Für Kitsch hat der Horrorfilm-Fan Tim Kleindienst eigentlich wenig übrig. Es sei denn, es geht ums richtige Leben. Dann kann Kitsch schon auch sehr tröstlich sein.
Ausgerechnet in Heidenheim, wo seine Fußballkarriere einst richtig Fahrt aufnahm, hat der 30 Jahre alte Mittelstürmer am Samstag nach einer quälend langen Verletzungspause erstmals wieder ein paar Minuten für seinen Verein Borussia Mönchengladbach gespielt. Diese Konstellation hatte er zuvor als „fast ein bisschen kitschig“ bezeichnet. Abfällig hat das nicht geklungen – eher gerührt. Nach dem Gladbacher 3:0-Sieg, zu dem er mangels Zeit nichts hatte beitragen können, sagte Kleindienst bewegt über seine vor allem symbolisch motivierte späte Einwechslung: „Das war sehr, sehr nett vom Coach, dass er das gemacht hat.“
Als Kleindienst am 10. Mai 2025 sein zuvor letztes Spiel bestritten hatte, war die Borussia unter dem Trainer Gerardo Seoane und dem Sportchef Roland Virkus eine erfolglose Mannschaft gewesen. An jenem Tag hatte sich der Gladbach- und Nationalstürmer das Knie verdreht und musste sich einer Operation unterziehen. Sechs Monate und zwölf Tage dauerte seine Zwangspause, ehe Kleindienst nun in Heidenheim in der Nachspielzeit eingewechselt wurde.
Doch inzwischen ist in Gladbach alles anders. Die Borussia hat sich unter dem neuen Trainer Eugen Polanski und dem neuen Sportchef Rouven Schröder in eine erfolgreiche Mannschaft verwandelt. Gladbach hat in Heidenheim erstmals seit Juni 2020 wieder ein drittes Bundesligaspiel in Serie gewonnen, und wenn man den vorangegangenen Pokalsieg gegen Karlsruhe hinzuzählt, dann hat der Klub erstmals seit März 2017 wieder vier Pflichtspiele in Serie für sich entschieden.
Kleindienst kehrt also in einer Phase zurück, in der ihn diese Mannschaft rein spielerisch gar nicht mehr so flehentlich und dringend bräuchte wie noch vor ein paar Wochen. Aber: Dass sie auf dem Platz zurzeit auch ohne ihn zurechtkommt, heißt natürlich nicht, dass bei der Borussia nicht trotzdem alle wahnsinnig froh sind, dass ihr Torjäger, mentaler Anführer und seit Sommer offizieller Kapitän zurück ist. Kleindienst könnte mit seiner anpackenden Art die aktuelle Euphorie zusätzlich verstärken – allerdings könnte dies auch auf Kosten ausgerechnet jener drei Spieler gehen, die in Heidenheim die drei Tore geschossen haben.
Geht es nach Kleindienst, darf Tabakovic weiter Tore schießen und Diks auch den nächsten Elfmeter übernehmen
Spieler eins: Haris Tabakovic (2:0/55.), aus Hoffenheim ausgeliehener Bosnier, weist am elften Spieltag dieser Saison sieben Bundesligatore auf und damit genauso viele wie Kleindienst in der vergangenen Saison am elften Spieltag. Die baumlangen Mittelstürmer Tabakovic (1,96 m) und Kleindienst (1,94) als Doppel-Leuchtturm gemeinsam auf dem Feld? Mag gehen, ergibt aber taktisch eher wenig Sinn.
Spieler zwei: Kevin Diks (1:0/45+1.), im Sommer aus Kopenhagen gekommener Abwehrspieler, hat zuletzt für Gladbach die Elfmeter übernommen und sowohl beim 3:1 gegen Köln als auch nun zur Führung in Heidenheim souverän verwandelt. Kleindienst oder Diks – den nächsten Elfmeter kann nur einer von beiden schießen.
Spieler drei: Shuto Machino (3:0/76.), im Sommer aus Kiel verpflichteter japanischer Mittelstürmer, kommt erst so langsam in Gladbach an, hat aber zuletzt sowohl beim 4:0 auf St. Pauli als auch jetzt in Heidenheim als Joker getroffen. Er hat im Konkurrenzkampf mit Tabakovic und nun zusätzlich Kleindienst einen schweren Stand.
Weil der Horrorfilm-Fan Tim Kleindienst ein sehr freundlicher Mensch ist, sagt er über seinen Positionskonkurrenten Tabakovic: „Von mir aus kann Haris gerne so weitermachen und uns noch viele Tore bescheren.“ Und über den Elfmeterkonkurrenten Diks sagt er: „Ich habe kein Problem damit, wenn der Kev die Elfmeter erst mal weiter schießt.“ (Erst mal!)
Da kommt also was zu auf den Trainer Polanski, 39. Der war drei Jahre lang Coach der zweiten Gladbacher Mannschaft in der vierten Liga und wurde Mitte September zum Interims-Chefcoach befördert. Vergangene Woche machte man ihn offiziell zum Cheftrainer, mit einem neuen Vertrag bis 2028. Angesprochen auf mögliche personelle Dilemmata angesichts der Rückkehr nicht nur von Kleindienst, sondern auch vom linken Flügelstürmer Robin Hack (nach zweimonatiger Verletzungspause), sagte Polanski am Samstag in seiner gewohnt kecken Art: „Das ist ein Problem, das ich gerne habe: Wen stelle ich auf?“ Durch seinen neuen Vertrag indes verändere sich für ihn rein gar nichts, betonte Polanski. „Höchstens, dass ich einen neuen Parkplatz zugewiesen bekommen habe.“


