Giro-Sieger Chris Froome:Verfolgt von Ventolin-Flaschen

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Giro-Sieger Chris Froome: Plötzlicher Kraftakt: Der bis dahin schwächelnde Chris Froome deklassiert beim Giro d’Italia 2018 die Konkurrenz – der Grundstein für seinen Sieg.

Plötzlicher Kraftakt: Der bis dahin schwächelnde Chris Froome deklassiert beim Giro d’Italia 2018 die Konkurrenz – der Grundstein für seinen Sieg.

(Foto: Luca Bettini/AFP)

Der Giro d'Italia endet mit dem befürchteten Szenario: Schon bald könnte der Sieg des dopingverdächtigen Chris Froome annulliert werden.

Von Birgit Schönau, Rom

Dieses eiserne Lächeln. Egal, was er gefragt wird, Chris Froome lächelt immer. "Haben Sie die Männer auf dem Colle delle Finestre gesehen, die sich als Ventolin-Flaschen verkleidet hatten?" Hintersinniges Lächeln: "Nein, ich war zu sehr auf meinen Angriff konzentriert. Aber wenn ich mal was über die italienischen Fans sagen darf - fantastisch, ganz unglaublich, Chapeau."

Und schon wirkt das Lächeln so einsam überlegen, wie dieser ganze, so asketisch wirkende Froome, der auf dem Finestre eine in der Tat Atem raubende Attacke hingelegt hat, über 80 Kilometer der Konkurrenz davonfuhr und sie alle, alle zurückließ. Den Vorjahressieger Tom Dumoulin aus den Niederlanden, den Landsmann Simon Yates und die Italiener sowieso, die bei diesem 101. Giro keinen Stich machten und sich nun im Radsport wie im Fußball und bei der Papstwahl abgeschlagen sehen. Die italienische Besetzung auf dem Podium in Rom, wo der Giro beim Forum Romanum beschlossen wurde, beschränkte sich auf die Hostessen, die Küsschen an den Sieger verteilten. Diese Show von vorgestern gibt es tatsächlich immer noch, weswegen Froome links und rechts von seinem Eisenlächeln zwei Lippenstiftkussmünder zur Schau trug, als die Frage nach den Ventolin-Flakons kam.

Ventolin ist ein Asthmamittel, es enthält den Wirkstoff Salbutamol. Der Engländer Froome, 33, ist Asthmatiker, er darf Salbutamol einnehmen, allerdings muss er als Radprofi den ziemlich generösen Grenzwert der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) einhalten. Bei der Vuelta im Herbst wurde Sieger Froome mit dem doppelten Wert erwischt. Die Fahnder werteten das als Dopingbeweis, Froomes Anwälte halten dagegen: unschuldig. Das Verfahren ist noch in der Schwebe, Froome meldete sich trotzdem beim Giro an. Die Italiener ließen ihn mitfahren, der vierfache Tour-Sieger sollte dem Wettbewerb Glanz verleihen.

Nach Stürzen und einer Aufholjagd stand also schon vor der letzten Etappe, die aufgrund des schlechten Wetters vorzeitig abgebrochen werden musste, fest, dass Froome auch diesen Giro gewinnen würde, und damit in einem Jahr alle drei Klassiker: Tour, Vuelta, Giro, zuletzt gelang das dem Kannibalen, Eddy Merckx (1972-73), und dem Dachs, Bernard Hinault (1982-83). Das eiserne Lächeln gehört nun in eine Reihe mit den Radlegenden, und wenn Froome wie geplant noch die nächste Tour holte, wenn ihm das Double gelänge, dann wäre er sowieso einsame Spitze. Marco Pantani hat das 1998 als Letzter geschafft - der Italiener starb sechs Jahre später einsam an einer Überdosis Kokain.

Das Duell zwischen Dumoulin und Froome geht vorerst weiter

Der Dopingverdacht gehört zum Radsport wie die Schotterstraßen im Hochgebirge, die übermenschliche Kräfte zehrenden Gipfelkämpfe, die lebensgefährlichen Abfahrten. Wie der Dopingbeweis die Heldensagen im Handumdrehen zu Schurkengeschichten mutieren lässt, weiß man spätestens seit dem Höllensturz des einstigen Tour-Triumphators Lance Armstrong. Nun überschattet der Verdacht Chris Froome und den ganzen Giro. "In seiner Situation wäre ich erst gar nicht angetreten", hat Dumoulin über den Rivalen gesagt. "Wenn er den Giro gewinnt, wird ihm ein paar Wochen später der Sieg womöglich aberkannt." Dumoulin pflegt sein Saubermann-Image offensiv selbstgerecht, das trauen sich die wenigsten, eigentlich keiner aus der ersten Reihe. Sein Team Sunweb gehört zum MPCC (Mouvement pour un Cyclisme crédible), einem Kollektiv von Profiteams, das einem strengeren Protokoll folgt als der Weltverband UCI. Für MPCC-Fahrer stehen Asthmamittel auf dem Index. Schluss mit den Ausnahmegenehmigungen, die jedes Jahr zunehmen.

"Ich habe alles gegeben und mir nichts vorzuwerfen. Ich bin stolz auf mich und mein Team", sagte Dumoulin, nachdem er am Samstag erneut von Froome geschlagen wurde. Am Montblanc wehrte ihn der Engländer wieder ab, der Niederländer blieb Zweiter, gefolgt vom Kolumbianer Lopez Moreno. Als bester Deutscher erreichte Maximilian Schachmann (Quick-Step Floors) Rang 32. Simon Yates, der 13 Tage lang im rosa Trikot gefahren war, hatte zuletzt eineinviertel Stunde Abstand hinter Froome und endete auf Platz 22.

Der Giro war erstmals in Israel gestartet. Von Jerusalem nach Rom, dazwischen liegen viel Symbolik und noch mehr Marketing, vor allem aber fantastische Landschaften und enorme Publikumsteilnahme. Dass das Rennen bis zum Schluss so aufregend blieb, ist Dumoulin und Froome zu verdanken. Ein Duell wie aus der Klischeekiste alter Radlegenden, hier der glatte, gut aussehende, immer ein wenig naiv wirkende Holländer, dort der mysteriös höfliche, in Kenia geborene Routinier, der seine Wunden wie Stigmata herzeigen kann, und im Falle eines Freispruchs tatsächlich als Märtyrer dastehen würde.

Was das betrifft, fragt man sich dann doch, warum derart viel Zeit verstreichen muss zwischen einer Dopingprobe und dem dazu gehörenden Verdikt. Und doch muss im Radsport gelten: im Zweifel gegen den Angeklagten. Der Verdacht gehört zum Berufsrisiko eines Profis, so lange er nicht ausgeräumt ist, dürfte man keine Titel, Trophäen und Lippenstiftmünder sammeln dürfen. Einstweilen wird das Duell von Dumoulin und Froome weiter gehen, bis die Salbutamol-Telenovela abgeschlossen ist. Vielleicht erst nach der Tour. Auch in Frankreich wird dann Froome sein eisernes Lächeln aufsetzen und behaupten: "Ich denke keine Sekunde an mein Verfahren, weil ich sowieso unschuldig bin."

Und man möchte ihm das ja wirklich gern glauben.

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