Gladbach in der Champions League:Geplagt von Elfmetern

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Zwei Minuten waren nur noch zu spielen, als der Traum, das erste Champions-League-Heimspiel der Vereinsgeschichte mit einem Unentschieden gegen die Millionentruppe von Manchester City ausklingen zu lassen, für Borussia Mönchengladbach abrupt zu Ende ging. Ein Foulelfmeter von Sergio Agüero in der 90. Minute bescherte den Gästen aus England einen schmeichelhaften 2:1 (0:0)-Sieg und hinterließ die Gladbacher in Trauer. Die Briten drehten das Spiel nach Gladbacher Führung. Am Ende traf Sergio Agüero aus elf Metern ins Tor und mitten ins Herz der Gladbacher Fans.

Mittelfeldspieler Patrick Hermann ärgerte vor allem, dass die Borussia im zehnten Pflichtspiel den neunten Strafstoß verursachte. "Wenn man in jedem Spiel einen Elfmeter gegen sich bekommt, wird es natürlich schwer", klagte der 24-Jährige. "Unterm Strich steht erst einmal die Enttäuschung, dass wir hier nichts mitgenommen haben", sagte Interims-Coach André Schubert nach der Partie: "Wir haben sehr gut dagegen gehalten, gut verteidigt und trotzdem verloren."

Der Übergangstrainer, der seine Mannschaft eigentlich auf das Auswärtsspiel am Freitagabend im ostwestfälischen Wiedenbrück hätte vorbereiten müssen, weil er bis vor zehn Tagen ja noch die viertklassigen Fußballer der Gladbacher Regionalliga-Mannschaft betreut hatte, stand am Mittwochabend etwas ungewohnt im feinen Anzug an der Seitenlinie im pulsierenden Borussia-Park und vernahm ergriffen die Champions-League-Hymne. Seine vorangegangenen Erfahrungen aus dem 4:2-Sieg gegen Augsburg und dem 3:1-Erfolg in Stuttgart hatten ihn dazu veranlasst, auch gegen Manchester den zuvor siegbringenden Spielern zu vertrauen.

Gladbach setzte der britischen Prunktruppe juvenilen Elan entgegen. So nahmen es unter anderem die 19-jährigen Andreas Christensen und Mahmoud Dahoud mit den millionenschweren City-Neulingen Nicolas Otamendi, Raheem Sterling und Kevin De Bruyne auf. Schon bei der Präsentation der Gäste brandmarkte der Gladbacher Stadionsprecher jeden einzelnen Manchester-Fußballer explizit mit dessen Ablösesumme im zweistelligen Millionenbereich. Der Marktwert des City-Kaders soll bei gut 450 Millionen Euro liegen, drei Mal so hoch wie jener der Gladbacher.

Raffael trifft nicht vom Punkt, Agüero schon - und so fällt die Entscheidung kurz vor Schluss

Und es dauerte nur vier Minuten, ehe sich dieser Unterschied beinahe schon im frühen Führungstor für die Gäste niedergeschlagen hätte. Sergio Agüero schoss den Ball aus kürzester Entfernung allerdings nur an die Kniescheibe des biegsamen Gladbacher Torwarts Yann Sommer. 13 Minuten später probierte Otamendi im eigenen Strafraum, Raffael nach einem Solo über das halbe Feld am erfolgreichen Abschluss zu hindern. Weil der Gladbacher Regisseur dabei bereitwillig über das ausgestreckte Bein des Gegners stolperte, gab es einen (unberechtigten) Elfmeter, den Raffael allerdings vom Torwart Joe Hart parieren ließ. Im Gegenzug schoss Agüero knapp am Gladbacher Tor vorbei.

Raffael wird fast zum Anti-Helden

Anfänglichen Respekt vor den pomadigen Ballbesitz zelebrierenden Briten legte die Gladbacher zunehmend ab und erkannten mutig eigene Stärken im Vorwärtsspiel. Raffael (34.) und Patrick Herrmann (36.) vergaben schön herausgespielte Chancen kläglich. Statt eines weiteren Elfmeters erhielt Lars Stindl nach einem etwas zu theatralischen Sturz im Strafraum kurz vor der Pause die (unberechtigte) gelbe Schwalben-Karte. Einen "Festabend" hatte Schubert vor dem Spiel versprochen, und es war wirklich großartige Unterhaltung. Das berührte Publikum verabschiedete beide Teams mit frenetischem Applaus vorübergehend in die Kabinen.

Raffael hatte 60 Sekunden nach Wiederanpfiff schon wieder eine sehr gute Chance zur Führung, vergab aber auch diese und wäre bereits jetzt zum Anti-Helden avanciert, wenn die fiebrige Partie nicht zu rastlos weitergegangen wäre, um sich mit solchen Zwischenbilanzen aufzuhalten. Unter dem wachsenden Schallpegel der euphorisierten Zuschauer kamen die Gladbacher in der 54. Minute nämlich doch noch zu ihrer durchaus berechtigten Führung. Außenverteidiger Julian Korb legte Stindl, im Rücken der Abwehr, zum Torschuss auf, und der schob flach ein.

Diese gute Nachricht für alle Gladbach-Fans ging freilich mit der schlechten einher, dass die technisch äußerst beschlagenen Gäste nun die Schlagzahl erhöhten und die Gladbacher zunehmend unter Druck setzten. In der 65. Minute klärte Korb einen Schuss von Martin Demichelis hinter Linie, doch ehe sich die Schiedsrichter dieses Umstands widmen konnten, drosch Otamendi den Nachschuss über die Linie. Im finalen Verlauf war Manchester dem Sieg näher, musste aber bis zur 89. Minute warten, ehe die Entscheidung per Foulelfmeter fiel.

"Eine total ärgerliche Niederlage war das", bilanzierte Gladbachs Torschütze Stindl, "denn wir haben sensationell gespielt, viele Chancen herausgespielt und mit unserer Spielweise begeistert. Das müssen wir aus dieser Partie mitnehmen für die nächsten Wochen: dass wir mithalten können mit großen Teams."Sein derzeitiger Trainer sieht allerdings noch ein anderes Gesprächsthema: "Über die Vielzahl der Elfmeter müssen wir reden, da sind wir vielleicht manchmal etwas zu ungestüm." Das "Vielleicht" hätte er vielleicht weglassen können.

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