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Giro d'Italia:Schmetterling düpiert Hai

Der nächste Dominator? Der Radsport sucht einen Topfahrer, Tom Dumoulin aber bleibt beim Giro vorsichtig: "Das Schlimmste kommt noch."

(Foto: Luk Benies/AFP)

Der Zeitfahrspezialist Tom Dumoulin wehrt in den Bergen die Attacken der Kletterer Quintana und Nibali ab und könnte zum neuen Stern am Radfahrhimmel werden.

Von Birgit Schönau, Rom

Es hätte der Giro des Nairo Quintana und des Vincenzo Nibali werden sollen, ein Duell zwischen Kletterspezialisten aus Kolumbien und Sizilien. Beide streben den Doppelpack mit der Tour an. Nibali, 32, der Vorjahressieger, hatte in Frankreich bereits 2014 gewonnen, als Quintana, 27, die Italienrundfahrt für sich entschied. Die beiden gehören zu den Besten im Radsport und was ja fast genauso wichtig ist: Sie sind Typen. Der 1,82 Meter große Nibali, Spitzname "Hai von der Meerenge", ist nicht ganz so eruptiv wie sein Hausberg, der Ätna, aber ziemlich durchsetzungsstark. "Condor" Quintana, 167 Zentimeter pure Energie, segelt am Berg stoisch voran, hört nichts, sieht nichts, sagt nichts. Nibali und Quintana sind alte Bekannte und hatten sich darauf eingestellt, sich in einem schönen, harten Zweikampf überhaupt nichts zu schenken. Jetzt sagt der Italiener: "Wenn Dumoulin in Mailand Erster wird, können wir ihm nur gratulieren."

Tom Dumoulin, 26, auch "Vlinder (Schmetterling) aus Maastricht" genannt, ist zuletzt nicht nur unaufhaltsam an den Favoriten vorbeigezogen und hat seinen Vorsprung stetig weiter ausgebaut. Am Sonntag, in den Hügeln um Bergamo, zeigte sich der Niederländer auch moralisch überlegen - er stoppte das Peloton, als er Quintana bei einer Abfahrt wegrutschen sah. Eine Geste der Fairness, die sich Dumoulin, der für das deutsche Team Sunweb fährt, leisten kann. Sicher, der Weg ist noch weit und vor allem: steil und steinig. Am Dienstag wartet die Königsetappe mit drei großen Anstiegen, 222 Kilometer über Mortirolo, Stilfserjoch und Umbrailpass. Und am Donnerstag folgen fünf Steigungen in den Dolomiten zwischen Moena und St. Ulrich. Freitag und Samstag geht es, kaum weniger gemütlich, weiter durch die Berge. Erst der Schlussspurt, ein Zeitfahren am Sonntag, wird dann wieder flach.

Dumoulins Vorsprung beträgt 2:41 Minuten - mancher Gegner denkt schon ans Aufgeben

Zeit genug wäre also, um Tom Dumoulin bis Sonntag einzuholen, der eigentlich ein Zeitfahrspezialist ist. Doch während der große Kletterer Quintana, derzeit zweitplatziert mit 2:41 Minuten Abstand, verbissen schweigt, denkt Nibali auf Platz vier schon daran, die Flinte ins Korn zu werfen: "Es gibt hier einfach Leute, die besser drauf sind als ich. Der Giro ist noch nicht vorbei aber ich habe schon sehr viel Verspätung." 3:40 Minuten, um genau zu sein, tatsächlich eine kleine Ewigkeit.

Als Dumoulin am vergangenen Dienstag nach dem ersten langen Zeitfahren das Rosa Trikot des Gesamtklassement-Ersten überstreifte, war die Giro-Welt noch in Ordnung. Der 1,86 Meter große Holländer würde bei der ersten Bergetappe schon klein beigeben, sagte sich die Konkurrenz. Dass die Sprinter in der Anfangsphase des Giro in Rosa fahren dürfen, ist ja auch Usus, dem dreifachen deutschen Meister André Greipel war das nach seinem Sieg bei der zweiten Etappe für einen Tag auch gelungen. Doch Greipel hatte sich am Samstag zurückgezogen; er wird auf die schweren Bergetappen verzichten, um sich auf die Tour de France zu konzentrieren. Während es für Dumoulin jetzt erst richtig losgeht.

Sicher, der Niederländer hatte bereits im Vorjahr neben einem Zeitfahren eine schwere Bergetappe bei der Tour de France gewonnen und musste bei der Vuelta 2015 erst am vorletzten Tag dem Sarden Fabio Aru den Vortritt lassen. Ganz überraschend ist die Vielseitigkeit und Stärke dieses Fahrers also nicht. Dennoch verblüffte alle, mit welcher Selbstverständlichkeit Dumoulin am Samstag die Piemont-Etappe zur Wallfahrtskirche von Oropa eroberte. "Habt ihr gesehen, wie lässig der auf meinen Angriff reagiert hat?", fragte später ein untröstlicher Quintana: "Heute haben wir gesehen, wie stark dieser Dumoulin ist." Der Niederländer erinnerte an Marco Pantani, der auf dieser Strecke 1999 mit einem beeindruckenden Slalom an allen vorbeigezogen war. Mitten auf der Steigung war ihm die Kette vom Rad gesprungen. Pantani musste absteigen, sie wieder einhängen und verlor 30 Sekunden. Eigentlich aussichtslos. Aber danach überholte er 49 Gegner.

Eigentlich ist er Zeitfahrer, bei diesem Giro gewinnt er auch Bergetappen

Für Dumoulin gestaltete sich diese Strecke nicht ganz so dramatisch. Nachdem er Quintana abgeschüttelt hatte, musste er am Schluss nur am Russen Ilnur Zakarin vorbeiziehen. Das schaffte er indes in Rekordzeit. Auf den letzten 8500 Metern war der Schmetterling nur 40 Sekunden langsamer als der entfesselt kämpfende Pantani. Allerdings war der italienische "Pirat" auch 14 Zentimeter kleiner. Pantani wurde zudem vor der letzten Etappe unter Dopingverdacht von Carabinieri abgeführt und disqualifiziert. Er starb 2004 an einer Überdosis Kokain. Die heroische Oropa-Etappe erinnerte deshalb auch an die düstersten Zeiten des Radsports. Kein Wunder, dass die italienischen Medien angesichts der strahlenden Leistung des Sprinters Dumoulin skeptisch reagieren. Der Corriere della Sera fragt: "Ist das normal? Wie kann ein 1,86 Meter großer Chrono-Mann derart schnell den Berg hinauf kommen?" Rasch beteuerten die von der Zeitung befragten Experten, ein Ferrari sei halt auch auf kurvenreicher Strecke schnell. Hinzu komme, dass Dumoulin drei Kilo Gewicht verloren habe - auf "intelligente Weise". Nach der Ankunft im Ziel verputze er jedenfalls Berge von Pasta.

Neben dem langen und eleganten Niederländer wirkt Quintana wie ein trauriges Kind auf einem viel zu großen Rennrad. Das Duell der beiden wird die letzten Tage des 100. Giro d'Italia bestimmen. Groß gegen klein, Norden gegen Süden, lässig gegen verbissen, ein Zweikampf wie gemalt für einen Wettbewerb, der endlich einen neuen Stern am Radfahrhimmel hervorbringen könnte. Noch gibt sich Dumoulin vorsichtig: "Wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Steigungen absolviert." Das Schlimmste kommt zum Schluss.

Und da wäre ja vielleicht auch noch Vincenzo Nibali.

© SZ vom 23.05.2017
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