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Giro d'Italia:Wie damals Fausto Coppi

Ein Italiener gewinnt in Italien: Nach spektakulären Alpen-Etappen sichert sich Vincenzo Nibali das Rosa Trikot. Doch womöglich fährt er bald für Bahrain.

Von Johannes Aumüller, Turin/Frankfurt

Als diese verblüffenden letzten Bergetappen des Giro d'Italia endlich vorbei waren, als der Sizilianer Vincenzo Nibali mit ordentlichem Vorsprung auf die Konkurrenz die Ziellinie nahe Sant'Anna di Vinadio in den Piemonteser Alpen passierte, da dauerte es nicht lange, bis die Suche nach historischen Vergleichen begann. Und weil in so einem Moment der Vergleich nicht groß genug sein kann, landete Italiens Giro-Gemeinde gleich in einem ganz bedeutenden Jahr des nationalen Radsports. Das war wie bei Fausto Coppi 1953, frohlockte sie - und erinnerte an die Rundfahrt, als il Campionissimo, der Meister aller Meister, im Giro schier aussichtslos zurücklag, ehe er mit einer verblüffenden Alleinfahrt über den Stelvio-Pass dem Schweizer Hugo Koblet noch das Spitzentrikot entriss.

Ein wenig unterschieden sich die Ereignisse des Jahres 2016 doch von denen anno 1953, aber niemand hat widersprechen können, als Vincenzo Nibali nach der Zieldurchfahrt von einem "verrückten Giro" sprach. Der 31-Jährige war nur schwer in Tritt gekommen, knapp fünf Minuten lag er zu Beginn der Schlusswoche zurück. Aber auf der vorletzten schweren Bergetappe legte der bis dahin souverän führende Niederländer Steven Kruijswijk (Team Lotto-Jumbo) einen spektakulären Überschlag hin, als er bei der Abfahrt vom 2744 Meter hohen Colle Dell'Agnello die aufgetürmten Schneewände am Straßenrand touchierte - das kostete viel Zeit. Auf der letzten schweren Bergetappe wiederum konnte der nach Kruijswikjs Sturz auf Rang eins vorgerückte Kolumbianer Esteban Chaves (Orica) dem finalen Antritt Nibalis nicht folgen. Und so absolvierte der "Hai aus Messina" zum zweiten Mal nach 2013 die Schlussetappe - bei der Giant-Fahrer Niklas Arndt aus Buchholz nach einem intensiven Massensprint durch eine Jury-Entscheidung auf Position eins gesetzt wurde und so den siebten deutschen Tagessieg erzielte - im Rosa Trikot des Spitzenreiters.

Giro d'Italia

Auf den unwirtlichen Alpen-Etappen hat sich Vincenzo Nibali (links Mitte) das Recht erstrampelt, ins Rosa Trikot des Giro-Führenden zu schlüpfen.

(Foto: Claudio Peri/AP, Alessandro di Meo/AP)

Vom "vielleicht schönsten Sieg meiner Karriere" sprach Nibali. Es war eine Art Rückkehr für den Mann, der nun schon im vierten Jahr als Gesicht der vom kasachischen Staat alimentierten und von zig Dopingaffären und -figuren betroffenen Astana-Truppe firmiert. Seit seinem Sieg bei der Tour de France 2014 hatte er bei den großen Rundfahrten nur wenig Glück. Beim vergangenen Tour-Start landete er am Ende zwar auf dem vierten Platz, aber die Erwartungen waren doch andere gewesen; bei der Vuelta im Herbst disqualifizierten ihn die Rennkommissare, weil er sich auf einer frühen Etappe ein Stück von einem Begleitwagen hatte mitziehen lassen. Ungewohnt offen für die Branche traten während der Frankreich-Rundfahrt Risse zwischen Nibali sowie seinem umstrittenen Teamchef Alexander Winokurow hervor. Es machte sogar das Gerücht die Runde, der Italiener müsse trotz laufenden Vertrages vorzeitig gehen.

Nibali blieb und kann sich jetzt, nach diesem ungewöhnlichen Giro samt diverser glücklicher Fügungen, wieder in der Erfolgsspur wähnen. Im Sommer könnte er gar daran arbeiten, als achter Fahrer in der Radsport-Geschichte innerhalb einer Saison das Double aus Giro und Tour de France zu gewinnen. Als bisher letztem Pedaleur war das 1998 Marco Pantani gelungen. Aber die Aufgabe ist äußerst schwer: Sowohl Sky-Mann Christopher Froome, der die Tour 2013 und 2015 gewann, als auch der kolumbianische Kletterspezialist und Vorjahreszweite Nairo Quintana aus der Movistar-Equipe konzentrieren sich ganz auf die Frankreich-Rundfahrt.

Broeckx im Koma, Canada verunglückt

Wieder ein durch Begleitfahrzeuge verursachter Horror-Unfall, wieder ein Radprofi im Koma: Zwei Monate nach dem Tod des Belgiers Antoine Demoitié beim Frühjahrs-Klassiker Gent-Wevelgem kämpft dessen Landsmann Stig Broeckx um sein Leben. Nach dem schweren Massensturz auf der dritten Etappe der Belgien-Rundfahrt herrscht im Fahrerlager Betroffenheit und Wut. "So kann es nicht weitergehen", kritisierte der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin: "Es ist unverantwortlich, dass wir neben dem normalen Risiko, das unser Sport schon mit sich bringt, noch durch Fehler der Organisatoren in Gefahr gebracht werden." Auch weitere Fahrer äußerten Unverständnis. Die genaue Unfallursache ist bislang ungeklärt, offenbar kamen zwei Begleitmotorräder nach 65 Kilometern am Mont Rigi vom Weg ab und krachten ins fahrende Feld. 19 Fahrer stürzten, am schlimmsten der Lotto-Soudal-Profi Broeckx. Der Kollege des deutschen Sprinters André Greipel erlitt Gehirnblutungen und wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Aachen gebracht. Die Ärzte wollten zunächst keine Prognose abgeben. Ein Unfall bei einem Hobby-Rennen hat am Samstag den ehemaligen spanische Profi David Canada das Leben gekostet. Der 41-Jährige kollidierte bei einer Radtouristikfahrt in Spanien mit einem anderen Fahrer und schlug mit dem Kopf auf den Boden auf. Dies berichtete die Zeitung Heraldo. Canada hatte 2009 seine Karriere beendet. SID

Für Nibali dürfte die Tour in jedem Fall der letzte große Auftritt im Astana-Trikot werden. Der Abschied scheint nach Angaben aus dem Peloton beschlossene Sache zu sein, die Frage ist nur, wohin es ihn danach zieht. Mit Interesse verfolgt die Branche vor allem die Berichte über angebliche Kontakte zwischen Nibali und ein paar reichen Herren in Bahrain. Dort will Scheich Nasser bin Hamad Al Khalifa, der wegen Misshandlungsvorwürfen in die Kritik geratene Königssohn, einen neuen Rennstall hochziehen. Während der Tour möchte er das Projekt präsentieren - und hartnäckig heißt es, er wolle dafür Nibali als neuen Anführer verpflichten, mitsamt diversen anderen italienischen Protagonisten, die gerade noch für Astana zugange sind.

© SZ vom 30.05.2016
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