Glosse:Verirrte Fledermaus

Glosse: Eine Station wie ein Rettungsring: Wo Kaffee ausgeschenkt wird, sind Journalisten meist nicht weit. Auch bei den Tokio-Spielen ist das so.

Eine Station wie ein Rettungsring: Wo Kaffee ausgeschenkt wird, sind Journalisten meist nicht weit. Auch bei den Tokio-Spielen ist das so.

(Foto: Behrouz Mehri/AFP)

Schlechte Laune? Da regt einen ja schon die Frage auf! Natürlich ist die Laune schlecht. Und deshalb gibt es auch keinen Journalismus ohne Kaffee.

Von Thomas Hahn, Tokio

Sie fragen ja nicht, ob sie mehr Kaffee machen sollen. Aber wenn die Volunteers in den Pressezentren der Spiele fragen würden, ob sie mehr Kaffee machen sollen, dann könnte man auch mal die Gegenfrage stellen: Angenommen Ihnen ginge die Venenflüssigkeit aus - wollten Sie dann noch lange um Nachschub bitten? Aber klar, dann können diese Gutmenschen wieder einwenden: Muss es nicht auch einen Journalismus ohne Kaffee geben können? So ist das. Mit solchen Träumern hat man es hier wirklich zu tun.

Die aufmerksame Leserin, der aufmerksame Leser merkt schon: Die Laune ist schlecht. Warum? Warum! Warum! Da regt einen ja die Frage schon auf. Muss es immer einen Grund geben? Klar, in dem Fall gibt es einen. Kaffee ist eben nicht irgendein Heißgetränk, sondern ein Ablenkungsgenussmittel, das den Prozess des Artikelschreibens in Gang hält. Außerdem ist jeder Vorwand willkommen, die Corona-Maske zu lupfen.

Aber es gibt noch andere Themen. Die Gesamtsituation ist nicht gut. Dieses ganze halbseidene Catering hier. Dieses Coronamäßige ständig. Das tägliche Fiebermessen. Zu wenig Schlaf. Der Skateboardtext ist auch noch nicht fertig. Und dann: das Älterwerden, die eigenen Irrtümer, die Kriege, der Klimawandel.

Für all das können die Volunteers nichts, richtig. Aber sie sind eben da. Müssen die Ungeduld befriedigen und können es meistens nicht gleich. An wem sollte man denn diese historisch schlechte Laune sonst auslassen? Der Chef hat keine Zeit. Die Verwandtschaft auch nicht. Gehört das nicht nachgerade zum Jobprofil der Volunteers, übernächtigte Journalisten abzuwehren?

Die junge Dame am Transportdesk des Hauptpressezentrums heute zum Beispiel. Muss die sich nicht diesen zu lauten, zu langen Vortrag darüber anhören, dass es bei den Tokio-Spielen ja sowas wie einen zentralen Busbahnhof nicht gibt, was unerhört ist, eine Frechheit nachgerade, weil es bei den anderen Spielen, bei denen ich war und das sind immerhin sieben, jawoll sieben, da gab es so einen Bahnhof ...

Die Volunteers können ja dann warten. Den Ausländer sich austoben lassen. Irgendwann wie die junge Dame mit trockener Freundlichkeit antworten: "Doch, es gibt einen zentralen Busbahnhof." Ruhig den Weg zeigen, um dann den vorschnellen, polternden Mann mit geheimen Verwünschungen souverän verabschieden.

Möglicherweise gibt es doch nur einen Grund für die schlechte Laune statt Kaffee und dem vordergründigen Rest: die schlechte Laune selbst, die in einem herumflattert wie eine verirrte Fledermaus und ständig die falschen trifft.

© SZ/klef/and
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