Giro d'Italia:Chris Froome, der ungeliebte Sieger

Giro d'Italia: Christopher Froome (im Rosa Trikot des Führenden) fährt in der 20. Etappe des Giro d'Italia von Susa nach Cervinia.

Christopher Froome (im Rosa Trikot des Führenden) fährt in der 20. Etappe des Giro d'Italia von Susa nach Cervinia.

(Foto: AFP)
  • Der Brite Chris Froome verteidigt sein Rosa Trikot und steht kurz vor seinem ersten Sieg beim Grio d'Italia.
  • Das Verfahren über seine positive Dopingprobe aus der Vuelta 2017 ist indes weiter ungeklärt - was einen Profi-Kollegen zu einer heiklen Aussage bewegt.

Von Emil Bischofberger, Cervinia

Nicht wenige Beobachter warteten, ob noch ein Favorit straucheln würde, irgendwo auf dem Weg zur Rückseite des Matterhorns, nach Cervinia, wo der Giro d'Italia 2018 endgültig entschieden werden sollte. Und die Krise kam, auch dieses Mal erwischte es eine der großen Figuren des Rennens. Aber nicht der umstrittene Gesamterste Chris Froome erwischte einen schlechten Tag, sondern Thibaut Pinot, der am Freitag noch überzeugend auf Rang drei vorgefahren war. Der Franzose fuhr in ein Loch, das so tief war, dass er unterwegs laut vor sich hin fluchte, während er sich in einem Tempo bergauf quälte, das keinen Hobbyfahrer am Straßenrand beeindrucken konnte.

Pinot kam mit dem Gruppetto ins Ziel, 45 Minuten nach dem Etappensieger. Es war eine illustre Gruppe. Neben Pinot fuhr da auch Rohan Dennis mit, ebenso Simon Yates - jene zwei Fahrer, die die Maglia Rosa zusammen an 17 von 20 Renntagen getragen hatten. Dies zeigte deutlich, wie unbarmherzig dieser Giro d'Italia gewesen war, einmal mehr. Wer seine Kräfte im falschen Moment, sprich zu früh, verbraucht hatte, wurde bestraft.

Derweil fuhren Froome, der das Rosa Trikot mit seinem enormen 80-Kilometer-Solo am Freitag übernommen hatte, und Tom Dumoulin einmal mehr in der Spitzengruppe. Als ob nichts gewesen wäre - würde man hier normalerweise anfügen. Aber so war es dann doch nicht. Die beiden spürten ihre Anstrengungen vom Vortag sehr wohl. Besonders der Niederländer wirkte angezählt. Auf einen frühen Angriff verzichtete er, ließ die ersten zwei von drei Steigungen ungenutzt vorbeiziehen.

Einfach so hergeben würde er den Giro aber nicht. Der ­Titelverteidiger bündelte seine verbliebenen Kraftreserven auf den allerletzten Anstieg des Rennens. Neun Kilometer blieben noch zu fahren, als er antrat - Froome stellte ihn sofort. 300 Meter später: Versuch zwei - Froome stellte ihn. 200 Meter später ein drittes Mal, nun ging Dumoulin gar aus dem Sattel - ohne Froome zu beeindrucken. Bei Versuch Nummer vier, immer noch auf demselben Kilometer, gelang es Dumoulin, eine Lücke von vielleicht zehn Meter aufzureißen. Er schaute sich um: ein, zwei, drei Mal. Spielte Froome mit ihm? Oder war da wirklich eine Chance? Fehlanzeige. Drei Kilometer später versuchte es der Niederländer ein fünftes und letztes Mal, die Verzweiflung war ihm nun anzusehen. Er war am Ende seiner Kräfte, aber den Sieg kampflos herschenken, bei nur 40 Sekunden Rückstand? Nein. Danach fuhren sie gemeinsam Richtung Ziel, Froomes Sieg war Tatsache.

Der Erfolg des Briten ist logisch und unlogisch zugleich. Vor dem Start war er der Topfavorit - der aber schon vor der ersten Etappe in die Defensive geriet. Beim Einfahren fürs Zeitfahren war er gestürzt und verlor dort prompt Zeit. So blieb das in den Tagen danach. Hier und da kassierte er einige ­Sekunden, im Team Sky wurde ein Ausstieg diskutiert.

"Er macht einen Landis!? Unglaublich!"

Viele Beobachter waren froh um die Rennentwicklung, so würde sich ein unangenehmes Problem von alleine lösen: jenes des ungeliebten Siegers. Das Verfahren über seine positive Dopingprobe aus der Vuelta 2017 ist weiter ungeklärt. Froome, so die vorherrschende Meinung im Profiradzirkus, hätte dieses Rennen aussetzen sollen - wie alle anderen in diesem Jahr. Im ­Giro-Peloton wurde gemault, so war zu hören. Doch öffentlich äußerte niemand seinen Unmut - abgesehen von Dumoulin vor dem Rennen.

Ein gutes Beispiel für die eigenartige Beziehung des Profiradsports zum Fall Froome ist eine Episode aus dem holländischen Team LottoNL-Jumbo. Deren Kapitän George Bennett war am Freitag nach der Zielankunft in einem Kurzinterview auf Froomes Parforceritt angesprochen worden - ohne zu wissen, wie dessen Angriff ausgegangen war. "Er ist nun Leader? Willst du mich veräppeln? Er macht einen Landis!? Unglaublich!", sagte der Neuseeländer ungefähr und lachte über den letzten Teil seiner Aussage. Mit der Formulierung "einen Landis machen" verglich der Achte des Gesamtklassements Froome Soloritt mit jenem von Floyd Landis, die diesem 2006 den Tour-Sieg gebracht hatte - ehe er wenig später des plumpen Dopings überführt wurde.

LottoNL-Jumbo, das den ­Videoschnipsel am Freitagabend selber publiziert hatte, reagierte zwei Stunden später, nachdem es online von einigen Fans für die "Dopingvorwürfe gegen Froome" kritisiert worden war: mit einer Entschuldigung. Die Aussage ihres Fahrers sei "keine Unterstellung, sondern seine Art, Bewunderung für so eine außerordentliche Leistung auszudrücken". Außerordentlich war sie zweifelsohne. Nur: Was ist eine Leistung wert, die es eigentlich gar nicht hätte geben sollen? Eine schwierige Frage, eine von vielen, die weiter offen bleiben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB