuburg an der Donau.

Bester Deutscher nach zwei Runden: Max Schmitt, 24, überzeugte bislang bei der German Challenge in Neuburg an der Donau.

(Foto: Johannes Simon/Getty Images)

Auf der Challenge Tour heißt das: sich selbst Hotels suchen, Mietwagen buchen, Kosten drücken, wo es geht. Mit seinem Sieg im Frühjahr in Südafrika bei einem Challenge-Tour-Turnier kratzte Knappe an den Top 200 der Weltrangliste und konnte kurz auf ein Angebot der Saudi-Tour spekulieren. Es gab losen Kontakt. Doch es klappte nicht. Knappe gibt zu: "Ich weiß auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn die mir ein Angebot machen würden. Bei mir ist es so, dass ich in den letzten zehn Jahren versuche, mich über Wasser zu halten." Auf keinen Fall verurteile er die Kollegen, die auf der neuen Tour antreten. "Wenn man ein Angebot über 50 Millionen erhält, das ist sicher nicht einfach, da Nein zu sagen. Es ist schwer, die zu kritisieren." Für verrückt hält er die Entwicklung trotzdem.

"Es ist wie immer im Leben: Die, die es nicht nötig haben, kriegen diese Millionen-Deals."

Auch Max Schmitt aus Andernach muss dieser Tage auf Verdienste, die er in seiner besten Saison 2019 erspielte, zurückgreifen. Der 24-Jährige schaffte damals den Sprung auf die European Tour. Als er 25 Kilo abnahm, um sich von Übergewicht zu trennen, verlor er seinen Schwung und stieg ab. Dass nun oben das große Geld verteilt wird, während solche wie er jeden Euro umdrehen, nimmt er eher fatalistisch zur Kenntnis: "Es ist wie immer im Leben: Die, die es nicht nötig haben, kriegen diese Millionen-Deals. Und die Leute, die es nötig haben so wie wir, kriegen nichts von dem Kuchen ab." Auf einen positiven Effekt hofft Schmitt, der als Siebter und damit als bester Deutscher in Neuburg das Wochenende erreichte, allerdings: dass es für ihn mehr Spielmöglichkeiten bei Turnieren gibt, wenn andere zur Saudi-Tour abwandern.

Nein, vorerst ist das Leben auf der Challenge Tour nicht leichter geworden. Und Kofler trägt noch eine andere Kritik vor, die ihn sorgt. "Wir versuchen der breiten Bevölkerung, vor allem den Kindern und Jugendlichen, Golf als Sportart schmackhaft zu machen sowie Freude und Werte zu vermitteln", sagt er. Die Saudi-Tour sieht er in diesem Zusammenhang als "Degradierung eines Wertesystems", sie festige jenes Image, das der Sport so gerne abschütteln möchte, nämlich, "ein Sport nur für Reiche zu sein".

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