Süddeutsche Zeitung

Gibraltar in der EM-Qualifikation:Mit der Feuerwehr gegen Deutschland

Gibraltar ist erstmals bei einer Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft dabei. Erst 2013 nahm die Uefa das britische Überseegebiet als Mitglied auf. Gruppengegner Deutschland wird auf eine Mannschaft treffen, in der nur die wenigsten ihr Geld mit Fußball verdienen.

Der Fußball-Nationaltrainer von Gibraltar fliegt nicht zwischen Freiburg, London, München und Rom hin und her, um sich für seine Elf die besten Spieler auszusuchen. Allen Bula muss da andere Wege gehen. "Danny ich muss privat mit Dir über Nationalmannschaft und Qualifikation zur EM 2016 sprechen", schrieb er im September 2013 an den britischen Fußballprofi Danny Higginbotham über Twitter. Eine E-Mail und 34 Retweets später gehörte Higginbotham zum Kader der Nationalelf.

Ein Spiel hat Higginbotham seitdem für Gibraltar gemacht. Das Einzige, denn mehr Spiele gab es nicht. Das torlose Unentschieden im Freundschaftsspiel gegen die Slowakei wurde gefeiert wie ein Sieg. Es war das erste offizielle Länderspiel für Gibraltar, nachdem die Uefa das kleine britische Überseegebiet am südlichsten Zipfel Spaniens - trotz mächtigen Widerstandes des großen Nachbarn - im Mai 2013 als Mitglied aufgenommen hatte. In diesem Jahr folgen die Pflichtspiele.

Gibraltar spielt in der Qualifikation zur Europameisterschaft in Frankreich 2016 mit. Vorher durften die Gibraltarer nur bei inoffiziellen Wettbewerben ran. Bei den Island Games holte Gibraltar 2007 den Titel, obwohl das Land gar keine Insel ist. Und bei der Fifi 2006, einer Meisterschaft für Mannschaften, die nicht bei der Uefa und Fifa geführt werden, wurde Gibraltar Dritter mit einem Sieg über die "Republik St. Pauli".

Das Ziel sind die Play-Offs der EM-Qualifikation

Mit der EM-Qualifikation stehen aber deutlich höhere Aufgaben an. Gegen Spanien darf Gibraltar nach einem Beschluss der Uefa-Exekutive nicht gelost werden. Nun ist die Mannschaft in der Gruppe mit der deutschen Nationalelf gelandet. "Das ist natürlich eine harte Gruppe für uns. Über Deutschland braucht man nichts zu sagen", kommentierte Trainer Bula die Auslosung am Sonntag in Nizza. "Trotzdem bleibe ich bei meinem Ziel: Wir wollen in die Play-Offs", erklärte er. Der dritte Platz in einer Gruppe mit Teams wie Deutschland, Schottland, Irland und Polen? Ein ambitioniertes Ziel für die Halbinsel, die mehr Hallenfußball-Klubs als "richtige" Fußballvereine hat.

Die direkten Konkurrenten reagierten gelassen. "Über Gibraltar weiß ich nicht viel", sagte der Trainer von Schottland, Gordon Strachan. Und Deutschlands Trainer Joachim Löw meinte: "Bei Gibraltar lasse ich mich überraschen."

Die größte Überraschung ist wohl der Ort, an dem die Mannschaft aus Gibraltar ihre Heimspiele austrägt. Wenn die Deutschen am 13. Juni gegen Gibraltar spielen, müssen sie nach Portugal. Gibraltar zieht für die Quali-Spiele in das Estadio do Algarve in Faro um. Das Viktoria Stadion im Bayside Sport Complex von Gibraltar, in dem auch die jährliche Bierfest-Woche abgehalten wird, genügt nicht den Uefa-Anforderungen. Nur 5000 Zuschauer können rein, die medizinische Versorgung ist ungenügend. Ein neues Stadion mit 10.000 Sitzplätzen ist erst in Planung. Deshalb geht es nach Faro, ein Stadion mit 30.000 Sitzplätze - genug für die rund 29.000 Einwohnern von Gibraltar.

Zurück zur "goldenen Ära" von Gibraltar

Mit den großen Gegnern wie Deutschland, Polen und Schottland soll alles wieder so werden wie zur "goldenen Ära" in Gibraltar. So nennen die dortigen Fußballfans die 1940er Jahre als die Nationalmannschaft zahlreiche Teams aus Europa zu Freundschaftsspielen zu Gast hatte. Der Höhepunkt war ein 2:2 über Real Madrid am 25. Oktober 1949. Damals stellte das britische Militär die Mannschaft. Heute sind es immer noch zum Großteil Amateure.

Nur acht der 22 Spieler verdienen ihr Geld mit Fußball, unter anderem in den niedrigen Ligen Englands. Der Rest arbeitet bei der Feuerwehr, der Polizei oder der Stadtverwaltung von Gibraltar und kickt nebenbei für einen der zwanzig Fußballvereine des Übereegebiets. Am höchsten spielt derzeit Scott Wiseman. Der 28-jährige Innenverteidiger steht bei Preston North End in der dritten englischen Liga unter Vertrag.

Twitter-Nominierung Danny Higginbotham kam in seiner aktiven Zeit sogar auf 210 Spiele in der ersten Liga, der englischen Premier League, doch der 35-Jährige beendete im Januar 2014 seine Karriere. Nur für die Nationalmannschaft Gibraltars wird er weiterhin spielen. Immerhin ist Trainer Allan Bula auch sein Onkel.

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