Borussia MönchengladbachKein Sieg, kein Tor, kein Bekenntnis zum Trainer

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Ist bereits in seiner dritten Saison bei der niederrheinischen Borussia: Trainer Gerardo Seoane.
Ist bereits in seiner dritten Saison bei der niederrheinischen Borussia: Trainer Gerardo Seoane. Federico Gambarini/dpa

Nach dem erschreckend schwachen Heimauftritt beim 0:4 gegen Werder Bremen ist die Zukunft von Gladbachs Trainer Gerardo Seoane völlig offen.

Von Ulrich Hartmann

Vor sechs Wochen wurde am Niederrhein noch gefeiert: 125 Jahre Borussia Mönchengladbach. Das Jubiläum war Anlass zu einem stolzen Rückblick auf jene lange Zeit, in der ganz im Westen Deutschlands ein Fußballverein seine heutige Bedeutung erlangt hat. Die Menschen in Mönchengladbach und teils weit darüber hinaus tragen redensartlich „die Raute im Herzen“. Die Raute ist Borussias Wappen mit dem großen B darinnen.

Doch die neue Bundesliga-Saison ausgerechnet im Jubiläumsjahr hat für die Borussia schlimm begonnen. Am Sonntagabend verlor Gladbach mit 0:4 gegen Werder Bremen. Es war am dritten Spieltag das dritte Spiel ohne Sieg und ohne eigenes Tor. Gladbach ist saisonübergreifend seit zehn Bundesliga-Spielen sieglos und seit fünf Bundesliga-Spielen ohne Treffer. Mit einem Punkt und 0:5 Toren legte die Borussia in ihrem Jubiläumsjahr den drittschlechtesten Saisonstart ihrer Historie hin. Nur 1999 und 2015 war sie mit jeweils null Punkten und 2:8 Toren noch schlechter in eine Saison gestartet. Damals schieden die Trainer Rainer Bonhof (1999) und Lucien Favre (2015) zeitnah aus dem Amt. Zu Beginn dieser Woche ist nun die Frage: Was wird aus dem Trainer Gerardo Seoane?

Am Sonntagabend sagte auf die Frage nach der Zukunft des Trainers der Gladbacher Sportgeschäftsführer Roland Virkus kurz nach dem Spiel bei Dazn: „Nach so einer Enttäuschung muss man erst mal eine Nacht drüber schlafen und sich das Ganze dann auch noch mal ansehen – wir werden darüber reden, wir müssen das aufarbeiten und dann schauen wir weiter.“ Ein Bekenntnis zu Seoane war das nicht.

Nach dem Schlusspfiff am Sonntagabend um 19.24 Uhr hatte es gellende Pfiffe im Borussia-Park gegeben. Alle Beteiligten zeigten sich selbstkritisch und einsichtig. Ausgewählte Analysen beinhalteten aber Vokabular, das für hygienisch geprägte Gemüter ungeeignet erschien. „Wir haben eine große Scheiße gespielt“, sagte unverblümt der Flügelstürmer Robin Hack. „Unsere Fans sind verständlicherweise angepisst“, ergänzte der im Mittelfeld spielende Kapitän Rocco Reitz. „Das reicht nicht für Bundesliga-Niveau“, fand Reitz. Auch die Tabelle signalisiert diesbezüglich Zweifel: Für den Moment steht Gladbach auf dem drittletzten Platz.

Der Torjäger Tim Kleindienst ist am Knie vorerst weiter verletzt, der Angreifer Alassane Plea wurde an PSV Eindhoven verkauft, die Abwehrleute Ko Itakura und Julian Weigl wurden an Ajax Amsterdam und Al-Qadsiah nach Saudi-Arabien veräußert. Die offensiven Zugänge Shuto Machino, Giovanni Reyna und Haris Tabakovic sind noch nicht ansatzweise im Spiel. Auf dem Transfermarkt war Gladbach schon in den vergangenen Jahren nur so mittelprächtig erfolgreich.

Nach einem 0:0 gegen den Aufsteiger Hamburger SV und einer 0:1-Niederlage beim VfB Stuttgart war das 0:4 gegen Bremen am Sonntag ein kapitaler Tiefschlag. In den beiden vorangegangenen Spielen hatten trotz schwacher Chancenverwertung wenigstens Spielanlage, Defensive und Körpersprache gestimmt. Gegen Bremen und dessen Trainer Horst Steffen, der eine Gladbach-Vergangenheit als Spieler und Nachwuchstrainer besitzt, zeigte die Borussia nun aber eine derart schwache Leistung, dass diese auch auf den Einfluss des Trainers Seoane zurückfallen muss.

Seoane hat den schlechtesten Punkteschnitt seit Michael Frontzeck

Der 46 Jahre alte Schweizer, der im Oktober 2022 bei Bayer Leverkusen nach gerade mal 15 Monaten schon wieder entlassen worden war, ist in der dritten Saison Trainer bei der Borussia. In seiner ersten Spielzeit landete das Team mit 34 Punkten auf Platz 14, in der zweiten mit 45 Punkten auf Platz zehn. Eigentlich will man sich jetzt weiter verbessern, aber danach sieht es momentan nicht aus. Borussias Bundesliga-Bilanz unter Seoane lautet: 71 Spiele, 20 Siege, 20 Unentschieden, 31 Niederlagen. Seoanes Ausbeute quer durch die Spiele aller Wettbewerbe ist die schlechteste aller Gladbach-Trainer seit Michael Frontzeck zwischen 2009 und 2011. Christian Ziege und Hans Meyer unmittelbar vor Frontzeck waren noch schlechter gewesen. Unter dem Trainer Favre und dem Manager Max Eberl erlebte die Borussia ab 2011 einen enormen Aufschwung. Doch seit jenem steckt der Klub jetzt gerade in seinem tiefsten Loch. „Bei uns herrscht absolute Enttäuschung“, sagte Seoane selbst, „so ein Spiel tut extrem weh, aber wir dürfen uns deswegen jetzt nicht emotional zeigen, sondern müssen einen klaren Kopf behalten.“

Nicht ganz abwegig erscheint, dass ein klarer Kopf in den Vereinsgremien zu einer Hinterfragung des Trainers führen könnte. Der damalige Trainer Rainer Bonhof, der Ende August 1999 nach dem noch kapitaleren Fehlstart in der zweiten Liga (!) seinen Job verlor, ist heute der Präsident von Borussia Mönchengladbach. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass erst ein schmerzhafter Schnitt manchmal der Beginn einer Heilung sein kann.

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