Süddeutsche Zeitung

Glosse "Linksaußen":Herbstzeit

Die Wechselstimmung hat Deutschland ergriffen - offenbar auch im Profisport. Warum Armin Laschet daraus lernen könnte.

Von Sebastian Winter

Das gelbe Laub erzittert, es fallen die Blätter herab. Ach, alles was hold und lieblich, verwelkt und sinkt ins Grab.

Heinrich Heine hat diese melancholischen Sätze aufgeschrieben. Sein Gedicht "Der scheidende Sommer" passt ganz hervorragend in diese Zeit. Am vergangenen Mittwoch, exakt um 21.21 Uhr, war ja kalendarischer Herbstanfang, die Abende werden kürzer, wie man so sagt, wenn man eigentlich meint, dass es einfach schneller duster ist. Und die Temperaturen rauschen frühmorgens so rasant in den Keller wie die CDU/CSU bei der Bundestagswahl.

Man konnte sie am gar nicht herbstlichen Sonntag regelrecht mit Händen greifen, die Wechselstimmung im Land. Nicht mal ein Viertel der Wähler haben für die einstige Volks-Union gestimmt, diesen früheren FC Bayern der Politik. La bestia negra ist zur grauen Maus geworden. Dass der arme Armin weiter von der Kanzlerschaft träumt, auch wenn ihn nun endgültig keiner mehr haben will, grenzt an eine Tragödie - das frühsommerliche Laschet-Lachen ist ihm jedenfalls vergangen. Längst geistert der ernstzunehmende Witz durchs Land, dass Angela Merkel bald ihre 17. Neujahrsansprache halten wird. Weil ihre Nachfolger sich noch bis in den Januar hineinsondieren.

AJ Auxerre hatte mal 44 Jahre fast ununterbrochen denselben Trainer

Der Herbst gilt eigentlich als Erntezeit, aber in diesem Jahr geistert überall das Wort "Erneuerung" durch die Republik. Auch Laschet, der bei der Zukunftskoalition unbedingt mitmachen will, darf gerne mal einen Blick auf den Spitzensport werfen: Allein in diesem..., na...,äh: Bayern haben sich in den letzten Tagen der Fußball-Zweitligist FC Ingolstadt, Drittligist Türkgücü und die Eishockey-Tiger aus Nürnberg runderneuert - einfach indem sie ihre Steuermänner, sprich Trainer, über Bord warfen. Ingolstadt hat es sogar geschafft, seine Pressemitteilung zur Demission von Roberto Pätzold am Wahlabend um exakt 17.58 Uhr zu versenden - kurz vor der ersten Wahlprognose. Gutes Timing für Pätzold, der die Fußballbühne im politischen Trubel quasi durch die Hintertür verlassen durfte. Ein paar Monate war Pätzold Cheftrainer beim FCI, wie Petr Ruman bei Türkgücü. Frank Fischöder durfte bei den Ice Tigers immerhin ein gutes Jahr an der Bande stehen.

Nachhaltig ist das nicht gerade, würden die Grünen monieren. Andererseits soll es eben bitteschön kein ,Weiter so' geben. AJ Auxerre hatte mal einen Trainer namens Guy Roux, der dort 44 Jahre lang fast ununterbrochen an der Seitenlinie stand. Puh! In Freiburg machen sie es zumindest etwas anders: Feuern nicht Trainer Streich, sondern ihr Stadion. Auch im Öko-Paradies haben sie erkannt: Der Drachen steigt nicht ohne frischen Wind.

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