Gladbach:Falsch positiv

16.10.2021, Fussball, Saison 2021/2022, 1. Bundesliga, 8. Spieltag, Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart, v. l. Den

Mensch, mach das doch öfter! Breel Embolo (rechts) appelliert an den Gladbacher Teamkollegen Jonas Hofmann, häufiger zu treffen. Zu mehr als einem Tor langte es gegen Stuttgart aber nicht.

(Foto: Tim Rehbein/imago)

Mönchengladbach gibt gegen Stuttgart alle drei Minuten einen Torschuss ab - doch dieser Europarekord reicht nur zu einem 1:1. Die Schwaben sind derweil stolz darauf, ohne sechs Corona-Patienten gepunktet zu haben.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Ein Spiel mit 9:1 Ecken, 10:5 Flanken und 31:5 Torschüssen nicht gewonnen zu haben, fand Nico Elvedi "ein bisschen ärgerlich". Nun ist der Mann Schweizer, dort äußert man sich bisweilen es bitzeli zurückhaltend. Lars Stindl stammt dagegen aus der Pfalz, dort neigt man zu deutlicheren Bewertungen. Borussia Mönchengladbachs Kapitän fand das 1:1 (1:1) gegen den VfB Stuttgart "total ärgerlich". Daraus wurde besser ersichtlich, welch große Chance die Fußballer vom Niederrhein damit vergeben haben.

Nach vier Punkten in den ersten fünf Spielen hatten die Gladbacher zuletzt 1:0 gegen Borussia Dortmund und 3:1 beim VfL Wolfsburg gewonnen. Ein Sieg gegen Stuttgart hätte den dritten Sieg nacheinander bedeutet und die Gladbacher binnen drei Spieltagen vom 16. auf den sechsten Tabellenplatz katapultiert. Doch so schnelle Aufstiege können beispielsweise beim Tauchen mit der sogenannten Dekompressionskrankheit einhergehen. Steigen Taucher zu schnell auf, kann es zu einer Mangeldurchblutung kommen. Eine derartige Diagnose ist bei tabellarisch schnellem Auftauchen bisher zwar unbekannt; vielleicht liegt es aber dennoch daran, wenn man 31 Mal aus allen erdenklichen Perspektiven aufs Tor schießt - und bloß ein Mal trifft. Dieser Europarekord, den findige Statistiker ausgemacht hatten, wies auf einen herben Mangel an Effizienz hin.

Die Tore fallen auf beiden Seiten eher überraschend

Dass in diesem Spiel voller vergebener Möglichkeiten trotzdem zwei Tore fielen, war eine Überraschung, denn sowohl der Treffer zur 1:0-Führung (15.) durch den wie immer wuchtigen Stuttgarter Konstantinos Mavropanos aus 23 Metern als auch jener zum Ausgleich (42.) durch den wie immer filigranen Gladbacher Jonas Hofmann aus 18 spitzwinkligen Metern hatte jeweils einen xG-Wert von 0,019. xG steht im Statistik-Vokabular für Expected Goals und beziffert prozentual die Wahrscheinlichkeit, von einem bestimmten Punkt aus ein Tor zu erzielen.

Bei Mavropanos und Hofmann lag die Erfolgswahrscheinlichkeit also jeweils nur bei 1,9 Prozent. Insofern haben die 41 608 Zuschauer zwar einerseits nur ein 1:1 gesehen, andererseits aber zwei Tore mit Seltenheitswert. Zwei Kunstschüsse. Das fühlt sich in einem 94 Minuten langen Fußballspiel freilich ungefähr so an, als würde man mit dem Fahrrad mal kurz an der Mona Lisa vorbeiradeln. "Dass unsere Chancenverwertung nicht optimal war, ist das Einzige, was wir uns vorwerfen müssen", sagte Gladbachs Verteidiger Elvedi.

Deutlich zufriedener waren die Stuttgarter, weil in den vorangegangenen zehn Tagen sechs ihrer Spieler corona-positiv getestet worden waren. Bei einer derartigen Ausfallquote (plus die langzeitverletzten Leistungsträger Silas und Sasa Kalajdzic) erstrahlt so ein erkämpfter Auswärtspunkt gleich in einem erheblich helleren Licht. Jedenfalls durften sich die Stuttgarter nach dem Schlusspfiff des Eindrucks rühmen, dass man ihnen die Ausfälle mit zunehmender Spieldauer weniger angemerkt hat als befürchtet.

Vor allem der gerade genesene VfB-Keeper Bredlow imponiert

"Die Mannschaft hat den Schalter gefunden, um trotzdem konkurrenzfähig zu sein", lobte der Trainer Pellegrino Matarazzo und attestierte seinen Fußballern "Charakter". Dies gilt in besonderem Maße für den bis Freitag in häuslicher Isolation befindlichen Ersatztorwart Fabian Bredlow, der sozusagen direkt aus der Isolation in den Gladbacher Borussia-Park reiste und dort eine tadellose Leistung zeigte. In der 38. Minute parierte er gar gekonnt einen Ball, den ihm sein Vordermann Mavropanos versehentlich als Abfälscher aufs eigene Tor manövriert hatte.

Der corona-bedingte Ausfall des Stammtorwarts Florian Müller sowie der Feldspieler Waldemar Anton, Orel Mangala, Roberto Massimo und Erik Thommy bescherte nicht nur Bredlow, sondern auch dem japanischen Verteidiger Hiroki Ito sowie dem dänischen Mittelfeldtalent Nikolas Nartey einen Platz in der Startelf, an der typischen Stuttgarter Zentrumsverdichtung mit integrierten Konterversuchen änderte das nichts. "Der Punkt geht in Ordnung", beschied Matarazzo.

Kein böses Wort fiel, zumindest öffentlich, zu den vielen Corona-Fällen. "Mit unserer Impfquote liegen wir in der Altersklasse, glaube ich, über dem Bundesdurchschnitt", sagte Sportchef Sven Mislintat. Man werde weiterhin niemanden zur Impfung zwingen: "Wir haben ein demokratisches Prinzip in unserer Gesellschaft, jeder kann sich frei entscheiden." Ironie des Schicksals: Ein frischer Test bei Mangala fiel am Samstag plötzlich negativ aus. "Es kann sein, dass Orel falsch positiv war", sagte Mislintat. Ein weiterer Test soll nun endgültig Klarheit bringen.

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