Gladbacher 2:1-Erfolg Kopfsieg

Gegen Leverkusen ist die Borussia gefordert wie zu keinem Zeitpunkt in der Champions-League-Qualifikation, das Spiel ist hochklassig - und wird durch mentale Stärke entschieden.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

"Ab und zu", sagte der schwedische Nationalspieler Oscar Wendt, "muss man mit dem Kopf durch die Wand." Borussia Mönchengladbach hatte kurz zuvor im vierten Pflichtspiel dieser noch jungen Saison den vierten Sieg errungen. Es hätte also durchaus die Frage aufkommen können, von welcher Wand er sprach; noch hat dem Gladbacher Erfolg in dieser Spielzeit wenig im Weg gestanden. Doch dieses 2:1 (1:0) am Samstagabend gegen Bayer Leverkusen war tatsächlich eine besondere Herausforderung gewesen, die größte bislang. Nach zwei klaren Siegen in den Champions-League-Playoffs gegen Bern und einem mühsamen 1:0 im Pokal gegen einen Regionalligisten mussten die Gladbacher diesmal psychologische Stärke beweisen, als widerspenstige Leverkusener elf Minuten vor dem Ende den 1:1-Ausgleich erzielten und die Borussen fünf Minuten vor dem Ende durch Lars Stindl den 2:1-Siegtreffer markierten. "Sensationell, wie wir das Ding noch gewinnen", sagte Stindl. "Wir sind mental sehr gut aufgestellt", lobte der 1:0-Schütze André Hahn. Trainer André Schubert lächelte: "Besser hätte der Saisonauftakt nicht laufen können."

Schubert hatte vor dem Spiel keinen Grund gefunden, warum er seine gegen Bern so überzeugende Mannschaft groß hätte verändern sollen. So kam es, dass das europaweit begehrte Talent Mahmoud Dahoud durchgängig auf der Bank saß, genau wie der neue Innenverteidiger Jannik Vestergaard. Etwas überraschend allerdings opferte Schubert den gegen Bern mit drei Toren treffsicheren Thorgan Hazard, der für André Hahn Platz machen musste. Hahn sollte Frische ins Spiel bringen - und Hahn brachte Frische ins Spiel.

Gladbach steht gegen Leverkusen vor einer neuen Herausforderung

Bei den Leverkusenern schaute der olympische Silbermedaillengewinner und neue A-Nationalspieler Julian Brandt anfangs nur zu, während der allerhand Wechselgerüchte verursachende Hakan Calhanoglu das zentral-offensive Mittelfeld mit mäßigem Erfolg zu organisieren versuchte. Wie erwartet, gehörten auch die Zugänge Kevin Volland im Sturm sowie Julian Baumgartlinger im defensiven Mittelfeld zur Anfangsformation.

Womit es die Gladbacher in ihren ersten drei gewonnenen Pflichtspielen gegen Bern und die Amateure von Drochtersen/Assel nicht zu tun gehabt hatten, war eine Mannschaft, die große Dominanz ausstrahlte. Leverkusen dominierte. Die Borussia, angetreten im 3-4-3, geriet 20 Minuten lang unter Druck und besaß das Glück, dass weder Jonathan Tah (6.) noch Volland (17.) ihre Chancen verwerteten. Die erste gute Gelegenheit der Gastgeber in der 21. Minute durch Raffael und Oscar Wendt im Nachschuss hätte den Spielverlauf konterkariert, Torwart Bernd Leno rettete seine Leverkusener jedoch.

Ausgangs des zweiten Gladbacher Konters in der 28. Minute strich ein Schuss von Hahn knapp am Tor vorbei. Bis zur Pause behielten die Leverkusener die Balldominanz, ohne dass Karim Bellarabi mit einer ansehnlichen Einzelaktion (32.) oder Tah mit einem Kopfball an die Latte (41.) die Führung hätten erwirken können. Hahn scheiterte in der 44. Minute beim dritten Gladbacher Konter völlig frei vor und an Leno, machte es in der Nachspielzeit aber besser. Da hatte Tah einen langen Ball von Kramer so unglücklich rückwärts geköpfelt, dass dieser über seinen Verteidigerkollegen Ömer Toprak hinwegflog und geradewegs Hahn in den Laufweg fiel. Der Gladbacher blieb diesmal locker und schob zum 1:0-Pausenstand ein.

Pohjanpalo sollte eigentlich schon weg sein - dann trifft er

Zu Beginn der zweiten Halbzeit variierte Schubert das System leicht, brachte Vestergaard für den verletzten Jantschke, zog Tobias Strobl phasenweise aus dem Mittelfeld in die Innenverteidigung zurück und ließ seine Elf nun einen Hybrid aus 3-4-3 und 4-3-3 spielen. An der sich erhöhenden Leverkusener Risikobereitschaft vermochten die Borussen zwar auch dadurch nichts zu ändern, wohl aber zunächst noch an deren Durchschlagskraft im letzten Drittel des Feldes. Durchs dichte Zentrum ging nicht viel, und Flanken entschärften die großen Verteidiger Christensen und Vestergaard. Mit Admir Mehmedi und Julian Brandt für Calhanoglu und Volland brachte Leverkusens Trainer Roger Schmidt in der 64. Minute neue Impulse, doch gegen defensive Gladbacher, die nun nichts mehr riskieren mussten und sich mit Kontern beschäftigten, war es weiter schwer. Erst als sich Charles Aranguiz in der 78. Minute verletzte und der Stürmer Joel Pohjanpalo für ihn hereinkam, änderte sich die Situation.

Der Finne, den die Leverkusener zuvor verliehen hatten und den sie eigentlich in diesem Sommer abgeben wollten, stand frei, als Bellarabi in der 79. Minute von der Torauslinie ins Zentrum köpfen konnte. Sommer war angesichts einer vorangegangenen Parade bereits besiegt und konnte nicht mehr verhindern, dass Pohjanpalo einköpfelte.

Doch was den Leverkusenern gelang, kopierten die Gladbacher sogleich: Zwei Minuten zuvor für André Hahn eingewechselt, spielte Thorgan Hazard in der 85. Minute einen wunderbaren Steilpass auf den durchstartenden Lars Stindl, der minimal abseitsverdächtig annahm, Tin Jedvaj dann davonlief und Leno überwand. Gerade mal sechs Minuten hatten die Leverkusener sich freuen dürfen, dann wich die Freude bereits der Ernüchterung. "Das 1:1 wäre gerechter gewesen", fand Schmidt, "das erste Gegentor war ein Missverständnis zweier unserer Spieler und das zweite Gegentor war Abseits." Kevin Volland immerhin hatte für die Gladbacher ein Lob parat: "Sie hatten die klareren Chancen und haben es gut gespielt - wir können es besser." Oder um es mit dem Schweden Wendt zu sagen: Die Leverkusener waren am Samstagabend nicht in der Lage, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen.