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Rurik Gislason:Einblick in die Maschinerie des Jahres 2018

Gislasons Geschichte erzählt auch etwas über den Fußball im Jahr 2018. Spieler sind eigene Medienunternehmen, sprechen und werben auf ihren Kanälen in den sozialen Netzwerken, die oftmals das Klischee einer oberflächlichen Branche bedienen. Torwart Loris Karius, 2,3 Millionen Follower und vielleicht das prägnanteste Beispiel des Jahres, meldete sich nach seinen Fehlern im Champions-League-Finale mit dem FC Liverpool im Sommer mit einem Video zurück, das an die Rettungsschwimmer von Malibu erinnerte. Er löschte den Beitrag nach heftiger Kritik.

Gislason findet es gestrig, wenn Leute sich über die Präsenz von Fußballern auf Instagram aufregen. Ihn störe zwar, wie unpersönlich der Kontakt sei, einerseits. Andererseits seien die Fans den Spielern heute näher als je zuvor. Er betreue seinen Account am liebsten selbst, sagt er, auch wenn sich unzählige Berater bei ihm meldeten und er in diesem Jahr eine Agentur beauftragt hatte. Er schaue allerdings weniger rein als früher. Denn mit dem Antworten komme er niemals hinterher.

Dass sich sein Leben verändert hat, merkte er zuerst im Sommer in Miami, als sich nicht ein Fan mit ihm fotografieren lassen wollte, wie im Urlaub zuvor - sondern fast alle, "überall, wo ich hinkam". Er merkte es am Medieninteresse, Frauenzeitschriften erfragten seinen Beziehungsstatus. Er merkte es an den Angeboten: Eine eigene Unterwäschelinie? Eine eigene Schuhkollektion? Ein Besuch beim Bambi?

Alfred Finnbogason, Stürmer beim FC Augsburg, grinst, wenn man ihn auf seinen guten Freund und Kollegen im Nationalteam anspricht. Er sagt: "Rurik mag die Aufmerksamkeit."

Gislason erhielt aber auch Nachrichten, die eine andere Lesart seiner Geschichte vorschlugen und ihn nachdenklich machten: Ob es nicht sexistisch sei, wie er dargestellt werde? "Ich fühle mich nicht auf Äußerlichkeiten reduziert. Sexismus ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, das wir bekämpfen müssen. Aber wir dürfen auch niemand anders entscheiden lassen, ob wir uns gut oder schlecht fühlen." Er sagt: "Ich kann mich nicht beschweren."

Gislason glaubt, dass er als Fußballer noch besser werden kann

Gislason wurde zum Jahresende in eine argentinische TV-Show eingeladen. Er antwortete zunächst mit der Forderung einer höheren Gage, denn er will sich nicht zu billig verkaufen. Er sagt, dass er die meisten Angebote seit dem Sommer abgelehnt habe, am liebsten für den guten Zweck werbe. Er kann sich vorstellen, mal in den USA zu leben, er mag New York. Er könnte wohl bereits vom Ruhm im Internet leben. Aber er will noch eine Weile weiterspielen. "Die Modeindustrie kann sehr einsam sein", sagt er. Und er glaubt, dass er noch besser werden kann. Als Fußballer.

Neulich waren seine Eltern zu Besuch, sie sprachen über das Jahr, die WM und die gemeinsamen Tage in Russland, über den Hype und darüber, wie schwierig es sein kann, bei so viel Aufmerksamkeit auf dem Boden zu bleiben. "Ihre Meinung ist mir viel wert", sagt Gislason. "Manchmal sorgen sie sich, dass ich nicht bescheiden bleibe. Aber ich verspreche es ihnen."

Seine Eltern hätten ihn gelobt, sagt er, für seine Leistung als Fußballer. Sie sahen im Stadion, wie Sandhausen 1:2 gegen Heidenheim verlor.

© SZ vom 29.12.2018/jbe
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