Süddeutsche Zeitung

Gladbach vor dem Bayern-Spiel:Demut auf der Baustelle

Favre, Eberl, Schippers: Ein Trio prägt Mönchengladbachs Aufschwung in der Bundesliga. Die Fans fühlen sich an die legendäre Fohlen-Elf erinnert, doch vor dem Spiel beim FC Bayern bremsen die Verantwortlichen die Euphorie.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Die Renaissance des Traditionsklubs Borussia Mönchengladbach hat damit begonnen, dass im hinteren Teil des Mannschaftsbusses die Heizung kaputt war. Rainer Bonhof wurde Ende 1998 Trainer beim überschuldeten Abstiegskandidaten, und bei Auswärtsfahrten hatten sich die Spieler im Bus mit Decken wärmen müssen, weil kein Geld für die Reparatur da war. Bonhof schickte den Bus über Nacht eigenmächtig in die Werkstatt. "Das waren Umstände damals - halleluja!", sagt Bonhof heute.

Der 62-Jährige ist inzwischen Vize- Präsident und erzählt Anekdoten aus der depressiven Ära mit subtiler Ironie. Wenn man bei Bonhof erforscht, wie sich dieser Verein heute fühlt, 16 Jahre nach den kalten Busfahrten, den existenzgefährdenden Schulden und dem erstmaligen Abstieg im Mai 1999, dann zeigt er mit dem Finger aus dem Erdgeschoss des Stadions hinaus in den Nordpark, in dem viel gebaut wird: "Man braucht bloß rauszuschauen - hier entsteht gerade etwas."

Auch Stephan Schippers hat emotionale Erinnerungen an 1999. "Die Stunde null" nennt er das Frühjahr, in dem Gladbach abstieg und in dem er am 11. März Geschäftsführer wurde. Gleich am ersten Arbeitstag erfuhr er ein schreckliches Geheimnis: Die Borussia war bei einem Jahresumsatz von umgerechnet 18 Millionen Euro mit 22 Millionen Euro verschuldet.

Lucien Favre entpuppte sich als Meilenstein für Gladbach

Schippers, nahe dem Bökelberg-Stadion aufgewachsen und seit Kindertagen Fan, verlor schlagartig den Glanz aus den Augen. Mit buchhalterischer Räson und ohne Rücksicht auf nostalgische Gefühle führte er die Borussia zurück in die schwarzen Zahlen.

Der Umzug in den Borussia-Park 2004 und die Verpflichtung des Trainers Lucien Favre 2011 entpuppten sich später als jene Meilensteine, die den Klub zu dem machten, was er vor dem Spiel an diesem Sonntag beim FC Bayern ist: Tabellendritter mit einer Mannschaft, über die wehmütige Fans sagen, sie erinnere in ihrer Spielanlage an die erfolgreiche Fohlen-Elf der Siebzigerjahre.

Tradition kann einen Klub erdrücken - für die Borussia war sie im neuen Jahrtausend womöglich lebensrettend. In den Neunzigern waren mit überhöhten Transferausgaben und Gehältern Schulden angehäuft worden, die die neue Klubführung mit Unterstützung des heutigen Präsidenten Rolf Königs wieder abbaute. Dabei half natürlich, dass sich auch weit über die Stadt am Niederrhein hinaus viele Menschen mit diesem Klub identifizieren.

Im neuen Stadion stieg die Zuschauerzahl um 60 Prozent auf 52 000. Die Sponsoring- und Fanartikel-Erlöse wurden verdreifacht. Der Gesamtumsatz hat sich seit 1999 auf 122 Millionen Euro fast versiebenfacht. Die Fußball-GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Vereins, verfügt über das Stadion ebenso autark wie über Namens-, Vermarktungs-, Catering- und sonstige Rechte. Ende 2017 soll neben dem Stadion ein Neubau mit Hotel, Museum, Fanshop und Reha-Zentrum eröffnet werden.

"Wir sind Herr im eigenen Haus"

"Wir sind Herr im eigenen Haus", sagt Schippers. Unabhängigkeit steht als eines von mehreren Leitwörtern in der kleinen "Mitspielerfibel", die jeder neue Angestellte bekommt. "Wir würden an Einzelpersonen keine Anteile verkaufen", sagt Schippers: "Und wir suchen zurzeit auch keinen strategischen Partner."

Für seine sportliche Wieder-Erweckung hat der Klub länger gebraucht. Zwischen 1996 und 2011 spielte Gladbach mehrmals gegen den Abstieg und verbrachte drei Spielzeiten in der zweiten Liga. In jenen 15 Jahren beschäftigte der Klub nacheinander 14 Cheftrainer und das Zigfache an Spielern, was ihm den spöttischen Titel "Kaufhaus des Westens" einbrockte.

Doch am Karnevalssamstag 2011 hatte der zwei Jahre zuvor eingesetzte Sportchef Max Eberl eine gute Idee. Er tauschte den Trainer Michael Frontzeck im Angesicht des drohenden dritten Abstiegs gegen Lucien Favre aus. Der Schweizer rettete die Gladbacher in der Relegation und arbeitet seitdem erfolgreich an ihrer Etablierung in der nationalen Spitze.

Jetzt müssen auch die nächsten Investitionen passen

"Als Lucien kam, war Gladbach klinisch tot", sagt Bonhof, "doch dann wurde etwas geboren." Als Gladbach 1999 erstmals in die zweite Liga abstieg, war Eberl Abwehrspieler, Bonhof Trainer und Schippers Geschäftsführer. Alle drei waren in der Krise schon dabei. "Alle, die heute Entscheidungen treffen, haben die schlimmen Jahre miterlebt", sagt Eberl: "Das hat uns demütig gemacht - hier knallt niemand durch."

Und so sollen nun auch die nächsten Investitionen passen. Eberl, 41, sucht derzeit einen Verteidiger, weil Martin Stranzl nicht mehr der Jüngste ist, einen Mittelfeldmann, weil Christoph Kramer nach Leverkusen wechselt, und einen Stürmer, weil das Team mitunter Abschlussprobleme zeigt und der Verbleib von Max Kruse fraglich ist.

Weil die Borussia abgesehen vom Kapitaldienst fürs Stadion schuldenfrei ist, kann Eberl Einnahmen und Transfererlöse komplett in die Mannschaft reinvestieren. Im Büro nebenan hat Schippers gerade die ersten Animationen vom geplanten Neubau bekommen. Für knapp 30 Millionen Euro wird aus dem Borussia-Park eine Art Erlebnis-Service-Zentrum. Unvorstellbar, dass sich der Klub vor 16 Jahren die 2800-Mark-Reparatur für eine Busheizung nicht mehr leisten konnte.

Und die Renaissance soll noch nicht zu Ende sein. "Wir stehen erst am Anfang", sagt Schippers. Eberl warnt indes vor zu hohen sportlichen Erwartungen. "Die Luft wird da oben in der Tabelle immer dünner." Sie wollen in die Champions League, aber sie kalkulieren nicht damit. "In Gladbach könnte jetzt Euphorie ausbrechen", sagt Eberl, "aber dass Überschwang kein guter Berater ist, das haben wir hier aus der Vergangenheit gelernt."

Stephan Schippers, der Geschäftsführer des Tabellendritten, wird demnächst bei der Deutschen Fußball Liga, wie jedes Jahr, auch die Lizenz für die zweite Liga beantragen.

Er sieht dies als seine Pflicht. Und als eine Mahnung daran, wo man herkommt.

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SZ vom 21.03.2015/fued
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