Einen wie Spencer Dinwiddie hatten sie in Trier bisher nicht zu Gesicht bekommen. Zumindest kann sich Achim Schmitz nicht erinnern, je einen Basketballprofi von diesem Format in der Trierer SWT-Arena begrüßt zu haben. Und Schmitz hatte im vergangenen Jahrzehnt viele Basketballer zu Gast, er ist Geschäftsführer der Gladiators Trier, des derzeitigen Tabellenführers der Basketball-Bundesliga (BBL). Am Wochenende war der große FC Bayern München zu Gast im Pokal-Viertelfinale und hatte seine neueste Attraktion mitgebracht, eben jenen US-amerikanischen Guard, der in der vergangenen Saison noch in der NBA bei den Dallas Mavericks Punkte und Meriten sammelte. Dinwiddie, elf Jahre in der US-Profiliga mit 654 Spielen für Detroit, Brooklyn, Washington, die Los Angeles Lakers und Dallas tätig, Bestmarke 41 Punkte, begnügte sich am Sonntag in Trier mit deren zwölf. Was am deutlichen 96:80-Erfolg des deutschen Meisters vor 5400 Zuschauern in der ausverkauften Trierer Halle und dem damit verbundenen Einzug ins Pokal-Top-Four nichts änderte.
Denn der FC Bayern hatte noch ein paar Welt- und Europameister im Gepäck. Eine Tatsache, die den Trierer Trainer Jacques Schneider zu der wenig gewagten Aussage veranlasste, dass die Münchner in der Liga „weit vorneweg marschieren und der absolute Favorit auf den Pokaltitel und die Meisterschaft sind“. Man hätte den Auflauf an Topspielern bei den Gästen aber auch auf andere Art interpretieren können: dass die Bayern Trier auf keinen Fall unterschätzen wollten, um nicht wie in der vergangenen Saison überraschend im Kampf um den ersten Titel der Saison zu scheitern. In Andreas Obst und Johannes Voigtmann bot München zwei Welt- und Europameister auf, die beim Euroleague-Auswärtsduell bei Efes Istanbul am Freitag noch geschont worden waren. Trotz der immensen Belastung der Münchner, die in den vergangenen acht Tagen vier Spiele zu absolvieren hatten, war die „individuelle und kollektive Klasse“ des Gegners zu groß für Trier, wie Schneider konstatierte.

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Wie viel Anschub gibt der Triumph der deutschen Europameister dem heimischen Betrieb? Liga und Vereine sind zum Auftakt in die neue Spielzeit sicher: eine ganze Menge.
Die Bundesliga führen die Rheinland-Pfälzer dennoch mit 12:2 Punkten vor dem FC Bayern (10:2) an, in das Duell der Aufsteiger am Mittwochabend in heimischer Halle gegen Jena darf Trier mit angemessenem Selbstvertrauen gehen. Die Erfolgsgeschichte der Gladiators ist das Resultat einer Vision und von viel Ausdauer, beides ist eng mit dem Namen von Geschäftsführer Schmitz verbunden. Trier ist ein Basketballstandort mit viel Tradition, der große Zeiten und zwei Pokalsiege (1998 und 2001) in seiner Klubhistorie aufweisen kann. Vor allem in der Ära unter dem späteren Bundestrainer Henrik Rödl von 2010 bis 2015 zählte Trier zum BBL-Establishment. Damals standen Akteure wie die Nationalspieler Philip Zwiener, Andreas Seiferth, Bastian Doreth oder Maik Zirbes, im Übrigen ein echtes Eigengewächs, für die Gladiators auf dem Parkett.
Mittwochabend gastiert Jena im Duell der Aufsteiger, Trier geht mit angemessenem Selbstvertrauen ins Spiel
Doch 2015 folgte der jähe Absturz in Form einer Insolvenz, die Achim Schmitz, 56, auf den Plan rief. Schon zuvor hatte sich der Bauunternehmer als Sponsor engagiert, nun übernahm er die Geschäftsführung und fing mit einer neuen Betreibergesellschaft „bei null an“, wie er sich erinnert: „Ich dachte mir, es muss doch möglich sein, etwas Langfristiges aufzubauen, das funktioniert.“ Er installierte einen Beirat, nahm Funktionsträger aus Stadt und Wirtschaft in die Pflicht und baute langsam verloren gegangenes Vertrauen bei Sponsoren und Fans wieder auf.
