Süddeutsche Zeitung

VfL Wolfsburg -:Gefährlich wie Lämmer

André Schürrle rettet dem VfL mit einem Treffer in der Nachspielzeit das 1:1. Doch die Leistung des VfL bestätigt spanische Spötter.

Der VfL Wolfsburg, unter Verehrern auch "die Wölfe" genannt, verbreitet in Madrid nicht gerade Angst und Schrecken. Am Freitag wurde der DFB-Pokalsieger dem großen Real Madrid fürs Champions-League-Viertelfinale zugelost. Und am Samstag machten sich mehrere Madrider Zeitungen über das Los lustig. "Ein solches Los hätte sich jedes andere Team auch gewünscht", meinte die Madrider Zeitung El Mundo. "Der Wolf gleicht eher einem Lamm." Die Wolfsburger Fußballer schienen derweil am Samstag bemüht, die in Spanien grassierenden Vorurteile zu bestätigen: Erst ein Distanzschuss von André Schürrle in der Nachspielzeit sicherte den Niedersachsen ein 1:1 gegen den noch etwas kleineren SV Darmstadt 98. Cristiano Ronaldo wird sich freuen.

Gegen eine Darmstädter Elf, die ohne falsche Komplexe mit sechs Mann auf einer Abwehrlinie verteidigt und ansonsten einen eher festen als filigranen Fuß walten lässt, krankten die Wolfsburger wieder an den Mängeln, die sie schon häufig in dieser Saison gezeigt hatten. Sie agierten bar jeder Kreativität, Rhythmuswechsel und Präzision im Aufbauspiel. Selbst die VW-Käfer aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten größere Beschleunigungskapazitäten als die Wolfsburger Elf am Samstag.

"Alibigeschwätz" will Dieter Hecking nicht gelten lassen

Mildernde Umstände könnten insofern gelten, als Trainer Dieter Hecking - wie schon in der Vorwoche bei der 0:1-Niederlage bei der TSG 1899 Hoffenheim - auf den eingebungsvollsten Kopf des aktuellen Kaders verzichten musste: Der frühere Schalker Julian Draxler musste wegen einer schon seit Wochen virulenten Oberschenkelblessur passen. Und sein Ersatzmann Daniel Caliguri, der nur noch ein Schatten des Spielers ist, der er in der vergangenen Saison war, musste nach gut einer halben Stunde verletzt ausgewechselt werden. Doch Hecking wollte dies nicht gelten lassen, auf ein solches "Alibigeschwätz" habe er keine Lust, sagte er nach der Partie. "Wir haben eine Mannschaft, die es besser machen kann als heute."

Für die Darmstädter war es über weite Strecken der Partie ein Leichtes, den Ball vom eigenen Strafraum fernzuhalten - ohne dabei fürchten zu müssen, dass ihr Deo versagt. Sie vermochten es bei ihrem ersten Bundesligabesuch in Wolfsburg sogar, den Hausherren zu Beginn der Partie einen gehörigen Schrecken einzujagen. In den ersten fünf Minuten hatten sie durch den Mittelfeldspieler Marcel Heller, der allein am rechten Eck des Fünfmeterraums auftauchte und verzog, sowie durch Innenverteidiger Slobodan Rajkovic, dem selbiges am linken Eck des Fünfmeterraum widerfuhr, zwei gute Gelegenheiten. Doch statt die Arme zum Jubeln hochzurecken, konnten sie sich nur die Haare raufen.

Schema & Statistik

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Erst danach zeigten die Wolfsburger ansatzweise, dass sie in dieser zunehmend verkorkst wirkenden Saison noch Ambitionen verfolgen. Sie erarbeiteten sich auch einige passable Chancen. Weltmeister Schürrle setzte einen direkten Freistoß nur knapp neben das Tor (33.), eine Flanke von Maximilian Arnold (41.) köpfelte er übers Gehäuse. Auch Vieirinha und Caligiuri (28.) vermochten es nicht, den Widerstand der Darmstädter zu brechen.

Nach dem Seitenwechsel ging das Spiel im gleichen Trott weiter - und wieder war Schürrle die aktivste, torgefährlichste Figur auf dem Rasen. In der 63. Minute vergab er eine Hereingabe von Vieirinha, zwei Minuten darauf schoss er aus 18 Metern den Ball neben das Tor. Später hatte der Darmstädter Angreifer Sandro Wagner dann seinen Auftritt. Bei einem Konter hatte Marcel Heller die gesamte rechte Außenbahn für sich - und nutzte die ausgiebige Zeit, die ihm die vorgerückten Wolfsburger spendierten, um Wagner im Strafraum zu bedienen (83.).

Maximilian Arnold will aufhören, von Platz 3 zu reden

Danach versuchte es Wolfsburg immer wieder, und stieß, "als das Kind fast schon in den Brunnen gefallen war", wie Coach Hecking sagte, unerwartet auf Öl. Nachdem Arnold eine Hereingabe von Max Kruse (87.) verpasste, legte Schürrle all die Wolfsburger Verzweiflung in einen letzten Schuss. Kruse ließ einen Ball mit der Brust abtropfen, Schürrle legte ihn sich zurecht und traf flach aus 18 Metern. Zum Ärger von Gästetrainer Dirk Schuster, der freilich einräumte, dass sein Team "sofort und blind unterschrieben hätte"; wenn man ihm vor der Partie ein Remis angeboten hätte.

Immerhin sei Wolfsburg der Vizemeister der vergangenen Saison, eines von acht verbliebenen Teams der Champions League - und Gegner von Real Madrid. Durch das späte Gegentor aber vergab Darmstadt die Chance, sich von den Abstiegsrängen etwas zu entfernen, auf den ersten Abstiegsplatz haben sie nur einen Drei-Punkte-Puffer. Wolfsburgs Träume von einer direkten Champions-League-Qualifikation verkommen mittlerweile zur Chimäre. Der Drittplatzierte Hertha BSC ist nun schon zehn Punkte entfernt. "Wir sollten aufhören, von Platz 3 zu reden", sagte Mittelfeldspieler Maximilian Arnold. Manager Klaus Allofs hingegen sagte: "Wir werden versuchen, da zu sein, wenn die anderen Fehler machen."

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SZ vom 20.03.2016
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