Süddeutsche Zeitung

Gladbachs Trainer:Das Verständnisproblem des Marco Rose

Der Coach verwundert mit seiner gewagten Aufstellung im Derby - und reagiert selbst nur noch gereizt auf Fragen zu seinem möglichen Wechsel nach Dortmund.

Kommentar von Ulrich Hartmann

Für sechs seiner wichtigsten Fußballer hatte der Trainer Marco Rose vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln ganz besondere Rollen vorbereitet. Das Rheinderby ist für Borussia Mönchengladbach und seine Fans von herausragender Bedeutung, und weil die Fohlen-Elf auch um den Anschluss an die Champions-League-Plätze kämpft, hatte die Partie doppelt hohe Relevanz. Nico Elvedi, Ramy Bensebaini, Christoph Kramer, Jonas Hofmann, Marcus Thuram und Alassane Plea - diese sechs Stammkräfte decken von der Abwehr bis zum Angriff alle Mannschaftsteile ab und haben in dieser Saison zusammen bereits 14 Tore und 13 Torvorlagen beigesteuert. Sie markieren das Gerüst der Gladbacher Elf, sie waren also doppelt prädestiniert für ein doppelt relevantes Bundesligaspiel.

Doch Rose, kurz vor dem Derby von Sportdirektor Max Eberl noch als "genialer Empathiker und herausragender Trainer" geadelt, hatte für die Sechs diesmal eine sehr exklusive Idee: Er setzte sie alle auf die Bank.

Seine empathischen Fähigkeiten kamen Rose in einem Fernsehinterview vor dem Anpfiff zugute. Da erspürte der 44-Jährige intuitiv die Skepsis eines Sky-Reporters, der sich nach acht erfolgreichen Gladbacher Spielen in Serie mit recht konstanter Besetzung darüber wunderte, dass Rose ausgerechnet im sensiblen Prestigeduell gegen Köln auf eine Qualitätsprüfung der Kadertiefe setzte. Rose reagierte vorsorglich beleidigt. Wenn's schief gehe, werde man ihm das hinterher sicher vorwerfen, spottete er. Die prophylaktische Rhethorik erwies sich als angemessen. Gladbach verlor 1:2, weil die Bankdrücker an allen Ecken und Enden fehlten. "War ja klar ...", jammerte Rose anschließend in der Pressekonferenz, als man ihn auf die Rotation ansprach.

Rose demonstriert, wie sehr in die Fragen nerven

Unangenehme Fragen stressen den Gladbacher Trainer. Fragen nach seiner Aufstellung - und mehr noch nach seiner Zukunft. Roses Vertrag in Gladbach gilt bis Juni 2022, aber eine Ausstiegsklausel würde ihm erlauben, im Sommer ein mögliches Angebot von Borussia Dortmund anzunehmen. Max Eberl antwortet allen Fragestellern sehr offen, dass eine Entscheidung von Rose ausstehe. Rose antwortet auf derlei Fragen mitunter gar nicht mehr. Er demonstriert nur noch, wie sehr sie ihn nerven.

Die Gladbacher Fans begannen am Wochenende, sich unter dem kollektiven Eindruck von Roses ausbleibendem Bekenntnis zum Verein und seiner gewagten Samstags-Aufstellung erstmals ein wenig zu distanzieren. Die Dachorganisation schrieb auf ihrer Internetseite: "Wer das Derby als idealen Zeitpunkt für ein Rotationsexperiment ansieht, hat Borussia Mönchengladbach nicht verstanden."

Sowohl als Empathiker wie auch als Trainer hat Rose am Wochenende einen Rückschlag erlitten. Konkurrenten mit mehr Vorliebe für stabile Startformationen machen den Gladbachern die Champions-League-Plätze gefährlich streitig. Im Spannungsfeld zwischen Roses möglichem Abschied und der in Gefahr geratenden Europapokal-Qualifikation wird bereits das Spiel am kommenden Sonntag in Wolfsburg zur wegweisenden Herausforderung. Nur sportliche Erfolge und eindeutige Antworten könnten die diffuse Lage am Niederrhein erhellen.

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