Eine Sisyphusarbeit, wie Schmitz versichert: „Das Wichtigste war Transparenz. Wir mussten zeigen, dass wir seriös wirtschaften.“ Es folgten zehn Jahre in der Zweitklassigkeit, mal schrammten die Trierer knapp am Aufstieg vorbei, mal blieben die Playoffs außer Reichweite. Den letzten Nackenschlag versetzte Corona dem Klub, erzählt Schmitz, mit dem Ergebnis, dass erneut „alles auf links gedreht wurde“ und Trier gestärkt aus der Krise zurückkam. In Don Beck holte Schmitz den Erfolgstrainer zurück, der die beiden Pokalsiege verantwortet hatte, und der brachte „die Magie nach Trier zurück“. Zudem installierte Trier in Jacques Schneider „das größte Trainertalent in Deutschland“, so Schmitz. Für den räumte Beck, nachdem die Gladiators 2024 den Aufstieg noch knapp verpasst hatten, den Chefposten.

Mit durchschlagendem Erfolg: Schneider schaffte nicht nur auf Anhieb den Aufstieg, er legte mit seiner Mannschaft auch jenen famosen Saisonstart von sechs Siegen in sieben Spielen hin. Schneider ist mit seinen 33 Jahren der jüngste Coach der BBL, er sagt, der Erfolg habe ihn nicht einmal sonderlich überrascht. Trier hat den Kern der Aufstiegsmannschaft um den iranischen Nationalspieler Behnam Yakhchali und Jordan Roland, die Topscorer im Aufstiegsjahr, gehalten. Und „vor allem die deutschen Spieler“, wie Schneider betont, deren prominentester Vertreter Rückkehrer Maik Zirbes ist. Der ehemalige Nationalspieler hat eine bewegte Karriere hinter sich, war Meister und Pokalsieger in Deutschland (Bamberg und Bayern), Serbien (Roter Stern Belgrad) und Portugal (Benfica Lissabon), Meister in Slowenien (Ljubljana), den Vereinigten Arabischen Emiraten (Al Ahli) und will im Herbst seines Schaffens seinem Heimatverein etwas zurückzugeben.
Trier hat sich zudem dosiert und effektiv verstärkt. Vor allem Zugang Eli Brooks, der in Oldenburg in der Vorsaison wegen einer Verletzung Probleme hatte, performe „extrem gut“, wie sein Trainer findet. Schneider habe sich vor der Verpflichtung intensiv mit dem Spielmacher beschäftigt, viel über die Zusammenarbeit gesprochen und „ihm erklärt, was ich von ihm erwarte und wie ich ihn einsetzen will“. Eine gute Idee: Auch gegen die Münchner war Brooks mit 19 Punkten bester Akteur auf dem Feld. Auch der 35-jährige Routinier Urald King habe das Niveau gehoben. Der größte Erfolgsfaktor seien indes die Fans, sagt Schneider, „die unfassbare Atmosphäre gibt uns Energie“. So wurde der Turnaround vollzogen, erklärt Schneider, „von einem mittelmäßigen Zweitligisten zu einem BBL-Team. Wir trainieren hart, spielen schnell und teamdienlich, das ist unsere Identität.“ Außerdem seien die Spieler „sehr nahbar, wir sind für die Fans zu greifen“. So entstehe jene besondere Bindung zu den Fans.
Mit den Erfolgen wurden die Trierer Basketballer zur „sportlich heißesten Nummer“ in der ältesten Stadt Deutschlands, wie Trainer Schneider sagt. Der deutsche Meistertitel im Frauenhandball ist seit 22 Jahren Geschichte, momentan spielen die Trierer Miezen (sic!) in der vierten Liga. Auch die Fußballer sind viertklassig. Basketball ist angesagt, die Halle voll. Bei der Zielsetzung sind sich Trainer und Geschäftsführer einig, zwölf Siege sollen möglichst schnell errungen werden – und damit der Klassenverbleib. Für einen Klub mit einem Etat von 4,5 Millionen Euro ein großer Erfolg. Danach könne man die Ziele neu definieren. Mittelfristig soll Trier wieder zum BBL-Inventar zählen, fügt der Geschäftsführer an, wofür der Etat nach seiner Rechnung auf sechs bis acht Millionen erhöht werden muss. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das weiß Achim Schmitz, aber mit Visionen hat er ja Erfahrung.

