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Giro d'Italia:Die Farbe zum Lebensgefühl

Erst sechs Deutsche durften sich beim Giro d'Italia das Trikot des Gesamtführenden überstreifen: Marcel Kittel ist einer davon.

(Foto: Luk Benies/AFP)

Nach einem missratenen Jahr 2015 gelingt Radprofi Marcel Kittel die Rückkehr in die Weltspitze der Sprinter. Beim Giro d'Italia fährt er ins Rosa Trikot - aber es stehen noch zwei höhere Ziele an.

Von Johannes Aumüller, Praia a Mare/München

Jetzt ist die Saison gerade mal drei Monate alt, und Marcel Kittel hat in dieser Zeit schon sehr ungewöhnliche Siegerehrungen erleben dürfen. Die eine ereignete sich gleich im Februar, da landete er bei der sportfachlich nicht ganz so aufregenden Dubai-Tour ganz vorne, aber auf dem Podium gab es statt der Radsport-üblichen Bussis schlanker Lokal-Schönheiten einen kräftigen Händedruck des nicht ganz so schlanken Diego Armando Maradona. "War auch mal interessant", sagt Kittel. Die andere und wichtigere ungewöhnliche Siegerehrung, die folgte erst in diesen schönen Mai-Tagen, kurz nach dem Beginn des Giro d'Italia: Da streiften sie ihm dank der Zeitgutschrift für zwei überlegen gewonnene Sprints das Maglia Rosa über, und seine erste Fahrt darin durfte er am Dienstag auf der Etappe nach Praia a Mare genießen.

Dort musste er es freilich wieder abgeben, an den Niederländer Tom Dumoulin. Eine Etappe im Rosa Trikot, das in der langen Geschichte dieser schweren Rundfahrt überhaupt erst sechs Deutsche trugen, das ist die vorläufige Vollendung einer erstaunlichen Rückkehr an die Weltspitze der Radsprinter. 2013 und 2014 dominierte er die Szene, inklusive vier Etappensiegen und der Eroberung des Gelben Trikots bei der Tour. Doch dann kam eine schwierige Saison 2015: Im Frühjahr erkrankte er an einem Virus und kam nicht mehr recht in Schwung, seine damalige Mannschaft Giant-Alpecin strich ihn aus dem Kader für die Frankreich-Rundfahrt, intern gab es so manchen Misston. Jetzt, im Hemd seines neuen Etixx-Teams, scheint wieder alles so erfolgreich zu laufen wie früher: Zehn Siege gelangen Kittel in diesem Jahr, in Dubai, an der Algarve, in Belgien, nun beim Giro - der Arnstädter ist offenkundig gut gerüstet für zwei weitere große Ereignisse in diesem Jahr: die Tour im Juli und die WM im Oktober - der Olympia-Kurs in Rio ist für Sprinter zu schwer.

Deutschlands Rad-Elite ist in den vergangenen Jahren vielfältig geworden, es gibt Spezialisten für nahezu alle Disziplinen, selbst Klassementfahrer reifen wieder heran. Aber wenn es ein dominierendes Segment gibt, dann den Sprint. Der Rostocker André Greipel, im Vorjahr auf vier Tour-Etappen der Schnellste. John Degenkolb, der inzwischen zwar auf Klassiker geeicht ist, aber zumindest bei nicht ganz ebenen Massenankünften stets vorne zu erwarten ist - wenn er nach seinem schweren Unfall im Winter-Trainingslager wieder richtig in Form kommt. Und eben Marcel Kittel, der am Mittwoch seinen 28. Geburtstag feiert. Das dürfte noch zu einigen interessanten Duellen führen, nicht nur beim Giro, auch bei der Tour. Dort fahren sie immerhin für unterschiedliche Teams. Nicht so bei der WM in Katar, bei der ein reiner Sprinterkurs ansteht und sich die deutsche Teamleitung wohl für einen Leader entschieden muss.

Bis dahin ist es noch eine Weile, aber derzeit darf Kittel die Führungsrolle im deutschen Sprint reklamieren. Er hat nach dem schlechten Jahr 2015 in seinem Sport einiges verändert, zuvorderst seine Mannschaft. Es gab verschiedene Angebote, aber die belgische Traditionsmannschaft Etixx hat er dann als "logische Wahl" angesehen. Ein Team mit viel Kapital und Qualität, ein erfahrener Sprintzug, ein befreundeter Teamkollege wie Zeitfahr-Experte Tony Martin, das ergibt schon Sinn.

Andererseits gehört Kittel zu den Fahrern, die in Dopingfragen klare Aussagen draufhaben, erst neulich tat er seinen Unmut darüber kund, dass jemand wie der frühere Dauerdoper Alexander Winokurow noch immer in führender Position das Astana-Team lenkt. Nur ist es so, dass auch die Etixx-Leitung nicht gerade den Hort ewiger Sauberkeit darstellt. Patrick Lefevere war schon vor zwei Dekaden der Chef - in einer Zeit, über die frühere Fahrer von systematischem Team-Doping berichteten, was der Belgier bestreitet. Zur Leitung gehört auch Brian Holm, geständiger früherer Telekom-Doper. "Ich finde es glaubwürdiger, wenn jemand seine Fehler zugegeben hat, bestraft wurde, und dann aktiv - wirklich aktiv - an der Weiterentwicklung teilnimmt und auch glaubhaft rüberbringt, dass er jetzt in eine andere Richtung gehen will", sagte Kittel kürzlich in einem FAZ-Interview.

Nicht nur das Team, auch den Wohnort hat Kittel gewechselt. Wenn in Deutschland das Wetter mal nicht so ist, wie es Radfahrer gerne hätten, hält er sich nun in Girona auf, im Nordosten Spaniens nahe der Grenze zu Frankreich. Er wohnt dort in der Ferienwohnung seines irischen Teamkollegen Daniel Martin; überhaupt sind zahlreiche Radprofis in Girona unterwegs. "Ich kann da leicht Trainingsgruppen finden", sagt Kittel. Und noch etwas merkt er in Girona: Sein Sport scheint dort immer noch populärer zu sein als in seiner Heimat. Autogramme muss er in Spanien jedenfalls öfter schreiben als in Deutschland. Was sich durch seinen Auftritt beim Giro nicht gerade ändern wird.

© SZ vom 11.05.2016
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