Sofia Goggia:Die Achterbahnfahrerin

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Sofia Goggia: Beste Abfahrerin des Winters und damit Trägerin der kleinen Kristallkugel: Sofia Goggia.

Beste Abfahrerin des Winters und damit Trägerin der kleinen Kristallkugel: Sofia Goggia.

(Foto: Christian Hartmann/Reuters)

Die Italienerin Sofia Goggia ist zum dritten Mal die beste Abfahrerin des Winters - trotz einer mehr als turbulenten Saison mit Stürzen, angerissenem Kreuzband, angebrochenem Wadenbein und verbalen Angriffen aus dem eigenen Lager.

Von Johannes Knuth

Man musste ein paar Mal hinschauen: Doch, ja, das war schon Sofia Goggia, die da im himmelblauen Dress der Azzurri die Piste von Courchevel hinuntersauste, bei der letzten Abfahrt des Winters. Ihr Oberkörper ruhte meist ruhig über den Skiern, ihre Arme schnitten kontrolliert durch die Luft. Welch ungewöhnliches Schauspiel. Kurz vor dem Ziel wagte die 29-Jährige sogar noch Unerhörteres: Sie holte weit aus, anstatt, wie gewöhnlich, direkt auf das Tor zuzurasen wie ein wütender Jungbulle.

Der Tagessieg war so natürlich nicht drin, den beschaffte sich Mikaela Shiffrin. Die Amerikanerin dehnte so auch ihren Vorsprung in der Gesamtwertung auf Petra Vlhova auf 156 Punkte aus - und freute sich mit ihrem Partner Aleksander Aamodt Kilde, der die Abfahrtswertung bei den Männern gewann (der Schweizer Marco Odermatt sicherte sich nebenbei endgültig den Gesamtweltcup). Goggia konnte das alles herzlich egal sein, ihr reichte ein zwölfter Platz, um ihrerseits die Abfahrtswertung zu erstehen, zum dritten Mal bereits. Corinne Suter, die Olympiasiegerin, war die Letzte, die Goggias Träume am Mittwoch hätte verdampfen lassen können - doch die Schweizerin war noch langsamer. Eine weitere Schaufel Drama wäre bei diesem Finale aber auch etwas viel gewesen. Denn damit war Goggias Winter ohnehin wieder reichlich gewürzt gewesen.

Sofia Goggia: Ende einer "Achterbahnsaison": Sofia Goggia wird beim Saisonfinale in Courchevel Zwölfte in der Abfahrt.

Ende einer "Achterbahnsaison": Sofia Goggia wird beim Saisonfinale in Courchevel Zwölfte in der Abfahrt.

(Foto: Harald Steiner/GEPA pictures/Imago)

Goggia ist eine aus der Kategorie Bode Miller, eine, auf die alle im Ziel warten, um zu schauen, was sie dieses Mal anstellt. Mal prallt sie auf den Kopf und fährt weiter, mal verliert sie einen Skistock und gewinnt, oft genug warf es sie schwer ab, dass Kreuzbänder rissen und Knochen brachen. Der unrühmliche Höhepunkt war vor einem Jahr in Garmisch-Partenkirchen: Der Super-G war gerade abgesagt, Nebel hing über dem Skigebiet, Goggia prallte auf einen weichen Schneehaufen - auf der Touristenpiste. Der Schienbeinknochen war lädiert, die WM-Teilnahme in Cortina d'Ampezzo dahin.

De Vorfall habe sie über ihren Selbstwert nachdenken lassen, sagte Goggia vor diesem Winter. Sie begann schon noch riskant, aber nicht ganz so halsbrecherisch, gewann vier Abfahrten und einen Super-G - bis es sie wieder abwarf. Diesmal beim Super-G in Cortina, es war ein Sturz wie ein Verkehrsunfall: Goggia riss es die Beine auseinander, die Knie bogen sich in unmöglichen Winkeln, es wirbelte sie durch die Luft. Wie sie später aus dem Ziel humpelte, dachten alle, dass es das wohl war mit der Saison und den Winterspielen, wieder einmal.

Nur Goggia dachte gar nicht daran. Drei Wochen später raste sie tatsächlich die Olympiapiste von Yanqing herunter, mit verstauchtem Kniegelenk, angerissenem Kreuzband und angebrochenem Wadenbein. Sie schaffte es sogar fast, ihren Titel zu verteidigen, nur Suter war schneller, was Goggia zunächst rasend machte.

Goggias Verletzung könne gar nicht so schlimm gewesen sein, sagt die Mutter ihrer Konkurrentin

Das war es aber noch nicht. Die Italienerin Maria Rosa Quario, einst Skirennläuferin und heute als Reporterin unterwegs, zweifelte in mehreren Beiträgen die Schwere von Goggias Verletzung an ("Mit einem gebrochenen Bein bist du nicht 23 Tage danach wieder auf der Piste"). Goggia suche bloß "höllisch" nach Anerkennung" - anders als ihre, Quarios Tochter: Federica Brignone, die Gesamtweltcupsiegerin von 2020. Dazu sollte man wissen, dass das Verhältnis von Goggia und Brignone in etwa so warm ist war eine eisige Weltcuppiste. Brignone hatte vor dem Winter sogar das Frauen-Team um Goggia gemieden und mit den Männern trainiert - sie könne sich dort besser aufs Wesentliche konzentrieren, sagte sie.

Goggias Replik auf die Mutter war so direkt, wie sie für gewöhnlich fährt: Die Wortmeldungen seien ein Affront, auch gegenüber allen, die sich um sie gekümmert hatten. Sie habe nach ihrem Sturz 15 Stunden geschuftet, jeden Tag, das erste Training in China sei "traumatisch" gewesen. Der italienische Verband gab sogar ein Kommuniqué heraus, man verurteile die "polemischen" Aussagen von Außenstehenden, hieß es darin.

Sportlich schadete das alles offenbar nur bedingt. Brignone holte nach Riesenslalom-Silber in Peking zuletzt die Super-G-Weltcupwertung. Und Goggia sagte am Mittwoch, sie sei nun "wirklich glücklich" nach dieser "Achterbahnsaison". Aus Reibung entsteht manchmal ja erst recht: Energie.

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