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Proteste gegen Dietmar Hopp:Runter mit der Maske!

Lars Stindl redet mit den Gladbacher Ultras.

(Foto: AFP)

Bei den Schmähungen im Borussia-Park verstecken sich die Übeltäter in der Masse. Die Klubs sind nun gefordert - sie müssen die Verantwortung für ihre Kundschaft erweitern.

Justizministerin Christine Lambrecht von der SPD verfolgt aktuell einen Plan. Sie will entschiedener gegen Hass und Hetze im Internet vorgehen. Sie kämpft deshalb für die Verschärfung einer Verordnung mit einem sperrigen Namen: Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Konkret geht es um zwei Sachverhalte: Wann sollen sich die bislang sträubenden Dienstleister (Google, Facebook, Twitter, etc.) in einer Meldepflicht befinden? Und wo wird die Grenze gezogen zwischen dem - meldepflichtigen - Tatbestand einer Volksverhetzung oder gar Morddrohung und der normalen, da alltäglichen Beleidigung?

Nachdem nun Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl "50 Hornochsen" im Borussia-Park entdeckte, die anonym blieben, steckt auch der Fußball wieder mittendrin im Spannungsfeld von Hass und Hetze. Und dies an einem Spieltag, der anlässlich der Morde von Hanau in allen Stadien mit einer Schweigeminute und einem Appell für Respekt und Toleranz begonnen wurde.

DFB ermittelt wegen Anit-Hopp-Banner

Max Eberl schämte sich für "50 Hornochsen", doch sein Verein setzte am Samstag auch ein bemerkenswertes Signal für Zivilcourage. "Dieses Zeichen vieler Menschen gegen die geistige Umnachtung weniger Idioten ist größer als der gesäte Hass", lobte Alexander Rosen, Direktor Profi-Fußball von Gladbachs Gegner Hoffenheim, nach einem Spiel (1:1), das kurz vor dem Abbruch stand.

Als in der Gladbacher Nordkurve das Porträt von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp auf einem Banner in einem Fadenkreuz hochgehalten wurde, positionierten sich Fans, Spieler und Funktionäre umgehend. In der Kurve waren "Ultras raus"-Rufe und laute Pfiffe zu hören; Manager Eberl und Kapitän Lars Stindl gingen zur Beschwichtigung in die Kurve; Schiedsrichter Felix Brych unterbrach die Partie bis zum Abhängen des Plakats. Der Kontrollausschuss des DFB wird ein Ermittlungsverfahren einleiten. Für Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann ist das Plakat "schon unter Morddrohung" zu führen. "Ich habe gesagt: Wenn das Plakat nicht verschwindet, gehen wir heim", sagte Trainer Alfred Schreuder: "Dann können sie die drei Punkte haben." Seine Spieler wären der Anweisung wohl gefolgt.

Eberl lobte, "dass 99 Prozent der Zuschauer gezeigt haben, dass sie damit nichts zu tun haben wollen". Und bat gleich um Mithilfe bei der Identifizierung der Täter. "Sie sind feige, verstecken sich unter der Fahne, ziehen Masken an und verschwinden in der Masse." dpa

Es gibt einige Parallelen zwischen den dunklen Seiten beider Welten, der des Internets und der des Fußballs. Hier wie dort werden freie Informations- und Spielflächen angeboten, die naturgemäß anfällig sind für jene, die sie missbrauchen wollen. Hier wie dort werden Menschen beleidigt und bedroht, in Mönchengladbach mal wieder Dietmar Hopp, der Mehrheitseigner und Mäzen der TSG Hoffenheim, dessen Porträt in der "Hornochsen"-Ecke auf einem Banner hinter einem Fadenkreuz gezeigt wurde.

Mal wieder, denn erst vorige Woche verkündete die DFB-Justiz als Folge von Hopp-Schmähungen eine Dreijahressperre gegen Dortmunder Fans für alle Spiele in Hoffenheim. Bis heute werden solche Verfahren mit wenigen Ausnahmen von der Sportgerichtsbarkeit abgehandelt. Nun aber, mit Blick auf die Netz-Debatte, stellt sich die Frage: Wann gehört so etwas auf die höhere Ebene? Dorthin, wo geurteilt wird, wenn zum Beispiel ein Politikerfoto als Zielscheibe missbraucht wird.

Die Klubs müssen ihre Klientel noch besser kennenlernen

Wo kein Kläger, da kein Richter, so stiehlt sich der Sport oft aus der Affäre und begnügt sich mit seiner Hausjustiz. Die Ermittlung sei nicht leicht, heißt es auch jetzt. Im Borussia-Park versteckten sich die Maskierten in der Masse. So wie jene, die eine Woche zuvor im Block von Bayer Leverkusen so lange mit Rauchbomben zündelten, bis das Duell bei Union Berlin ebenfalls kurz vor dem Abbruch stand. Obwohl in beiden Arenen von Schiedsrichtern, Spielern und Offiziellen angemessen mit der Situation umgegangen wurde, gefährden solche Szenarien aus dem Kern der selbsternannten Ultra-Szene die Geschäftsgrundlage - nämlich jene, dass ein Spiel ein Spiel bleibt und ordnungsgemäß zu Ende geht.

Hier wie dort, im Netz wie im Fußball, muss nun die sensible Linie definiert werden, an der die Grundrechte und der Datenschutz gewahrt bleiben, aber in harten Verdachtsfällen ermittelt werden kann. Der Fußball sollte demnach die anstehenden Netz-Debatten im Bundestag aufmerksam studieren, er wird sich an ihnen orientieren können. Zudem werden die Klubs die Verantwortung für ihre Kundschaft erweitern müssen. Sie müssen sie noch besser kennenlernen und im Zweifel ihr Hausrecht konsequenter ausüben. Man würde die Gladbacher oder Leverkusener samt lokaler Polizeikräfte wohl unterschätzen, würde man annehmen, sie wüssten in den meisten Fällen nicht, wer hinter der Maske steckt.

© SZ vom 24.02.2020
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