Glosse Die Sonne über Kasan

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Ganz am östlichen Rand der Moskauer Zeitzone liegt der WM-Spielort Kasan. Das heißt für die Besucher dort vor allem eines: kurze Nächte.

Von Benedikt Warmbrunn

Bei uns unten im Haus gibt es einen kleinen Laden mit einer Verkäuferin, die denkt, dass ich verrückt bin. Sie verkauft dort nur Dosenbiere, obwohl im Kühlregal fast nur Flaschenbiere stehen; sehr viel süßes Gebäck; und in der Fleischvitrine liegt etwas, das aussieht wie in Salz eingelegte Schweineohren. Leider verkauft sie keine Schlafbrillen.

Kasan liegt knapp 800 Kilometer östlich von Moskau, am äußersten Rand der Moskauer Zeitzone - eine unangenehme Kombination. Die Sonne geht in den ersten WM-Tagen um 2.57 Uhr über Kasan auf, das verrät die Wetter-App, das verrät die Sonne aber auch selbst. Jeden Morgen um spätestens 3.30 Uhr steht sie so, dass sie frontal in mein Zimmer im 16. Stock hineinscheint, durch dicke Vorhänge hindurch. So bleibt die Sonne bis etwa sechs Uhr stehen. Nachdem sie mir die Tiefschlafphase geraubt hat, zieht sie weiter, wahrscheinlich, so stelle ich mir das vor, weckt sie jemanden in Samara, durch ein neckisches Kitzeln an der Nase, und dieser jemand streckt sich, lächelt der Sonne entgegen, dreht sich um und schläft noch ein paar Stündchen. Samara liegt von Kasan aus knapp 400 Kilometer wolgaabwärts, unwesentlich weiter östlich, aber östlich genug, um schon in einer neuen Zeitzone zu liegen. Ich stelle mir die Menschen in Samara als sehr glückliche Langschläfer vor.

Jeden Morgen schaue ich mir von meinem Balkon aus an, wie die Sonne die WM-Arena bestrahlt und sich in einem der sumpfigen Wolga-Arme spiegelt. In diesen Momenten verachte ich die Sonne für ihr liebliches Spiel. Später am Vormittag gehe ich in den Laden hinunter und versuche, der Verkäuferin zu erklären, was eine Schlafbrille ist, in der Hoffnung, dass ihr einfällt, wo sich so etwas kaufen lässt. Bisher ist ihr nichts eingefallen. Sie hat mich auf das Regal mit Sonnenbrillen hingewiesen. Ich denke darüber nach.